Ehmken Hoff „Blaupause für eine moderne Erziehung“

Peter von Sassen präsentiert sein einfühlsames Astrid Lindgren-Porträt an diesem Sonnabend, 9. Dezember, im Dörverdener Kulturgut.
04.12.2017, 17:36
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Herr von Sassen, mit welchem Charakter von Astrid Lindgren können Sie sich identifizieren? Kalle Blomquist, Michel aus Lönneberga oder doch etwa Ronja Räubertochter?

Peter von Sassen: Nein, nicht mit Kalle Blomquist. Der ist mir ehrlich gesagt etwas zu „sauber“. So ein freches Kind, ein Raubatz wie Michel aus Lönneberga bin ich früher nie gewesen. Dann gefällt mir der Birk, der Freund von Ronja Räubertochter, schon am besten.

Und warum?

Der Birk wird von einer starken Frau getragen (lacht). Im Ernst, ich liebe dieses Buch von Astrid Lindgren so sehr, weil es sich dabei um ein klassisches Romeo- und Julia-Motiv handelt. Es ist aber kein reines Kinderbuch, sondern auch ein Stück weit ein Jugendroman, weil es den Beginn einer kindlichen Liebe thematisiert, aufzeigt wie eine junge Frau und ein junger Mann zueinanderfinden.

Stichwort Frau. Sie wollten eigentlich nie heiraten und tun es jetzt doch. Wieso?

Ich bereite gerade eine neue Multimedia-Reportage über einen längst vergessenen mittelalterlichen Pilgerweg, den Olavsweg in Norwegen vor. Auf dieser Reise habe ich meiner Freundin dann einen Heiratsantrag gemacht. Das war ein unglaublich emotionaler Moment. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es richtig war.

Wie romantisch. Ihre Frau Irmingard begleitet sie auch am zweiten Adventssonnabend nach Dörverden, oder?

Ja. Es ist unsere letzte Multimedia-Schau in diesem Jahr. Allein deshalb ist es schon ein besonderes Erlebnis. Wir waren noch nie im Ehmken Hoff und freuen uns darum umso mehr. Meine Frau macht hinterher immer mit großem Erfolg den Büchertisch.

Gemeinsam mit ihrem langjährigen Kameramann Erwin Neu haben Sie vor fast 25 Jahren den letzten größeren Film über Astrid Lindgren gedreht, daraus später eine Multimedia-Reportage entwickelt. Hand aufs Herz: Als kleiner Junge heimlich Bullerbü mit der Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen?

Überhaupt nicht. Ich habe zwar als Kind unglaublich viel gelesen – meine Eltern mussten sogar Bücher für mich von den Nachbarn ankarren – aber meine Liebe zur schwedischen Kinderbuchautorin habe ich erst 1993 bei meinem ersten Besuch bei ihr in Stockholm entdeckt.

Da war Astrid Lindgren schon stolze 87 Jahre alt. Charakterisieren Sie kurz die geistige Mutter von Pippi Langstrumpf.

Handfest, pragmatisch, sehr fröhlich, und vor allen Dingen ein unglaublich tiefgründiger und liebevoller Mensch. Das Interview haben wir sogar auf Deutsch geführt, in Schweden haben die Kinder früher neben Englisch nämlich auch Deutsch in der Schule gelernt.

In Ihrem warmen, einfühlsamen Lindgren-Porträt taucht für einen kurzen Moment auch die schwedische Filmdiva und Sängerin Zarah Leander auf. Was um alles in der Welt verbindet diese beiden doch eher unterschiedlichen Charaktere?

Als Sekretärin in der schwedischen Buchhandelszentrale wurde sie Ende der 1920-er Jahre Nachfolgerin einer gewissen Dame, die später unter dem Namen Zarah Leander Karriere gemacht hat.

Astrid Lindgren soll durch einen kritischen Artikel angeblich sogar zum Sturz der damaligen sozialdemokratischen Regierung unter Olof Palme beigetragen haben. Ist da was dran?

Ja, obwohl sie Sozialdemokratin war, hat ihr die Politik der Sozialdemokraten irgendwann nicht mehr gefallen. Sie wollte einfach keine 102 Prozent Steuern bezahlen. Ein agitativer politischer Mensch ist sie allerdings nie gewesen, Astrid hatte einfach ein hohes Gefühl für Gerechtigkeit.

Ihre eigene glückliche Kindheit in Südschweden und ihr kleiner Sohn Lasse, den sie in eine Pflegefamilie geben musste, weil sie bei der Geburt erst 18 Jahre alt war, gelten als ihre wichtigsten Schreib-Inspirationen, oder?

Genau. Ihr Kinderbuch „Mio, mein Mio“ ist aus dieser Traurigkeit heraus entstanden. Astrid Lindgren konnte sich als Autorin einfach wunderbar in die Gedankenwelt von Kindern jeglicher Altersgruppe hinein versetzen.

Und als ihre Tochter Karin krank im Bett lag, hat sie sich eben die Geschichten von Pippi Langstrumpf für sie ausgedacht...

Richtig. Die rührenden Gespräche zwischen Karin und ihrer Mutter sind auch Teil meiner Multimedia-Reportage. Von Astrids Enkelin, die heute das Astrid-Lindgren-Archiv betreut, habe ich exklusiv die Rechte an den Fotos erhalten, die ich für mein Porträt über ihre Großmutter verwende.

Sie präsentieren die Multimedia-Reportage über Astrid Lindgren mit ihrem sonoren Timbre. Was bedeutet Stimme für Sie?

Ich bezeichne mich selbst gern als Stimmen-Fetischist, als Akustik-Junkie. Die deutschen Synchronstimmen von Robert Redford und Jodie Foster zählen zu meinen absoluten Lieblingsstimmen. Ich vergesse nie den Klang einer Stimme, die ich schon einmal gehört habe. Astrid hat zwar auf den ersten Blick nicht unbedingt dem schwedischen Schönheitsideal entsprochen, aber sie war innerlich eine unglaublich schöne Frau – mit einer warmen, angenehmen, ruhigen Stimme ausgestattet.

2002 ist Astrid Lindgren im Alter von 94 Jahren gestorben. Haben Ihre Bücher heute etwas von ihrer Aktualität eingebüßt?

Ich denke nicht. Sie hat immer dafür geworben, dass sich Kinder in einem festen Rahmen vollkommen frei entfalten können. Fehlt dieser Rahmen, führt das zu Unsicherheit und Angst bei den Mädchen und Jungen. Astrid Lindgrens Pädagogik ist also die Blaupause für eine moderne Erziehung.

Das Gespräch führte Jörn Dirk Zweibrock.

Eintrittskarten (12 Euro) sind beim Dörverdener Kiosk Vornkahl , Wulfers Hoff 2, sowie bei der Tourist-Info Verden erhältlich.

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