Verdener Rathaus-Bienen Alles schön cremig

Die Insekten sammeln bis zum Spätsommer wieder fleißig Nektar. Der Honig wird dann traditionell auf dem Markt verkauft.
20.04.2018, 17:41
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Alles schön cremig
Von Jörn Dirk Zweibrock

Sie fliegen wieder. Verdens Bürgermeister Lutz Brockmann hat am Freitag behutsam den Flugloch-Verschluss aus der Holzbeute (Behausung) gezogen und damit den Rathaus-Bienen einen ganz offiziellen Sammel-Auftrag erteilt. "In München sticht der Bürgermeister beim Oktoberfest das Bierfass an, in Verden lässt er die Rathaus-Bienen fliegen", ulkt der Luttumer Imker Wilhelm Haase-Bruns. Die Frage, warum Biene Maja und ihre Freunde in diesem Jahr erst so spät ausschwirren, beantwort der Experte wie folgt: "Ende März war es einfach noch zu kalt. Bienenvölker fliegen im Gegensatz zu Hummeln nämlich erst ab fünf Grad." Und sie unterscheiden sich noch in einem weiteren Punkt: Honigbienen sind blütenstet, bedeutet, sie bestäuben jeweils nur eine Pflanzenart. Wegen dem harten Winter ergibt sich in diesem Jahr allerdings eine Besonderheit: "Schlehen und Süßkirschen blühen nicht wie sonst üblich zeitversetzt, sondern gleichzeitig", erläutert Gitta Stahl, die von Wilhelm Haase-Bruns zur Imkerin ausgebildet wurde. Sie bezeichnet dies in der Fachsprache als "Quetschung des phänologischen Kalenders". Weil es – bedingt durch den Einsatz von Giften – sowieso immer weniger Bienen gibt, fehlt es in der Natur mittlerweile einfach an potenziellen Bestäubern. Deshalb prognostizieren die Imker für dieses Jahr auch weniger Honig-Ertrag.

Die Lindenbäume rund um das neue Verdener Rathaus sind jedenfalls ein Paradies für die schwarzgelben Insekten. Der Rathaus-Honig geht übrigens auf eine gemeinsame Idee des Verdener Bürgermeisters und den Imkern zurück. Für die fleißigen Rathaus-Bienen ist es bereits die dritte Saison. Noch bis zum Spätsommer residieren sie in der Holzbeute am Fachwerkteil des neuen Rathauses. Wilhelm Haase-Bruns hält den Standort an der Stadtverwaltung einfach für ideal: "Der Flugradius der Bienen beträgt rund drei Kilometer. Von hier aus können sie sogar über die Aller bis ganz nach Wahnebergen fliegen." Gestört wird das empfindliche "Bio-Navi" der Insekten allerdings durch sogenannten Neonikotinoide. Hat zur Folge, dass Maja und ihre Freunde ihren Orientierungssinn verlieren und nicht mehr den Weg zurück nach Hause finden. Noch fliegen gut 20 000 Honigbienen rund ums Rathaus, "in andertalb Monaten sind es dann allerdings schon 50 000", erklärt Haase-Bruns. Die Holzbeute stockt er dann bei Bedarf jeweils um eine weitere Zarge auf. Heißt übersetzt: Die Rathaus-Bienen wohnen in einer Etagenwohnung an der Beamten-Tränke.

Als Kind sei er einmal von einer Biene gestochen worden und habe zwei Tage lang nicht laufen können, erinnert sich Bürgermeister Lutz Brockmann beim Vor-Ort-Termin mit den Imkern. Zum Glück hat er an diesem Vormittag kein Rasierwasser aufgetragen, denn das mögen Bienen nun einmal genauso wenig wie Haarspray. "Sie stechen dann gerne direkt in die Nervenbahnen", betont der Imker aus Luttum. Aus drei Litern Nektar stellen die fleißigen Tierchen erfahrungsgemäß rund einen Liter Honig her. Anschließend wird er geschleudert, gesiebt und gerührt, damit er auch schön cremig bleibt.

"Im vergangenen Jahr hatten wir sogar hundert Gläser Rathaus-Honig", rechnet der Verwaltungschef vor. Zum Preis von vier Euro wird er auf dem Verdener Wochenmarkt verkauft oder eben zu besonderen Anlässen verschenkt. "Den Erlös investieren wir traditionell in eine bienenfreundliche Bepflanzung wie beispielsweise am Allerufer-Weg", erläutert Bernd Kiefer, Umwelt- und Naturschutzbeauftragter der Stadt Verden. Brockmann und Kiefer wissen, wie wichtig es ist, etwas für den Schutz der Insekten zu tun, setzen aus diesem Grund im Stadtgebiet auch kein Glyphosat oder eben Neonikotinoide ein, um das natürliche GPS von Maja und Co. nicht nachhaltig zu gefährden. Gewöhnlich orientieren sich die Bienen am Erdmittelpunkt sowie dem Sonnenstand.

Den erfahrenen Imker aus Luttum freut es ganz besonders, dass sich aktuell so viele Menschen bei der Kreisvolkshochschule (KVHS) Verden zum Hobby-Imker ausbilden lassen. An den über das gesamte Kreisgebiet verteilten Schulungs-Bienenständen sammeln sie praktische Erfahrungen. Der Lehrgang unter dem Dach des Verdener Imkervereins beginnt Anfang nächsten Jahres.

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