Traditionsgasthäuser Teil 8: Kreuz-Meyer in Stuhr-Seckenhausen Wo sich die großen Straßen treffen

Das Gasthaus Kreuz-Meyer in Stuhr-Seckenhausen hat eine mehr als 170-jährige Geschichte. Das ursprüngliche Gebäude befand sich dort, wo heute die B51 und B 322 aufeinander treffen.
22.03.2010, 18:10
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Von Hauke Gruhn

Stuhr-Seckenhausen. Dietrich Meyer blickt aus dem Fenster und deutet auf die nahe Kreuzung, an der sich B 51 und B 322 guten Tag sagen. 'Der Eingang des ursprüngliches Gebäudes wäre heute genau auf der Bundesstraße', erzählt der Seckenhauser Hotelier und Gastwirt. Durch die wechselvolle Geschichte bedingt, befindet sich das Gasthaus Kreuz-Meyer heute um etliche Meter versetzt. Immer noch verkehrsgünstig, aber doch in gebührendem Abstand zu den vorbeibrausenden Brummis.

Vom ersten Gasthaus, das 1838 errichtet wurde, ist nichts mehr zu sehen. Aber unter der Grünfläche bei der Ampel sollen sich noch die Überreste des einstigen Bierkellers befinden, verrät Meyer. Damals, in den Anfangsjahren, war gerade die große Postkutschenzeit angebrochen. Wie heute führen die Straßen an der nahen Kreuzung in Richtung Osnabrück und Oldenburg. 'Früher gab es alle zwei bis drei Kilometer sogenannte Ausspannwirtschaften, wo auch die Pferde versorgt wurden', berichtet der Seckenhauser. Meyers gab es damals im Ort wie Sand am Meer, sie waren zumeist noch nicht einmal miteinander verwandt. Zur besseren Unterscheidung der Meyers ließen sich die Bewohner aber etwas einfallen: Sie verpassten ihnen einfach Beinamen. So wurde aus der Gaststätte von Dietrich Meyers Vorfahren schnell 'Kreuz-Meyer'. 'Das geht eindeutig auf die Kreuzung zurück', erklärt der 55-Jährige. Zudem gab es noch die Gastwirtschaften Gläscher-Meyer (dort befindet sich heute ein griechisches Restaurant) und Haake-Meyer, das heutige Gasthaus Meyer.

Damit nicht genug: Auch Nicht-Gastwirte bekamen Beinamen verpasst, die nicht immer schmeichelhaft waren. 'Es gab mal einen Kieken-Meyer', erzählt Dietrich Meyer. 'Der wohnte so weit ab vom Schuss, dass er immer draußen gestanden und in die Ferne geguckt haben soll.' Den kuriosesten Beinamen erhielt jedoch, so ist es per Dorfschnack überliefert, der 'Schieten-Meyer'. 'Früher hatten ja nicht alle einen Anschluss an die Kanalisation', erklärt Dietrich Meyer. 'Bei den meisten Höfen gab es stattdessen ein Drei-Kammer-System. Und der Schieten-Meyer war dafür zuständig, die Reste von Zeit zu Zeit abzutransportieren.' Weniger anrüchig hingegen die Benennung nach Hausnummern: Der Meyer, der im Gebäude Nummer zehn wohnte, hieß dann einfach nur 'Meyer tein' - kurz und schmerzlos.

Katastrophe am letzten Kriegstag

Das Schicksal meinte es nicht immer gut mit dem Hause Kreuz-Meyer. 1850, damals wurde die Gaststätte von einem gewissen Gerd Hinrich Hillmann betrieben, brannte das Gebäude nieder. 'Den Grund kenne ich nicht', sagt Dietrich Meyer. 'Das war ja auch vor meiner Zeit - und viele Unterlagen von früher sind nicht erhalten geblieben.' Der Gastwirt Hillmann soll nicht gerade ein Glücksfall für die vielen Durchreisenden gewesen sein. Auf Anfrage des Königlich Hannoverschen Amtes Brinkum äußerte sich der Dorfvorsteher denn auch gehörig negativ über ihn: 'Der Mann ist ein Säufer und seine Frau nicht viel besser. Es fehlt auch bald an diesem und an jenem, um das reisende Publikum gehörig bewirtschaften zu können.'

