Minister Bernd Althusmann eröffnet den Brokser Heiratsmarkt "Wer feiern kann, kann auch lernen"

Nach den Liberalen Hans-Heinrich Sander und Philipp Rösler kommt mit Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann wieder ein Christdemokrat als Heiratsvermittler nach Bruchhausen-Vilsen. Er eröffnet heute den Brokser Heiratsmarkt 2010.
26.08.2010, 10:50
Lesedauer: 6 Min
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Nach den Liberalen Hans-Heinrich Sander und Philipp Rösler kommt mit Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann wieder ein Christdemokrat als Heiratsvermittler nach Bruchhausen-Vilsen. Der 43-jährige Lüneburger eröffnet heute um 15 Uhr die fünfte Jahreszeit im Luftkurort - den Brokser Heiratsmarkt 2010. Im Interview mit Jörn Dirk Zweibrock spricht er über den doppelten Abiturjahrgang, die Unterrichtsversorgung sowie die schlechten Umfragewerte für die CDU.

Frage: Herr Minister, wäre der Brokser Heiratsmarkt 2010 nicht ein idealer Ort, Ihre Lebensgefährtin in den Hafen der Ehe zu führen? Eine Spaßtrauung im Himmelbett hätte doch was, oder? Zumal sich ja schon Nachwuchs angekündigt hat.

Bernd Althusmann: Es ist eine große Ehre für mich, dieses Jahr bei diesem einmaligen Fest als Heiratsvermittler auftreten zu dürfen. Privat bevorzuge ich aber die echte Eheschließung und diese wird alsbald folgen.

Ihre Partnerin war in ihrer Jugendzeit Trapez-Künstlerin bei Zirkus Renz. Hält Sie Iris auch privat gut auf Trab?

Um es diplomatisch auszudrücken: Wenn die gesamte Familie mit allen Kindern zwischen drei und 15 Jahre etwas unternimmt, dann ist das bei uns schon manchmal ein ganz schöner Zirkus. Wir haben das Geschehen aber gemeinsam immer ganz gut im Griff.

SPD-Bildungsexpertin Frauke Heiligenstadt hat nach den Haushaltsberatungen gesagt, Sie seien 'eher Frosch als Prinz'. Wie sehen Sie sich?

In erster Linie als einen Minister, der in über 100 Tagen Amtszeit eine gute Bilanz vorweisen kann und seine erste Haushaltsklausur mit einem guten Ergebnis für die Unterrichtsversorgung und damit für die Schülerinnen und Schüler in unserem Land abgeschlossen hat. Darüber hinaus als humorvollen Menschen, der weiß, dass beim 'Froschkönig' am Ende alles gut wird. Im Übrigen hätte ich ein Wachküssen durch die Oppositionsvertreterin grundsätzlich abgelehnt.

Ihr SMS-Klingelton soll an ein U-Boot erinnern. Eine Erinnerung an Ihre Offizierlaufbahn bei der Bundeswehr?

Nein, der Ton ist einfach besonders einprägsam. Im Alltag ist das Handy meist nur auf Vibration gestellt.

'Fachkenntnisse und neuer Kommunikationsstil' hat Ihnen SPD-Fraktionschef Stefan Schostok attestiert. Was machen Sie anders als Ihre Vorgängerin Elisabeth Heister-Neumann?

Die Unterschiede mögen andere beurteilen. Ich führe in vielen Feldern die gute Arbeit der vergangenen Jahre fort und setze natürlich auch eigene Schwerpunkte, etwa im Bereich der Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund oder bei der gemeinsamen Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderungen. Der enge und vertrauensvolle Dialog mit Vertretern der Eltern-, Schüler- und Lehrerschaft ist mir besonders wichtig, ebenso wie mit den Kommunen als Trägern unserer mehr als 3000 Schulen. Bildungspolitik ist für mich zur großen Leidenschaft geworden.

Die Außenstelle der Landesschulbehörde in Syke ist gesichert? Verden und Rotenburg müssen ja schließen.

Ja, die Außenstelle in Syke bleibt bestehen. Wir haben es uns bei keinem einzigen Standort leicht gemacht mit der Entscheidung dafür oder dagegen und alle Argumente sorgfältig abgewogen. Insgesamt wird die neue Niedersächsische Landesschulbehörde aus der Neuaufstellung gestärkt hervorgehen und als moderner Dienstleister für die Schulen da sein.

2011 machen die ersten Schüler am Gymnasium Bruchhausen-Vilsen Abitur. Stichwort doppelter Abi-Jahrgang - welche Nachteile haben die Abiturienten zu erwarten?

Schüler und Eltern müssen sich nicht sorgen. Niedersachsen hat sich frühzeitig auf die Herausforderungen eines so starken Abiturientenjahrgangs vorbereitet. Vertreter der Landesregierung, der Wirtschaft und der Hochschulen haben gemeinsam mit den Verbänden alle Voraussetzungen dafür geschaffen, dass jede Absolventin und jeder Absolvent eine gute Chance auf dem Studien- oder Ausbildungsmarkt hat. Und was die Abiturergebnisse angeht: Wir sehen Anzeichen dafür, dass es kaum Leistungsunterschiede zwischen den Schülerinnen und Schülern beider Jahrgänge geben wird.

Halten Sie am Turbo-Abi nach zwölf Jahren in Niedersachsen fest?

