Stormy RedDoor vom Stamm der Sioux weiht das Tipi der Achimer Stadtwaldschule ein Adlerklaue, Zedernholz und heilige Pfeife

Auf dem Außengelände der Achimer Stadtwaldschule steht ein besonderes Klassenzimmer: Ein Indianer-Tipi, gedacht für den Naturpädagogik-Unterricht der frei- en Schule. Das Tipi ist jetzt eingeweiht worden. Und es wäre nicht die Stadtwaldschule, wenn diese Zeremonie nicht ein ganz besonderer Gast durchgeführt hätte: "Stormy RedDoor", ein Sioux-Indianer aus Nordamerika, weihte den Tipi nach den alten Ritualen seines Volkes ein.
20.06.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Adlerklaue, Zedernholz und heilige Pfeife
Von Ralf Michel

Auf dem Außengelände der Achimer Stadtwaldschule steht ein besonderes Klassenzimmer: Ein Indianer-Tipi, gedacht für den Naturpädagogik-Unterricht der frei- en Schule. Das Tipi ist jetzt eingeweiht worden. Und es wäre nicht die Stadtwaldschule, wenn diese Zeremonie nicht ein ganz besonderer Gast durchgeführt hätte: "Stormy RedDoor", ein Sioux-Indianer aus Nordamerika, weihte den Tipi nach den alten Ritualen seines Volkes ein.

Achim. "Are you ready, Chief?" Mit einem Lächeln wendet sich der 62-Jährige an Ulrike Kompch. Ja, die "Chefin" der Stadtwaldschule ist bereit. Und mit ihr die versammelte Schülerschaft, die voller Erwartung in der Eingangshalle der Schule auf dem Boden hockt. Sie kann losgehen, die Reise in die geheimnisvolle Welt der amerikanischen Ureinwohner, mit Adlerklaue, heiliger Pfeife und wundersamen Gerüchen.

Stormy RedDoor wurde 1950 im Reservat der Sioux/Assiniboin in Montana geboren, einem Bundesstaat im Norden der USA, direkt an der kanadischen Grenze. Seit zwölf Jahren lebt er in Norddeutschland, aber "mein Deuts is nik so gut", weshalb seine Lebensgefährtin Heidi Janssen in der Stadtwaldschule für ihn aus dem Englischen übersetzt. Bei seinen Erklärungen kommt es aber ohnehin viel mehr aufs Zuschauen und vor allem aufs Riechen an: Der Indianer entzündet ein "Kraut zur Reinigung" und fächelt den Duft mit einer Adlerfeder in die Reihen der vor ihm sitzenden Kinder. "Wir Erwachsene brauchen das", erklärt er. Um von der schlechten Energie der Umgebung gereinigt zu werden, die jeder Mensch unwillkürlich aufnimmt. Er sei ein Indianer des 21. Jahrhunderts betont der 62-Jährige. Aber Salbei auf diese Art und Weise zu nutzen, sei in seinem Volk seit vielen Jahrhunderten eine Tradition.

Erst werden Arme und Beine mit dem Rauch des glimmenden Salbeistrauchs ("Wüstensalbei vom Fuße der Rocky Mountains") gereinigt, dann der restliche Körper. Anschließend wedelt Stormy RedDoor den Rauch in alle Himmelsrichtungen, gen Erde und schließlich gen Himmel. Der Indianer ist Träger der "Heiligen Pfeife" seiner Familie, wie er erzählt. Bevor er diese Pfeife herausholt, muss das Energiefeld um ihn herum gereinigt werden.

Doch zunächst reicht er die Feder herum, die an einer Adlerklaue befestigt ist. Aber bitte vorsichtig. Die Feder darf nicht die Erde berühren, sonst würde sie ihre "Energie des Himmels" verlieren, einst aufgenommen vom stolzen Adler beim Flug durch die Lüfte.

Ein weiteres Kraut wird angezündet. Diesmal wabert der Duft eines Zedernbaumes durch die Halle. "Das nutzen wir zur Reinigung aller menschlichen Wesen", erklärt der Indianer. Also nicht nur der erwachsenen Wesen, sondern auch der jungen. Doch die sind wenig beeindruckt: "Das stinkt!", findet ein Mädchen. "Davon tränen meine Augen", sagt ein anderes. Immerhin, die Frage, was denn wohl eine Aura sei, kann einer der Schüler sofort beantworten. "Die Energie, die um uns herum ist und dunkle Schatten vertreibt." Stormy RedDoor nickt. Weil diese Aura manchmal Löcher hat, wird der Rauch der Zeder genutzt, um sie wieder zu schließen.

Als nächstes holt er eine lange Pfeife hervor, aus Holz mit einem Kopfstück aus Stein in Form eines Adlers. "Weil wir von der Adlerkopfnation stammen", erklärt der Indianer und nutzt die Gelegenheit, mit einem alten Irrtum aufzuräumen. "Ihr sagt Friedenspfeife dazu, aber das ist falsch!" Tatsächlich handelt es sich bei der Pfeife um ein Symbol der Wahrheit, das zu den Friedensverhandlungen mit den weißen Soldaten mitgebracht wurde. "Aber, wie es immer so war mit den Indianern – es hat keiner richtig zugehört."

Ein interessanter Hinweis an dieser Stelle im Foyer der Schule. Keine Frage, natürlich hören alle dem Gast aus Montana zu. Aber gespannte Stille ist etwas anderes. Beim Entzünden des Zedernholzes macht sich allmählich Unruhe breit. Die Konzentration lässt spürbar nach. Von der Faszination eines echten Indianers, die ihre Eltern oder wohl eher noch ihre Großeltern mucksmäuschenstill hätten verharren lassen, ist bei den Schülern wenig zu spüren.

Schutz des "Großen Geistes"

Aber jetzt wird es ohnehin laut. Sehr laut sogar. Stormy RedDoor holt eine Trommel hervor, animiert erst die Kinder und dann deren Eltern und die Lehrkräfte zum Mitsingen. "Heya, heya, heya – ho", hallt es durch die Stadtwaldschule. Dann ist es Zeit für den Tipi. Ein letztes Gras – "Haar von Mutter Erde" – wird entzündet, diesmal süßlich riechend. Mit diesem Duft sollen alle in das Tipi eingeladen werden.

Draußen vor dem großen Zelt holt der Indianer die heilige Pfeife heraus und betet in Dakota, seiner Stammessprache, zum "Großen Geist". Er bittet um Schutz – "Wache über die Schüler, Lehrer, Eltern und Großeltern" – und verabschiedet sich dann mit einem kräftigen Händedruck persönlich von zahlreichen Kindern und Erwachsenen.

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