Berufsbildende Schulen Verden Arbeiten in Kreißsaal und Psychiatrie

Für den ersten Jahrgang der reformierten Pflegeausbildung an den BBS Verden endet bald die Ausbildung. Ihren Nachfolgern haben sie nun Einblick in ihre praktischen Erfahrungen gewährt.
23.11.2022, 15:42
Lesedauer: 3 Min
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Arbeiten in Kreißsaal und Psychiatrie
Von Marie Lührs

Der erste Jahrgang, der die reformierte Pflegeausbildung durchläuft, stand unter keinem guten Stern. Ausgerechnet zu Beginn der Ausbildung, die Alten-, Kinder- und Krankenpflege unter einen Hut bringen sollte, brach die Corona-Pandemie aus. "Wir haben vor den Computern den Blutdruck gemessen", erzählt Klassenlehrerin Susanne Davids-Bremermann von den Unterrichtsstunden per Video-Konferenz. Nicht einmal ein Dutzend der Schülerinnen und Schüler hat es bis in das dritte Jahr geschafft. Dem nachfolgenden, deutlich größeren Jahrgang haben sie nun Einblick in ihre praktische Ausbildung gewährt, in denen sie unter anderem Geburten begleitet und straffällig gewordene Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen betreut haben oder auch im Ausland im Einsatz waren.

Die Pflegeausbildung finde in Blockeinheiten statt, erklärt Davids-Bremermann. Einen großen Teil der Ausbildung verbringen die Schülerinnen und Schüler in der Praxis. In Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen werden sie nach und nach an ihre künftigen Tätigkeiten herangeführt. Zusätzlich können sie im Wahlbereich ihren individuellen Schwerpunkt setzen. Josie Dechow und Luca Meyer haben sich für den Bereich Psychiatrie entschieden und dabei sehr unterschiedliche Erfahrungen gesammelt. Während Meyer im offenen Bereich tätig war, psychisch erkrankte Menschen bei alltäglichen Erledigungen unterstützte, entschied sich Dechow für den geschlossenen Bereich einer Psychiatrie. Ihr Interesse gilt dem Bereich Forensik. In einer Klinik arbeitete sie mit Brandstiftern und Gewalttätern, die unter anderem wegen Psychosen statt im Gefängnis in einer psychiatrischen Einrichtung gelandet waren. "Man sollte sich auch mal etwas trauen, an das man sonst nicht denkt", rät Dechow den jüngeren Auszubildenden. 

Konfrontation mit anderen Krankheitsbildern

"Man sieht viele psychische Erkrankungen, die in der Ausbildung kein Thema waren", erzählt Dechow aus der Praxis. Die Konfrontation damit könne im ersten Moment Angst machen. Generell sei die psychische Belastung für die Mitarbeitenden hoch, doch es gebe viele Supervisionsangebote, bei denen sie über die Herausforderungen ihrer Arbeit sprechen könnten und Hilfe fänden. Die Arbeit habe ihr dennoch "viel Spaß gemacht", sagt sie. Die klassische körperliche Pflege der Patienten habe indes kaum eine Rolle gespielt.

In der ambulanten Betreuung psychisch kranker Menschen hat auch Luca Meyer keine Grundpflege, die unter anderem das Waschen und das Anreichen von Essen einschließt, übernehmen müssen. Das sei einer der Vorteile des Bereichs, bilanziert er. Auch über freie Wochenenden und Feiertage habe er sich gefreut. Seine Aufgaben bestanden darin, psychisch Erkrankte zu Arztterminen und Selbsthilfegruppen zu begleiten. Aber auch bei Ausflügen, der Verabreichung von Medikamenten und den Fallbesprechungen von Ärzten war er dabei. Es sei eine Herausforderung gewesen, Menschen mit Angststörungen und schweren Depressionen zu betreuen. 

Stress in der Notaufnahme

Thu Ha Le und Hafiz Omar verschlug es hingegen ganz klassisch ins Krankenhaus. Le verbrachte einige Wochen in der Intensivstation der Aller-Weser-Klinik, Omar arbeitete in der Notaufnahme. Eine seiner zentralen Aufgaben sei es gewesen, den Zustand der eingelieferten Patienten einzuschätzen, erklärt Omar. "Triagieren" laute der Fachbegriff. Je nachdem, wie dringend ein Arzt benötigt werde, werde den Patienten eine Farbe von Rot (sofort) bis Blau (nicht dringend) zugeordnet. Auch die Vitalzeichen würden dafür überprüft. Es sei oft Eile geboten und so manche Pause werde durch das Eintreffen von Verletzten und akut Erkrankten unterbrochen. Er habe außerdem gelernt, ein EKG zu schreiben.

Stress erlebte auch Thu Ha Le in der Intensivstation. Dort laufe vieles, was in der Pflege manuell geschehe, automatisch. Gleich mehrere Monitore gäben Einblick in den Zustand der Patienten, die teilweise ohne Bewusstsein oder an Beatmungsgeräte angeschlossen seien. Während ihre Klassenkameraden den Betreuten nicht bei der Körperpflege helfen mussten, war bei ihr voller Körpereinsatz gefragt. Zwei Stunde dauere das Prozedere pro Patient auf der Intensivstation. 

Einmalige Erlebnisse

Einblick in die Gynäkologie und die Wöchnerinnenstation einer großen Klinik hat sich Jasmin Baark verschafft. Dafür ging es für sie in ihre alte Heimat nach Mecklenburg-Vorpommern. "Ich war bei einer Zwillingsgeburt dabei", erzählt sie. Das sei für sie sehr beeindruckend gewesen. Auch beim Abbruch einer Eileiterschwangerschaft habe sie dabei sein dürfen. Noch weiter weg verschlug es hingegen Denys Burakov. Er verbrachte die Praxiseinheit in einem Seniorenheim in Griechenland. Die Arbeit in der im Vergleich zu Deutschland deutlich karger ausgestatteten Einrichtung habe ihn viel gelehrt. 

Eines ist fast allen Auszubildenden in ihren Wahlbereichen begegnet: Personalmangel. Und der herrscht nicht nur in der Praxis. Auch das Lehrpersonal für den Pflegebereich der Berufsbildenden Schulen sei knapp, erzählt Davids-Bremermann. Schließlich müssten die Lehrkräfte Pflegeerfahrung mitbringen. Durch den Mangel an geeigneten Lehrerinnen und Lehrern könne auch nur 25 Bewerberinnen und Bewerbern pro Jahrgang ein Platz angeboten werden. Schade, findet die Lehrerin, denn Nachwuchs werde dringend gebraucht und die Ausstattung der BBS sei hervorragend.

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