Annelie Keil im Interview

„Zufriedenheit heißt Frieden schließen“

Auf Einladung des Hospizvereins Stuhr referiert Annelie Keil am kommenden Donnerstag im Stuhrer Rathaus. Mit dem WESER-KURIER sprach die vorab über Abschiede und Neuanfänge.
18.09.2017, 17:03
Lesedauer: 4 Min
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„Zufriedenheit heißt Frieden schließen“
Von Eike Wienbarg
„Zufriedenheit heißt Frieden schließen“

Aus Abschieden können Menschen auch neue Kraft schöpfen, findet die Wissenschaftlerin und Publizistin Annelie Keil.

kathrin doepner und FR, kathrin doepner

Frau Keil, Ihrer Ansicht nach ist das Leben eines Menschen geprägt von Abschieden. Schon die Entbindung eines Neugeborenen ist für Sie ein Abschied. Wie kommen Sie zu dieser These?

Annelie Keil: Wir sind ja schon neun Monate alt, wenn wir auf die Welt kommen. Viele wissenschaftliche Studien zeigen, wie munter es in den ersten Monaten auf dem Weg zur Geburt zugeht, wie der Organismus des kleinen Menschen entsteht, Schritt für Schritt seine Entwicklungsaufgaben übernimmt, wie Gefühle enstehen, wie ständige Austauschprozesse vonstatten gehen und die Stimmen, die Wärme, die Zärtlichkeiten von Außen den kleinen Menschen erreichen. Und dann kommt eben der erste große Abschied von der Heimat der letzten Monate – eine Entbindung. Wir müssen loslassen, was war und uns nun auf die nächste Runde – das Leben nach der Geburt – einstellen. Später müssen wir vielleicht das Elternhaus verlassen, die Erwerbsarbeit, erleben Trennungen und am Ende den großen Abschied. Abschiedlichkeit kennzeichnet die menschliche Existenz.

Inwieweit lassen sich die Geburt am Lebensanfang und der Abschied am Lebensende vergleichen?

Ich glaube nicht, dass man sie konkret vergleichen kann. Anfang und Ende sind etwas sehr Unterschiedliches. Ob ich mich auf das Leben einlasse, es lernen und erfinden muss, fühlt sich schon sehr anders an, als wenn ich keine Zukunft mehr habe und mich von allem trennen muss, was ich einst geschaffen habe und wer ich geworden bin. Immer ist das Leben vom Prinzip des Sterbens umstellt: eine Liebe wird geboren und sie kann sterben; eine Blume blüht auf und sie verblüht. Geburt und Tod sind zwei Prinzipien des Lebens, wie es klar heißt: werden und vergehen, ständiger Wandel!

Im Leben eines Menschen gibt es immer wieder Veränderungen und Abschiede. Wie wichtig sind Rituale, um Abschiede einfacher zu machen?

Rituale sind im Leben der Menschen wichtig, weil sie uns in schwierigen, aber auch schönen Situationen eine Ordnung geben und oft auch Übergänge markieren. Geburt, Taufe, Hochzeit, Tod sind in allen Kulturen mit Ritualen verbunden, in denen die Völker, Kulturen und Menschen ihre religiösen und anderen Weltbilder zum Ausdruck bringen. Rituale sind besonders in Übergängen des Lebens von Bedeutung. Dazu gehören Schulrituale, Pubertätsrituale und vieles mehr. Im Alltag haben die Menschen unterschiedliche Rituale, die mit Kulturen der Lebenskunst verbunden sind: Waschen, Essen und Trinken, Rituale, die wir im Krankenhaus etwa bei der Visite erleben. Rituale machen manchmal einen klaren Schnitt: etwas ist zu Ende, etwas anderes fängt an. Sie können erleichtern, wenn man den Schnitt, das Neue akzeptiert und sie können umgekehrt schmerzen.

Wie lässt sich aus einem Abschied vielleicht auch neue Kraft schöpfen?

