Bassumer Stiftskirche Zeitumstellung in luftiger Höhe

Bassum. Schlechte Nachricht für alle Frühjahrsmüden: Sie müssen in der Nacht zu Sonntag auf eine Stunde Schlaf verzichten. Wegen der Zeitumstellung steigt Küster Heino Raven am Samstagabend auf den Turm der Bassumer Stiftskirche und stellt die Uhr eine Stunde vor.
27.03.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Bassum. Schlechte Nachricht für alle Frühjahrsmüden: Sie müssen in der Nacht zu Sonntag auf eine Stunde Schlaf verzichten. Schuld daran ist die Umstellung auf die Sommerzeit. Damit sie Sonntagmorgen auch rechtzeitig zum Kirchgang aus den Federn kommen und nicht bis in die Puppen schlafen, steigt Küster Heino Raven Samstagabend auf den Turm der Bassumer Stiftskirche und stellt die Uhr eine Stunde vor.

Während die Zeiger der Syker Christuskirche automatisch von Winter- auf Sommerzeit umspringen, muss der 45-Jährige noch richtig Hand anlegen. 'Im Herbst lass ich die Uhr einfach für eine Stunde stehen', erklärt Küster Raven das technische Prozedere. Dazu hält er einfach das Pendeln des alten Uhrwerks von 1912 mit einem Holzstock an.

Richtig kompliziert wird es allerdings jetzt im Frühjahr: 'Dann muss ich die Uhr eine Stunde vorlaufen lassen', sagt der Uhrenflüsterer aus dem Bassumer Ortsteil Schorlingborstel. Eine ziemlich nervige Angelegenheit, weil er jeden Viertelstundenschlag der alten Turmuhr abwarten muss - der Zeitmesser soll ja auch schließlich richtig gehen. 'Hier', sagt Heino Raven und zeigt auf einen Stift, den er bei der Umstellung von Winter- auf Sommerzeit immer aus dem Uhrwerk zieht. Das Zahnrad natürlich nicht zu vergessen. Die Langschläfer vergrault er damit, wenn sie ab morgen eine Stunde weniger in den warmen Federn liegen dürfen.

Das Uhrwerk läuft wie geschmiert

Seit zwei Jahren kümmert sich der Küster, der in der Lindenstadt auch als Friedhofswärter tätig ist, um die Uhr der Bassumer Stiftskirche. Vor ihm hat dies der sogenannte Uhrenbeauftragte Gerald Uhrmann getan - ein Name, der verpflichtet. Gewartet wird die Ticktack jährlich von den Mitarbeitern der Firma Korfhage aus Melle bei Osnabrück. Der Spezialist für Turmuhren hat den Zeitmesser der Bassumer Stiftskirche damals übrigens auch gebaut. Ein paar Tropfen Öl hier, ein bisschen Fett auf die Seile da - das Uhrwerk läuft wieder wie geschmiert. Obwohl schon fast 100 Jahre auf dem Buckel, hat der Zahn der Zeit noch nicht m Uhrwerk genagt - es sieht noch aus wie neu.

Über dem Uhrenkasten, eine Etage unter den Glocken, verläuft ein Seil. Dies ist mit der kleinsten der insgesamt vier Glocken verbunden - der Uhrenglocke. Mit dem benachbarten Geläut hat sie jedoch nichts am Hut. Jede Viertelstunde klingelt sie: zur Viertelstunde einmal, zur halben zweimal, zur Dreiviertelstunde dreimal und viermal zur vollen Stunde. Alle 15 Minuten zieht sich das Seil in Richtung Uhrenkasten nach unten, das Hämmerchen fällt ein Stockwerk höher auf die Glocke und macht sich lautstark bemerkbar.

Vor der Uhrenglocke hängen die drei großen Glocken: In der Mitte die größte, die Bet- oder Sterbeglocke, links die Taufglocke, rechts die Trauglocke. Zum Gottesdienst erklingen immer alle. Die Trauglocke läutet jeweils zur vollen Stunde, die Betglocke um 6, 12, 18 und 0 Uhr mit neun Glockenschlägen. Warum? 'Anlehnung an das Vater Unser', erklärt Heino Raven.

Die Sterbeglocke läute um 11 Uhr dreimal, wenn jemand direkt aus der Lindenstadt verstorben sei. Sterbe allerdings ein Bürger aus den Ortsteilen, würde erst um 11.30 Uhr dreimal geläutet. 'Wenn alle Glocken läuten, dauert es immer zwei Minuten, bis sie sich auspendeln', weiß der Küster.

Zeitsprung: Die Vorgänger von Heino Raven mussten die Glocken noch am Strick läuten. Seit rund einem Vierteljahrhundert erledigen diese Arbeit Motoren. Ein Knopfdruck und schon spielt die Musik. Mit einer Art Zeitschaltuhr kann Heino Raven übrigens unten in der Sakristei vorprogrammieren, wann und vor allem wie lange die Glocken in der Woche läuten sollen.

Auch die Turmuhr musste vor grauer Vorzeit noch von Hand aufgezogen werden. Ganz schön anstrengend, die vier schweren Gewichte, die den Zeitmesser antreiben, per Hand hochzuziehen. Das geht heute zur großen Freude von Heino Raven alles automatisch.

'So einen schönen Arbeitsplatz wie ich hat keiner', sagt der Bassumer voller Stolz und steigt die schmale Stiege zum Uhrenkasten hinab. Stimmt, die Bassumer Stiftskirche ist schon ein imposantes 'Büro'. Voraussichtlich noch in diesem Jahr solle das nördliche Querschiff renoviert werden, plaudert der Bassumer Küster Heino Raven aus dem Uhrenkästchen, pardon Nähkästchen.

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