Betreuungsgeld sorgt auch vor Ort für Diskussionen / Mütter sind uneins über Pläne der Bundesregierung Zu Hause oder in der Krippe?

Viele machen sich Gedanken darüber, auf einen Nenner scheinen Politiker und Bevölkerung jedoch nicht so schnell zu kommen: Bis 2013 möchte vor allem die CSU das Betreuungsgeld einführen. In diesem Sommer soll dazu ein Gesetzesentwurf in den Bundestag eingebracht werden. Auch vor Ort sind die Meinungen geteilt.
23.04.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Kaya Leimann

Viele machen sich Gedanken darüber, auf einen Nenner scheinen Politiker und Bevölkerung jedoch nicht so schnell zu kommen: Bis 2013 möchte vor allem die CSU das Betreuungsgeld einführen. In diesem Sommer soll dazu ein Gesetzesentwurf in den Bundestag eingebracht werden. Auch vor Ort sind die Meinungen geteilt.

Landkreis Diepholz. Die Diskussionen um das Betreuungsgeld werden immer hitziger. In Gesprächen geht es mittlerweile nicht nur um finanzielle Unterstützung für Eltern, die ihre Kinder ausschließlich zu Hause betreuen. Es prallen auch Meinungen über die richtige Betreuung der Kinder aufeinander. Vor allem die CSU will mit dem Betreuungsgeld Eltern unterstützen, die für ihre Kinder unter drei Jahren keinen Betreuungsplatz in Anspruch nehmen. Ab dem Jahr 2013 sollen sie dann monatlich 100 Euro erhalten. Ab 2014 ist ein Betrag von 150 Euro für Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr vorgesehen.

Auch vor Ort macht man sich Gedanken über dieses Thema. So zum Beispiel die Mütter Ülkü Kilic-Walter, Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Weyhe, Claudia Krause aus Ristedt und Sabine Huntemann aus Barrien. Sie wählten zum Teil ganz unterschiedliche Wege, ihre Kinder großzuziehen.

"Meine Tochter ist jetzt zwei, mit einem Jahr und drei Monaten habe ich sie in eine Kinderkrippe gegeben", erzählt Ülkü Kilic-Walter. Seitdem wohnt Kilic-Walters Mutter von montags bis mittwochs bei ihrer Tochter. Gegen 8.30 Uhr bringt Kilic-Walter die Kleine in die Krippe. "Ein Arbeitstag dauert unterschiedlich lang, bis 16, 17 oder auch mal bis 18 Uhr", so die Gleichstellungsbeauftragte. In dieser Zeit holt ihre Mutter die Zweijährige um 14.30 Uhr ab und beschäftigt sich mit ihr. Die restlichen beiden Tage teilen sich Kilic-Walter und ihr Mann auf. "Die Zeit mit meiner Tochter nach der Arbeit oder am Wochenende ist sehr intensiv und schön." Zunächst hatte sich die 35-Jährige gefragt, ob sie vielleicht eine Rabenmutter sei. "Dann führte ich mir aber vor Augen, dass ich zu Hause unzufrieden sein würde und meinem Kind dadurch auch nicht helfe."

Die Gleichstellungsbeauftragte macht sich auch in ihrem Beruf für Frauen stark, die trotz Kind arbeiten gehen wollen. "Für mich ist das Betreuungsgeld ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist viel wichtiger, Krippenplätze weiter auszubauen und da das Geld hineinzustecken", so Kilic-Walter. Auch für sie sei es schwierig gewesen, einen Betreuungsplatz für ihre Tochter zu finden. Diese besucht nun ein privates Kinderhaus in Bremen, speziell für Kinder mit Bi-Nationalität.

