Seminarzentrum Das Spielzimmer Niedersachsens

Für Gaukler, Akrobaten und Bauchtänzer ist das Tagungshaus Drübberholz ein Paradies. Astrid Andrzejewski und Bernward Nüttgens leiten es schon seit 35 Jahren.
23.04.2018, 11:31
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Das Spielzimmer Niedersachsens
Von Jörn Dirk Zweibrock

Statt im Süden sind Astrid Andrzejewski und Bernward Nüttgens in den 1980er-Jahren plötzlich ganz tief im Nirgendwo zwischen Dörverden und Eystrup gelandet – in Drübber 4. „Wir wollten eigentlich eine Jugendfreizeit nach Frankreich leiten. Das Los hat dann aber doch anders entschieden“, erzählt das Paar lachend. Seit 35 Jahren mischen die beiden nun schon den wilden Dörverdener Süden auf. Noch immer sind sie mit Leib und Seele „Herbergseltern“. Andrzejewski und Nüttgens leiten allerdings keine Jugendherberge im herkömmlichen Sinne, sondern eine Oase der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung – das bundesweit bekannte Tagungshaus Drübberholz. Den halbrunden Geburtstag begehen sie am Pfingstsonnabend, 19. Mai, ab 15 Uhr mit einem kleinen Fest.

Rund 60 Schlafplätze befinden sich unter dem Dach des idyllischen Fachwerkhauses direkt an der Bundesstraße 215. Das Gebäude blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Aus der ursprünglichen Poststation mit Pferdewechsel entstand ab 1880 das Waldschlösschen Drübberholz, ein beliebtes Ausflugslokal mit Kegelbahn, Biergarten und Tanzfläche. Nach dem Krieg residierten die Alliierten dann zwischenzeitlich im Fachwerkbau, bevor er sich später wieder in einen gastronomischen Betrieb verwandelte. Mit dem Bau der Autobahn nahm schließlich auch die Bedeutung der wichtigen Verkehrsachse zwischen Bremen und Hannover ab. Die „Laufkundschaft“ verschwand also allmählich aus Drübberholz. Nach der Schließung des Hotels „Zum fliegen Holländer“ legten Bremer Studenten letztendlich den Grundstein für ein außerschulisches Bildungsangebot in Drübberholz.

Astrid Andrzejewski, die Pädagogin, und Bernward Nüttgens, der Ökonom, übernahmen das alternative Projekt quasi in der zweiten Generation. Weil sie in ihrer Heimatstadt Berlin nicht das geeignete Objekt gefunden hatten – einen Ort zum Arbeiten und zum Leben – führte die beiden Jugendleiter eben das Los ganz zufällig in den tiefen Süden der Gemeinde Dörverden. „Zu Beginn haben wir hier noch alles selbst gemacht – vom Putzen bis zur Buchführung“, blickt das Paar zurück. Inzwischen werden sie allerdings von einer Hauswirtschafterin unterstützt. Frühstück machen, Mittagessen kochen, Kuchen backen und Abendbrot vorbereiten gehören ebenso zum Arbeitsalltag der Leiterin des Seminarhauses wie die Pflege der Internetseite, das Layouten der Plakate und die Mitarbeiter-Planung. Außerdem kümmert sie sich um den großen Garten. Für die Finanzen zeichnet ihr Mann Bernward Nüttgens verantwortlich.

Auch in diesem Jahr veranstaltet die Hülsener Tanz- und Bewegungspädagogin Susanne Al-Kaledi im Herbst wieder ein orientalisches Tanzfest im Tagungshaus. „Diesmal allerdings etwas mittelalterlich angehaucht“, verrät Andrzejewski. Für Tänzerinnen wie die aus Dörverden stammende Azima ist der orientalische Tanz so etwas wie „ein Farbklecks im Alltag“. „Jede Frau kann das lernen, und zwar unabhängig von ihrem Alter und von ihrer Figur“, ist Susanne Al-Kaledi überzeugt. Neben einem gewissen Maß an Takt- und Rhythmus-Gefühl sollten die Damen allerdings auch „eine Vorliebe für Glitter- und Flitterkram“ mitbringen, denn die farbenfrohen Gewänder der Tänzerinnen blitzen und blinken, funkeln und leuchten traditionell. Aber nicht nur das. Drübberholz ist auch ein Paradies für Gaukler. „Unser zweites Gaukler-Treffen, die Gaukelei, geht hier wieder am 3. Oktober über die Bühne“, kündigt Bernward Nüttgens an. Und dann sind da ja noch rund 8000 Brettspiele, die im Tagungshaus mehrere Spielzimmer und unzählige Regale füllen. „Seit 1992 nennen wir uns auch Spielezentrum Niedersachsen“, erläutert Nüttgens, der ausgebildete Spielpädagoge. Das Tagungshaus beherbergt nicht umsonst eine der größten Spielesammlungen Norddeutschlands. Gespielt habe er schon immer gerne, damals in Berlin und auf den von den Internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten organisierten Freizeiten. Momentan stünden wieder Würfelspiele ganz hoch im Kurs, weiß der Spielpädagoge. Auch Wikinger-Spiele seien gerade sehr gefragt.

