Sachsenhain Verden Auf den Spuren der NS-Ideologie

Der von 4500 riesigen Steinen umsäumte Weg durch die Natur ist ein Idyll. Doch die Nazis legten den Sachsenhain als Gedenkstätte an. Ein Widerspruch, den Stadtführer Hanns-Conrad Armbrecht aufklären kann.
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Auf den Spuren der NS-Ideologie
Von Björn Struß

Umringt von den 4500 monströsen Steinen weiden einige Kühe. In der Grundschule am Sachsenhain ist gerade große Pause, die Schüler spielen und lachen. Unterdessen sammelt eine Gruppe Kinder eifrig Äste, um im Wald einen Unterstand zu bauen. Aus dem Sachsenhain ist ein friedlicher Ort geworden. Dabei schufen ihn einst die Nationalsozialisten, um ihrer „neuen Volksgemeinschaft“ einen Gedenkort zu schaffen. Und hätten die Ideologen um Adolf Hitler nicht einen Richtungswechsel in ihrer historisch maskierten Propaganda vollzogen, wäre hier ein gigantisches Mahnmal entstanden, das sogar den Verdener Dom überragt hätte.

Wie dieser Widerspruch aus Geschichte und Realität entstehen konnte, erzählt Hanns-Conrad Armbrecht seinen Gruppen, die der Stadtführer manchmal durch den Sachsenhain führt. „Es sollte ein Wallfahrtsort für ganz Deutschland werden. Die Nazis wollten Widukind wieder auferstehen lassen“, sagt Armbrecht. Die Führungen hat lange seine Frau angeboten, gesundheitlich ist dies nicht mehr möglich. „Sie ist mir aber eine große Hilfe“, betont der 75-Jährige. Der pensionierte Berufsschullehrer ist kein studierter Historiker. Als gebürtiger Verdener hat er sich das Wissen über die Stadtgeschichte in der Freizeit angeeignet. Das Interesse an seinen Führungen ist aber überschaubar. Spaziergängern erklären Infotafeln die Geschichte dieses Ortes.

Mythos Widukind

Im Jahr 782 sollen hier beim „Blutgericht von Verden“ 4500 Sachsen hingerichtet worden sein. An ihnen soll Karl der Große ein Exempel statuiert haben, weil sie sich vehement dagegen wehrten, Christen zu werden. „Die Zahl ist zu hoch gegriffen, so viele Sachsen lebten hier gar nicht“, sagt Armbrecht. Widukind war im 8. Jahrhundert ein Anführer des Widerstandskampfes der Sachsen gegen den Frankenkönig Karl, der später „Karl der Große“ genannt werden sollte. „Überliefert ist, dass Widukind am Lugenstein Gericht gehalten haben soll“, sagt Armbrecht. König Karl führte nicht nur einen Eroberungskrieg gegen die Sachsen, er wollte die „Heiden“ auch missionieren. Diesen Teil der Geschichte versuchte in den 1930er-Jahren die „Thingbewegung“ für ihre Propaganda nutzen.

„Vor allem die NS-Ideologen Alfred Rosenberg und Heinrich Himmler unterstützten diese radikale Bewegung innerhalb der NSDAP, die einen antichristlichen, neuheidnischen Ritus der ‚neuen Volksgemeinschaft‘ entwickeln wollte. Diese sollte langfristig die christlichen Kirchen verdrängen“, heißt es auf einer der Informationstafeln. Formuliert ist dieser Text vom Landesjugenddienst der evangelischen Kirche. Dass diese den Sachsenhain mit einem Jugendhof inzwischen für Freizeiten von Konfirmanden und Fortbildungen nutzt, ist eine Ironie der Geschichte.

Die Kirche hat auch versucht, dem von Steinen gesäumten Rundweg selbst eine neue Bedeutung zu geben. An einigen markanten Steinen sind Wörter wie „Ich bin der Weg“ oder „Mach Frieden“ eingraviert, die offenkundig nicht in die Agenda der Nationalsozialisten passen. An diesen Punkten sollten die Besucher inne halten und zwischen den monströsen Steinen und Bäumen meditieren. Doch diese Seminare gibt es nicht mehr, auch die eingravierten Denkanstöße sind verwittert und kaum mehr zu entdecken.

Ein Stein wiegt bis zu 1,5 Tonnen

Im Jahr 1934 begann die NSDAP damit, die 4500 Steine von Bauernhöfen aus ganz Niedersachsen nach Dauelsen zu bringen. Die Kolosse wiegen bis zu 1,5 Tonnen, es entstand ein Rundweg mit einer Länge von etwa zwei Kilometern. Eigentlich sollte ein noch viel größeres Monument entstehen. Doch vor der Fertigstellung hatte sich die Geschichtspolitik der Nazis verändert. Karl der Große nahm in der Ideologie nun eine Heldenrolle ein, die nicht durch die Hinrichtung der Sachsen beschädigt werden sollte. Anstatt die Kirchen verdrängen zu wollen, verfolgte Hitler nun eine Politik der Koexistenz.

Doch die Legende um das „Blutgericht von Verden“ ist in der Welt und auch nach nach Kriegsende bleibt der Sachsenhain bestehen. „Wo hätte man denn mit all den Steinen hin sollen?“, fragt Armbrecht rhetorisch. Schon als Kind spielte der heute 75-Jährige in der Anlage. „Einmal habe ich hier an der Halse rote Erde gefunden. Die musste ich sofort meinen Eltern zeigen“, erinnert er sich und lacht. Die Legende war auch Teil der Unterrichts. Der Sachsenhain ist für ihn aus Verden nicht mehr wegzudenken.

Anfragen für Gruppenführungen mit Hanns-Conrad Armbrecht nimmt die Tourist-Information unter 0 42 31/ 12 34 5 oder auf www.verden.de entgegen.

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