Wenn man einen Abschied gut hinter sich gebracht hat, dann ist Kraft für Neues da. Abschiede sind ja so etwas wie Reinigungsrituale. Eine schlechte Ehe hinter sich zu haben, bringt neue Kraft. Sich nach dem Ende der Erwerbsarbeit neu einer anderen Aufgabe zuzuwenden, kann wunderbare Kräfte zaubern. Der Mensch hat doch nur eine bestimmte Energie zur Verfügung, also muss er im Laufe des Lebens vielen Dingen adieu sagen, um sich neu zu verorten. Guter Abschied bedeutet immer Selbstreflexion, sich auch auf einen Schmerz einlassen, aufräumen in ganz praktischer Weise, loslassen und aufgeben, was nicht mehr in ein selbstbestimmtes Leben passt.

Sie schreiben gerade an einem neuen Buch. Um was geht es darin?

Das neue Buch, das jetzt im Herbst im Scorpio Verlag in München erscheinen wird, heißt: "Wenn das Leben um Hilfe ruft. Angehörige zwischen Hingabe, Pflichtgefühl und Verzweiflung.“ Es geht in diesem Buch um die nicht zu leugnende Tatsache, dass jeder von uns als Angehöriger geboren wird, ob wir wollen oder nicht. Ob und wie wir dann aber ein liebender, gleichgültiger oder gewalttätiger Angehöriger werden, unsere Kinder, Ehepartner, Eltern und Freunde in Krankheit, Not oder später im Sterben achtsam und solidarisch begleiten werden, steht auf einem anderen Blatt. Immerhin werden in Deutschland über 80 Prozent der pflegebedürftigen Familienmitglieder von pflegenden Angehörigen betreut. Und da ist jeder gefragt, auch wenn er die Aufgabe nicht übernehmen kann oder will. Das Buch bezieht auch Stellung: In der Sorge füreinander geht es nicht nur um Geld und Personal, sondern auch um eine Haltung zu der Tatsache, dass gebraucht werden und jemanden auch um Hilfe zu bitten, eine Tugend ist und Glück bedeuten kann.

Welche Botschaft möchten Sie den Gästen Ihres Vortrages beim Hospizverein in Stuhr vermitteln?

Wir sollten das Leben mit Ehrfurcht betrachten, unsere Leben adoptieren jeden Tag, uns kümmern und genießen. Wer leben will, muss älter werden und irgendwann auch sterben. Wir haben kein zweites Leben in der Tasche, sich aber über das gegenwärtige Leben zu freuen, es auch in schweren Zeiten annehmen, für sich und mit anderen sein können, das haben wir als Möglichkeit in der Tasche. Zufriedenheit heißt ja letztlich Frieden schließen – nicht Friede, Freude, Eierkuchen, sondern ein freundlicher, streitbarer Zeitgenosse werden und dabei immer wieder neu die jeweiligen Abschiede leben lernen, damit Neues entstehen kann.

Das Interview führte Eike Wienbarg.

Zur Person

Annelie Keil war von 1971 bis 2004 Professorin für Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bremen. Sie ist bekannt durch zahlreiche Publikationen – unter anderem gemeinsam mit dem ehemaligen Bremer Bürgermeister Henning Scherf. Außerdem ist sie aktiv in der Hospizbewegung tätig und erhielt 2004 für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz.

Hospizabend in Stuhr

Unter dem Titel „Abschied leben lernen“ spricht Annelie Keil am kommenden Donnerstag, 21. September, ab 19 Uhr anlässlich des Öffentlichen Hospizabends des Hospizvereins Stuhr im Stuhrer Rathaus an der Blockener Straße 6. Der Eintritt ist kostenlos, um eine Spende wird gebeten. Weitere Informationen erteilt Ursula Krafeld, Koordinatorin des Hospizvereins unter 01 51 / 75 01 24 31 oder in den Räumlichkeiten des Vereins an der Bahnhofstraße 14 in Brinkum. Diese sind immer donnerstags von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Der nächste Hospizabend findet am 2. November im Haus Lohmann in Brinkum statt. Dann referiert Sina Bachmann vom Hospizkreis Ganderkesee über die Begleitung von Menschen mit Demenz.

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