Einer, der im Spielezentrum Niedersachsen schon fast zum Inventar gehört, ist Frank Strüßmann aus Beppen in der Samtgemeinde Thedinghausen. „Beim Brettspielen kann jeder etwas mit jedem anfangen, es gibt feste Regeln und macht obendrein noch jede Menge Spaß. Im Vergleich zu Computerspielen, gibt es beim Brettspiel einfach wesentlich mehr Interaktion“, erklärt er seine Motivation, warum er selbst nach über 25 Jahren immer noch so gern am Spieltisch sitzt. Beim regionalen Vorentscheid für die Deutsche Meisterschaft im Brettspiel, der traditionell in Drübberholz stattfindet, messen sich die verschiedenen Mannschaften gleich in vier Kategorien: Kennerspiel, Familienspiel, Würfelspiel und Kartenspiel. Auch die Kinder von Astrid Andrzejewski und Bernward Nüttgens, Rainer und Monika, sind ziemlich spiele-affin. „Unsere Tochter hat sich sogar für die Deutsche Meisterschaft qualifiziert“, erzählt die Mutter voller Stolz.

Im Herbst, wenn sich die großen Spieleverlage bei der Spielemesse präsentieren, schlägt jeweils die große Stunde von Nüttgens. Er testet und bewertet dann die Neuerscheinungen. Seine Spielleiter-Ausbildung hat er bereits in den 1980er-Jahren absolviert. „Da habe ich zum ersten Mal Spiele kennengelernt, die nicht von Ravensburger sind“, erinnert er sich schmunzelnd. Der inzwischen verstorbene Spieleautor Hajo Bücken habe dem Tagungshaus Drübberholz einen Teil seiner Sammlung hinterlassen. „Das ist damals der Startschuss für die Gründung des Spielezentrums Niedersachsen gewesen“, erzählt der Spielpädagoge aus Drübber. „Die Grundzüge der Spielpädagogik sind, aus einer Gruppe, die sich noch nicht kennt, ein Team zu formen und über ausgewählte Methoden Inhalte in spielerischer Form umzusetzen“, erklärt er. Seit einigen Jahren ist Drübberholz am zweiten September-Wochenende auch Austragungsort des deutschland- und österreichweit angebotenen Spiele-Marathons Stadt-Land-Spielt. Mit den internationalen Tagen des Gesellschaftsspiels soll das Kulturgut Spiel gefördert werden.

Natürlich können die Besucher bei der Feier am Pfingstsonnabend auch das ein oder andere Gesellschaftsspiel im Tagungshaus ausprobieren oder abends am Lagerfeuer den Klängen der Oldenburger Formation Pangea (Irish Folk) lauschen. „In den vergangenen 35 Jahren habe ich hier im Tagungshaus bestimmt schon jedes Zimmer tapeziert oder mindestens einmal darin gewohnt“, mutmaßt Nüttgens. Gästehaus-Leiterin Astrid Andrzejewski ergänzt: „Es ist zwar immer noch sehr viel Arbeit, aber es macht auch immer noch sehr viel Spaß.“ Das Paar schätzt vor allem „das selbstbestimmte Arbeiten“ in Drübberholz. Mit ihren Kindern stehen auch schon die Nachfolger in den Startlöchern. Und was wird dann aus dem langjährigen Leitungsteam? „Wo sollen wir denn hin? Uns hat doch schließlich das Los nach Drübber verschlagen“, sagt Seminarhaus-Leiterin Astrid Andrzejewski mit einem Augenzwinkern im Gesicht.

Informationen zum Tagungshaus
Drübberholz, Spielezentrum Niedersachsen, gibt es auch im Internet unter der Adresse www.druebberholz.de.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+