Christien Tempel und Heiner Gutschmidt wollen einen Flüchtling von Bremen nach Sulingen überführen Wer ist zuständig?

Landkreis Diepholz. Er hat ein Bett in Sulingen. Er hat einen Schulplatz in einer Sprachlernklasse in Sulingen.
24.10.2015, 00:00
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Wer ist zuständig?
Von Micha Bustian

Er hat ein Bett in Sulingen. Er hat einen Schulplatz in einer Sprachlernklasse in Sulingen. Er hat einen Cousin in Sulingen. Er einen potenziellen Vormund in Sulingen. Er ist an jedem Wochenende in Sulingen. Und trotzdem ist der 16-jährige sudanesische Asylbewerber Mohamed Abdullah immer noch in Bremen ansässig. Im Hotel Deutsche Eiche, das jüngst zu einem Flüchtlingsheim umfunktioniert wurde. Für Christien Tempel und Heiner Gutschmidt schwer zu verstehen.

Die beiden betreuen in Sulingen eine Gruppe Sudanesen, zu denen auch Ahmed Mousa Attib gehört, der Cousin von Mohamed Abdullah. Ab August stieß zu dieser Gruppe ein Wochenend-Besucher: Mohamed Abdullah. „Das ist mein Cousin“, berichtete Ahmed Mousa Attib an Christien Tempel und Heiner Gutschmidt, die für ihn im Januar 2015 eine Patenschaft übernommen hatten. Der Besucher kam jedes Wochenende. Und bei den Flüchtlingshelfern wuchs die Entscheidung, diesen Jungen nach Sulingen zu überführen. Der 23-Jährige Ahmed Mousa Attib bot an, sein Cousin könne in seinem Zimmer schlafen, alle Bewohner des zu einer Flüchtlingsunterkunft umgewidmeten Einfamilienhauses waren mit dieser Lösung einverstanden. Sogar einen Schulplatz in einer Sprachförderklasse besorgten Christien Tempel und Heiner Gutschmidt für Mohamed Abdullah. Und sie sind bereit, die Vormundschaft für den Jugendlichen zu übernehmen. So weit, so gut. Doch die beiden ehemaligen Lehrer scheiterten bisher an den Behörden. Genauer: an den Zuständigkeiten.

Christien Tempel und Heiner Gutschmidt berichten. Auf Nachfrage beim Sozialzentrum Süd sei ihnen mitgeteilt worden, Mohamed Abdullah sei „nicht existent“. Es folgte der Verweis ans Bremer Jugendamt. Auch dort sei der Jugendliche „nicht existent“ gewesen. Weiterleitung an den Träger der damaligen Unterkunft. Die Leiterin habe die Idee der – Achtung, Verwaltungsdeutsch – Umsetzung gut gefunden, wollte sich kümmern. „Darauf warten wir noch immer“, so ein frustrierter Heiner Gutschmidt. Also wieder zurück ans Sozialzentrum Bremen Süd, weiter ans Jugendamt, das auf die Ausländerbehörde verwies, von wo aus die Sulinger wieder zum Jugendamt zurückgeschickt wurden. Dann endlich eine Auskunft. „Es hieß, das Diepholzer Jugendamt müsse einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen. Das Diepholzer Jugendamt indes habe sich über die stellvertretende Amtsleitung für nicht zuständig erklärt.

„Dass die Ämter bei dem momentanen Chaos überlastet sind, darüber brauchen wir überhaupt nicht zu reden“, stellt Christien Tempel klar. „Ich hatte allerdings den Eindruck, die Beamten ziehen sich gerne auf die Paragrafen zurück. Und wir wollten eine pragmatische Lösung.“ Zudem sei der Ton ihnen gegenüber „teilweise unmöglich“ gewesen. „Es fielen Worte wie ,Wunschkonzert’ oder ,ein Blinder führt einen Blinden.“ Und in einem Telefonat sei ihnen sogar gesagt worden, es könnten sich ja auch Pädophile melden. „Das ist mehr als frustrierend“, findet Heiner Gutschmidt. In Christien Tempel macht sich ein anderes Gefühl breit. Wut. „Wie kann es sein, dass sich niemand verantwortlich fühlt?“ Der WESER-KURIER rief bei der Bremer Sozialbehörde an. Am Telefon: deren Sprecher David Lukaßen. Er gab zwei Tipps. Erstens: „Zuständig ist der Amtsvormund des Jungen, und der sitzt im Jugendamt.“ Zweitens: „Ich würde den Träger der Flüchtlingseinrichtung anrufen. Die sind schneller erreichbar und kennen auch den zuständigen Sachbearbeiter.“ Lukaßen merkte aber auch an, dass das Jugendamt vor Ort mit einer Familienzusammenführung einverstanden sein müsse. „Immerhin gehen dann auch die Kosten auf Sulingen über.“ Zudem müssten viele Fragen geklärt werden. Beispielsweise: Wer wird der Casemanager (Fallsachbearbeiter) für Mohamed Abdullah? Und noch etwas: „Die Familienzusammenführung kann nur von einem Familienangehörigen beantragt werden.“ Das wäre in diesem Fall Ahmed Mousa Attib. Wolfram van Lessen erklärt, für eine Umverteilung von einem Bundesland zu einem anderen müsse Mohamed Abdullah mit seinem Vormund „einen Umverteilungsantrag an die Landesaufnahmebehörde Niedersachsen in Braunschweig“ schicken. Das ginge allerdings erst, wenn der 16-Jährige formal als Asylbewerber anerkannt, also registriert sei, so der Erste Kreisrat des Landkreises Diepholz weiter. Danach würde der Vorgang etwa zwei Monate Zeit beanspruchen.

Zeit, die Mohamed Abdullah nicht hat, denn der für ihn frei gehaltene Platz in der Sprachlernklasse in Sulingen verfällt am 1. November. Inzwischen haben Christien Tempel und Heiner Gutschmidt aber kostenlose Unterstützung einer Sulinger Anwaltskanzlei erhalten. „Darauf hin erhielt ich einen Anruf vom Fachdienst Jugend in Sulingen, an die ich mich ja auch schon gewandt hatte“, wunderte sich Heiner Gutschmidt. „Plötzlich werden sie wieder aktiv.“ Ob das allerdings reicht, bleibt fraglich, denn Wolfram van Lessen berichtete, dass das „Jugendamt des Landkreises Diepholz seit drei Tagen vergeblich versucht, das Sozialzentrum Süd in Bremen zu erreichen“. Eins immerhin deutet er an: „Ein Veto des Landkreises Diepholz in dieser Sache ist nicht zu erwarten.“

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