Claudia Krause hatte für keines ihrer vier Kinder nach einem Krippen- oder Kitaplatz gesucht. Für sie war von Anfang an klar, alle bis zum Kindergarten zu Hause zu behalten. "Als 1992 meine älteste Tochter Carina zur Welt kam, da gab es noch gar keine Möglichkeit, sie zur Betreuung abzugeben", erinnert sich die 47-Jährige. Morgens kümmerte sich Krause um ihre Tochter, machte den Haushalt und Mittags gab es selbstgekochtes Essen. Am Nachmittag sind die beiden spazieren gegangen, waren beim Turnen oder Schwimmen. "Das hat den ganzen Tag ausgefüllt. Außerdem waren wir in einer selbstorganisierten, privaten Krabbelgruppe", sagt Claudia Krause.

1994 wurde ihr Sohn Tobias geboren. Krause: "Da gab es dann schon die Möglichkeit, einen Krippenplatz in Anspruch zu nehmen, aber das kam für mich nie infrage." Ihrer Meinung nach hat man sich mit einem Kind auch für ein Familienleben entschieden. "Ein Kind, das noch nicht einmal sprechen kann, sollte nicht von der Mutter gerissen werden." 2002 und 2004 wurden dann ihre Jüngsten, Jacob und Elias, geboren. "Bei beiden konnte keine Frau verstehen, warum ich nicht wieder arbeiten gehe", erinnert sich Krause, die damals in Leipzig gelebt hat.

Und auch heute habe sie mit dem Vorurteil "Heimchen am Herd" zu kämpfen. "Mittlerweile gehen alle vier in die Schule und jetzt würde ich gerne wieder arbeiten. Ich bin aber für viele nicht flexibel genug, weil ich mich nach Schulschluss um die Jüngsten kümmern muss." Ihr Mann arbeitet viel und ist oft für mehrere Wochen unterwegs.

Ein Betreuungsgeld würde Krause unterstützen. "Hundert Euro mehr im Monat sind schon gut, aber eigentlich ein Witz. Für das, was man als Mutter den ganzen Tag leistet, sollte man viel mehr bekommen." Sie findet es ungerecht, dass Geld in Kindertagesstätten, aber keines in die Betreuung zu Hause gesteckt wird.

Sabine Huntemann aus Barrien erzieht ihre jetzt vierjährige Tochter auch zu Hause und arbeitet einen Tag in der Woche. "Merle hatte im Spielkreis zu Anfang große Probleme, da habe ich eine Kita für nicht sinnvoll gehalten", so Huntemann. Mit ihrer Tochter geht sie regelmäßig zum Turnen und Musizieren. Ab Sommer besucht ihre Tochter einen Kindergarten. Trotzdem ist Huntemann gegen ein Betreuungsgeld. "Ich halte nicht viel davon. Entweder man möchte sein Kind zu Hause großziehen oder eben nicht, da nehmen einem hundert Euro mehr im Monat die Entscheidung nicht ab." Außerdem befürchtet sie, dass das Geld in vielen Fällen nicht den Kindern, sondern den Eltern zugute kommt.

Ähnlicher Meinung ist Katrin Kurtz, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen der Weyher SPD. "Das Geld muss bei den Kindern landen. Deswegen sollte man sie in eine Kita geben." Es sei zu befürchten, dass das Geld von Eltern für eigene Zwecke verwendet wird. "Würde man versuchen, das zu überprüfen, wäre das ein viel zu großer bürokratischer Aufwand", so Kurtz. Sie selbst ist Mutter eines behinderten Kindes, das sie zu Hause großzog.

Gabriele Gerken, Vorsitzende der Stuhrer Frauen Union und Mutter eines Kindes, ist bei dem Thema geteilter Meinung. "Alle bemühen sich, Krippenplätze auszubauen, und jetzt soll es eine Belohnung für Eltern geben, die ihre Kinder zu Hause behalten." Erzieher in Krippen oder Kitas leisten aus Sicht von Gerken gute Arbeit. "Ich finde, es ist trotzdem lobenswert, sein Kind aus Überzeugung zu Hause großzuziehen. Die eigene Entscheidung sollte von jedem respektiert werden."

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