Der Begriff Turbo-Abitur ist irreführend. Das Abitur nach acht Jahren Gymnasialzeit ist leistbar. Unsere Schüler gewinnen damit ein Jahr für Studium oder Ausbildung und gehen damit den gleichen Weg wie ihre Altersgenossen in anderen Bundesländern und in den meisten anderen Staaten Europas. Wir haben unsere Lerninhalte inzwischen auf die verkürzte Zeit überarbeitet.

War der Ausgang des Hamburger Volksentscheids eine Genugtuung für Sie?

Nein. Der Stadtstaat Hamburg mit seinen gewachsenen Strukturen ist nicht zu vergleichen mit einem Flächenland wie Niedersachsen, und der Bildungsföderalismus ist meines Erachtens eine Stärke des deutschen Bildungssystems. Jedes Land kann eigene Akzente setzen. Wir halten in Niedersachsen jedoch an der vierjährigen Grundschule und an der freien Entscheidung der Eltern über die Schullaufbahn ihrer Kinder fest. Statt in eine sechsjährige Primarschule investieren wir in frühkindliche Bildung. Dennoch müssen wir unsere Schulstrukturen ganz behutsam fortentwickeln. Der Rückgang der Schülerzahlen in den nächsten Jahren verlangt verantwortliches Handeln.

Werden in Niedersachsen wegen der sinkenden Schülerzahlen künftig Haupt- und Realschulen zusammengelegt?

In einer Arbeitsgemeinschaft (AG) Schulstruktur entwickeln wir derzeit gemeinsam mit den Kommunen als Schulträgern regional passgenaue Lösungen zur Fortentwicklung unseres Schulwesens. Den Ergebnissen der AG, die sich nächste Woche zum zweiten Mal treffen wird, kann ich nicht vorgreifen. Dennoch erwarte ich bereits für diesen Herbst erste Ergebnisse. Die Umsetzung gilt es, auf eine breite Basis zu stellen.

Liegt die Unterrichtsversorgung im Land wirklich bei 100 Prozent?

Die 100 Prozent sind ein rein statistischer Durchschnittswert, der gelegentlich überbewertet wird. Für mich ist entscheidend, dass wir alle frei werdenden Stellen wieder besetzt haben und mit den fast 1500 zum neuen Schuljahr eingestellten Lehrerinnen und Lehrern die Unterrichtsversorgung landesweit sichern. Wir wissen aber auch, dass es Schulen gibt, die vor Herausforderungen in bundesweiten Mangelfächern wie Physik, Latein oder Mathematik stehen. Hier versuchen wir über die Landesschulbehörde kurzfristig zu helfen und langfristig junge Menschen für den Lehrerberuf in diesen Fächern zu begeistern.

Wie können Junglehrer aufs platte Land gelockt werden? Droht der Provinz bald ein Lehrermangel?

Nein, sicher nicht, der regionale Ausgleich gehört bei der Sicherung der Unterrichtsversorgung zu den wichtigsten Aufgaben. Wir haben gerade im gymnasialen Bereich vergangenes Jahr neue Außenstellen der Studienseminare im ländlichen Raum eingerichtet, nämlich in Nienburg, Uelzen, Vechta, Seesen und Cuxhaven - auch mit dem Ziel, angehende Lehrkräfte für diese Region zu begeistern. Der ländliche Raum muss schulisch auch in Zukunft gut versorgt bleiben.

Was tun Sie in dieser Legislaturperiode für die Jungenförderung?

Dieses Thema liegt mir besonders am Herzen, auch wenn wir noch ganz am Anfang stehen. Es gab vor einigen Wochen auf meine Einladung hin eine erste Tagung zum Thema in Hannover, weitere Initiativen werden folgen. Es wird unter anderem darum gehen, wie wir es erreichen können, dass Jungen sich mehr für ihren eigenen schulischen Bildungserfolg interessieren und wie wir zum Beispiel den Anteil männlicher Erzieher und Lehrkräfte gerade im Grundschulbereich steigern können. Ich sehe dies als eine langfristige Aufgabe.

Herr Minister, Sie sind sportlich und haben erklärt, Sie seien in Sachen Bildung auf der Langstrecke unterwegs. Die Abiturienten aus Bruchhausen-Vilsen veranstalten am Freitag, wenn Sie den Brokser Heiratsmarkt 2010 eröffnen, einen Abi-Lauf. Jeder Schüler sucht sich Sponsoren, damit Geld in die Abi-Kasse kommt. Laufen Sie mit?

Spaß machen würde mir das schon - erst vor Kurzem habe ich beim Behördenmarathon den Maschsee umrundet, mit jedoch nur mäßigem Erfolg. Zugegebenermaßen bin ich derzeit nicht so gut im Training, also: leider nein, ich hoffe, dass sie sich am Freitag mit meinem Engagement als Heiratsvermittler zufrieden geben.

Jedes Jahr flammt die Diskussion neu auf, ob am Brokser-Markt-Dienstag nicht schulfrei sein sollte. Was halten Sie davon?

Nur so viel: Wer feiern kann, der kann und sollte auch arbeiten oder lernen.

Hand aufs Herz, können Sie bei den schlechten Umfragewerten für die Bundes-CDU eigentlich noch ruhig schlafen?

Ich schlafe nachts - gerade mit Blick auf Niedersachsens CDU - ganz hervorragend, freue mich aber auf anregende Diskussionen dieses Wochenende auf dem CDU-Landesparteitag in Lingen - dorthin werde ich direkt nach dem Brokser Heiratsmarkt aufbrechen.

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