Denk mal Zeugnis adeliger Wohnkultur

Den Rittersaal von Behr in Hoya ziert eine einmalige Panorama-Bildtapete. Zum Tag des offenen Denkmals bietet der Hausherr traditionell Führungen an.
21.12.2020, 11:59
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Zeugnis adeliger Wohnkultur
Von Jörn Dirk Zweibrock

Werner (66) und Alexander (31) von Behr sind zwar noch nie in Brasilien gewesen, hüten den Zuckerhut in der Bucht von Rio de Janeiro aber dennoch wie ihren Augapfel. Der steilwandige Felsen ziert die kostbare Panorama-Bildtapete aus der Kolonialzeit im altehrwürdigen Rittersaal ihres Hoyaer Herrenhauses. Zwischen 2005 und 2007 wurde die Tapete aufwendig restauriert.

Die beiden Landwirte stehen an der Bildtapete im Rittersaal, zeigen auf das Amazonas-Krokodil. „Die Briten haben unseren Hof und das Haus 1945 beschlagnahmt. Hier im Rittersaal hatten sie ihr Casino eingerichtet. Angeblich sollen sie am 8. Mai auf den Stier und das Krokodil in der Tapete geschossen haben“, erzählt Werner von Behr. Bei der Restaurierung der Panorama-Bildtapete seien im Lehmputz sogar noch die Projektile gefunden worden.

Weil der Zahn der Zeit am Putz genagt hatte, musste die Tapete vor einigen Jahren restauriert werden. Kostenpunkt: 210 000 Euro. Zwei Drittel wurden aus Fördermitteln finanziert, ein Drittel hat Werner von Behr aus seiner Privatschatulle beglichen. „Mein Vorfahre Ulrich Carl von Behr hat den Rittersaal 1830 an das Herrenhaus anbauen lassen“, blickt die 19. Generation der von Behrs – in Person von Werner von Behr – in die Familiengeschichte zurück. Die Panorama-Bildtapete, die von der Ankunft der Expeditionsgruppe um Alexander von Humboldt in Brasilien erzählt, wurde zuvor in der Tapetenmanufaktur Jean Zuber et Cie im Elsass von Hand gedruckt. Dabei handelt es sich um ein in Europa einmalig erhaltenes Kunstwerk.

Die Motive gehen auf Originale des Malers Johann Moritz Rugendas (1802-1858) zurück, der zwischen 1822 und 1824 an einer Expedition durch Brasilien teilnahm und sich später nochmals längere Zeit in Südamerika aufhielt. Vermutlich wollte er damit auch an Alexander von Humboldts mehrjährige Südamerikareise erinnern, der mit Rugendas in Verbindung stand. Auf 30 Bahnen kann sich das Auge des Betrachters also an den „Vues du Brasil“, den „Ansichten von Brasilien“ ergötzen. „Ich hatte einmal eine Besuchergruppe aus Brasilien zu Gast. Die haben mir bestätigt, dass die Abbildungen auf der Tapete stimmig sind“, zeigt Werner von Behr wieder mit dem Finger auf das Wahrzeichen Rios, den Zuckerhut.

An der Fensterfront des Rittersaals fließt gemächlich die Weser vorbei. Wo gibt es sonst schon den Zuckerhut mit Weserblick? Im Rittersaal der Familie von Behr steht lediglich ein Kachelofen. Sie können ihn quasi nur im Sommer als Wintergarten nutzen, in den Wintermonaten herrscht dort oben klirrende Kälte. Kein Wunder, dass Werner von Behr und sein Sohn Alexander in diesem Kontext von einer „kalten Pracht“ sprechen.

Bei seiner Expedition, der Begegnung mit Ureinwohnern und wilden Tieren, hatte von Humboldt einst einen Landschaftszeichner dabei. Dessen Skizzen fielen anschließend Zuber bei einer Ausstellung in Paris ins Auge. „Noch heute lagern die hölzernen Druckstöcke in ihrer elsässischen Manufaktur“, weiß Werner von Behr. Die Panorama-Bildtapete, für dessen Restaurierung der Hausherr einen Denkmalpreis bekam, könnte also immer noch ohne Weiteres nachgedruckt werden. Im direkten Vergleich zum Schauraum in der Tapetenmanufaktur Zuber gibt es im Rittersaal jedoch kleinere Abweichungen. Eigentlich sollte die 246-farbige Panorama-Bildtapete eine abgeschlossene Geschichte erzählen, doch „die Abfolge stimmt nicht ganz“, erinnert Werner von Behr an den Fehler, der vor 183 Jahren beim „Tapezieren“ des Rittersaals begangen wurde. Nach der Restaurierung im Jahr 2007 wollte Werner von Behr die Tapetenbahnen eigentlich in die ursprünglich angedachte Reihenfolge bringen, doch die Auflagen des Denkmalschutzes durchkreuzten seinen Plan. „Nun hängt bei uns im Festsaal eben ein Unikat“, erzählt er lachend.

Fünf Rittergüter haben früher den Hoyaer Burggraben umgeben. Heute sind die von Behrs die letzte der Hoyaer Burgmannsfamilien. Ihr Wappen ziert einen laufenden Bären mit erhobener Pranke. Zum Vergleich: Auf den Wappen der mecklenburgischen und pommerschen Geschlechter derer von Behr sind hingegen stehende Bären abgebildet. Das alte niedersächsische Adelsgeschlecht, 1189 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, ist bereits seit 1525 auf dem Rittergut schräg gegenüber dem Grafenschloss ansässig.

„Unser Haus war eigentlich ein Schloss“, berichten Vater und Sohn. Auf Befehl des französischen Generals Chabot wurde es 1758, also während des Siebenjährigen Kriegs, mit allen Wirtschaftsgebäuden niedergebrannt. Im Dreißigjährigen Krieg, 1625, wurde der Gutshof vermutlich durch die Dänen völlig zerstört und ein Vierteljahrhundert später wieder notdürftig aufgebaut.

Relikte des einstigen Familienschlosses sind die beiden Sandstein-Säulen in der Auffahrt. Bei Führungen durch den altehrwürdigen Rittersaal erklärt Werner von Behr den Besuchern höchstpersönlich, was der Affe als „Frühwarnsystem“ und die züngelnde Schlange auf der prächtigen Panorama-Bildtapete bedeuten.

Info

Zur Sache

Wegbeschreibung

Besucher aus Bremen erreichen das Rittergut von Behr, Schlossplatz 1 in Hoya, am besten mit dem Auto über Dreye, Riede, Emtinghausen, Schwarme und Martfed. Wer die Autobahn 27 bevorzugt, fährt in Verden-Nord ab und folgt der Bundesstraße 215 via Dörverden bis nach Hassel (Weser). Von dort zweigt dann die Landesstraße 330 in Richtung Grafenstadt Hoya ab.

Offizielle Öffnungszeiten gibt es nicht. Traditionell werden zum Tag des offenen Denkmals am zweiten Sonntag im September Führungen durch den Rittersaal der Familie von Behr angeboten.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+