Bald ging die Schankwirtschaft zurück in den Besitz der (Kreuz-)Meyers. Von 1912 bis 1937 war sie jedoch wieder an verschiedene Pächter vergeben. Da spielte auch die Lokalpolitik eine Rolle: Johann Hinrich Meyer, der Urgroßvater des heutigen Gastwirts, wollte sich als Vorsteher (Bürgermeister) ganz dem Wohle der Gemeinde Seckenhausen widmen. Auch Meyers Großvater, der wie er Dietrich hieß, war später zwölf Jahre lang an der Spitze der Gemeinde politisch aktiv.

1937, zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, übernahmen wieder die Meyers das Zepter am Zapfhahn. 1945 folgte dann die nächste Katastrophe für das Gasthaus. 'Die Hitlerjugend wollte unbedingt die anrückenden Engländer aufhalten. Da wurde hier am letzten Kriegstag die ganze Kreuzung in Schutt und Asche gelegt', erzählt Dietrich Meyer. Bis 1954 diente ein Nachbargebäude als Not-Kneipe. Sie befand sich genau dort, wo heute eine Computer-Börse anzutreffen ist.

Schließlich wurde unter großer Anteilnahme der Seckenhauser Bevölkerung das neue, ein paar Meter versetzt wieder aufgebaute Gasthaus eingeweiht. Die zuletzt eher nebenbei betriebene Landwirtschaft wurde Ende der 1960er Jahre aufgegeben. Die Scheune hinter dem Gasthaus dient heute nur noch als Lagerraum. Dietrich Meyer, der mit der Gastronomie aufwuchs, kehrte 1976 nach seiner Bundeswehrzeit und einer Hotelausbildung in Verden nach Hause zurück. Zum Jahreswechsel übernahm er 1981 den Betrieb von seinem Vater Erich und seiner Mutter Thea.

Seitdem wurde bei Kreuz-Meyer viel Geld ausgegeben. Der Betrieb wurde grundlegend modernisiert, auch eine Kegelbahn wurde gebaut. Der lichtdurchflutete Festsaal kann unterteilt oder erweitert werden und bis zu 170 Besucher fassen. Ein Investitionsstau ist bei Kreuz-Meyer wahrlich nicht auszumachen. Zuletzt kaufte Dietrich Meyer ein Nachbarhaus, in dem er weitere moderne Hotelzimmer einrichtete. Aber wie das so ist bei großen Gasthäusern: 'Ist man an einem Ende fertig, fängt man am anderen Ende wieder an', sagt Dietrich Meyer. Als nächstes sollen die Hotelzimmer im Stammhaus aufgehübscht werden.

Heute kommen zwar keine Kutscher mehr vorbei bei Kreuz-Meyer, aber dafür weiter viele Durchreisende wie Geschäftsleute, Außendienstler oder Monteure - und natürlich auch Einheimische. Kohltouren seien nach wie vor ein Renner bei Kreuz-Meyer, erzählt der Chef des Hauses. Dazu kämen noch viele Familienfeiern wie Hochzeiten, Geburtstage oder Taufen. Dietrich Meyer, der seit zehn Jahren in zweiter Ehe mit seiner Frau Tanja - einer gelernten Köchin - verheiratet ist, setzt in seinem Betrieb vor allem auf traditionelle und moderne deutsche Küche. 'Es werden sogar wieder Königsberger Klöpse bestellt', berichtet er. Insgesamt 18 Festangestellte kümmern sich um das Wohl der Gäste.

Dietrich Meyer hatte zwar eigentlich keine große Wahl, was seinen beruflichen Werdegang angeht: 'Schon bei meiner Geburt stand fest, dass ich Gastwirt werde', erzählt er. Aber bereut hat er das Beschreiten dieses vorgezeichneten Weges nicht. 'Ich mache das wirklich gerne', betont er.

Und während Kieken-Meyer und Schieten-Meyer längst Geschichte sind, ist Kreuz-Meyer immer noch am richtigen Fleck anzutreffen - dort, wo sich die großen Straßen kreuzen.

 

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