Leben mit dem Tod: Für Gärtner Andreas Noltemeyer ist sein Beruf eine Herzensangelegenheit Der Friedhof als Ort der Kommunikation

Für Friedhofsgärtner Andreas Noltemeyer beginnt gerade die spannendste Zeit seines Jobs. Neue Pflanzen finden ihren Platz auf den Gräbern – und es kommt mehr Lebendigkeit in eine Umgebung, die normalerweise mit dem Tod gleichgesetzt wird.
11.05.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Tina Hayessen

Für Friedhofsgärtner Andreas Noltemeyer beginnt gerade die spannendste Zeit seines Jobs. Neue Pflanzen finden ihren Platz auf den Gräbern – und es kommt mehr Lebendigkeit in eine Umgebung, die normalerweise mit dem Tod gleichgesetzt wird.

Achim. Egal, ob ägyptische Pyramiden oder Megalithgräber aus der Jungsteinzeit – die Bestattung von Toten hat eine nachweisbar lange Geschichte. Daran erinnert Andreas Noltemeyer bei einem Spaziergang über den Friedhof am Rathauspark. "Es hat die Menschen schon immer interessiert, was nach ihrem Tod mit ihnen passiert", unterstreicht der Friedhofsgärtner.

Die Form der letzten Ruhestätte hat sich inzwischen gewandelt. Sie ist kleiner geworden – aber auch demokratischer. "Früher wurden die Könige mit wertvollen Grabbeigaben beerdigt, jetzt hat jeder die Möglichkeit, für sich oder einen Angehörigen eine Grabgestaltung zu wählen", hält Noltemeyer fest. Und obwohl allerhand Richtlinien einzuhalten seien, gebe es doch genug individuelle Freiheiten. Für Noltemeyer ist zum Beispiel oft schon aus einiger Entfernung zum Grab erkennbar, in welchem Jahrzehnt ein Mensch gestorben ist. "Die Goldschrift ist ein klares Zeichen für die 50er und 60er, in den 70ern war die ,Seelenrutsche’ beliebt", stellt Noltemeyer fest und deutet auf einen Grabstein, dessen Oberkante geschwungen schräg zuläuft.

Die heutigen Grabbeigaben verraten Näheres über den Verstorbenen – und seine Angehörigen. Wettergebleichte Engelsfiguren gibt es ebenso wie kleine Steine mit eingravierten Botschaften an die Vorbeischlendernden. "Stärker als der Tod ist die Liebe", versichern sie. Oder: "Spuren im Sand verwehen, Spuren im Herzen bleiben." Auf dem einen Grab wachsen zahlreiche bunte Hornveilchen, ein anderes kommt mit nur einer einzigen dunkelgrünen Zypresse aus.

Ginge es nach Noltemeyer, die Gräber würden noch viel stärker das widerspiegeln, was einen Menschen zu Lebzeiten ausgemacht hat. "Was für Farben hat jemand gemocht, wohin ist er vielleicht gerne in den Urlaub gefahren – das gehört zu den Fragen, die ich stelle." So pflanzt der Friedhofsgärtner zum Beispiel Lavendel – weil der Bestattete als junger Mann so gerne in der Provence war. Wenn es klappt, dass die Witwe am Grab an diese Zeiten zurückdenkt, hat Noltemeyer sein Ziel erreicht.

"Mein Beruf, das ist die Berufung meines Lebens. Was ich mache, ist mir eine wirkliche Herzensangelegenheit", sagt Noltemeyer über eine Wahl, die – wie er selbst betont – aus Verlegenheit fiel. 1984, nach seinem Abitur, begann er eine Ausbildung zum Friedhofsgärtner, weil eine Stelle als Gärtner kaum aufzutreiben war. "Das war damals ein Modeberuf, jeder wollte Gärtner werden." Schon nach wenigen Wochen in der Lehre aber habe er erkannt, wie glücklich seine Entscheidung war. "Mein Beruf ist so spannend: Es kommen die verschiedenen Fachsparten aus dem Gartenbau zusammen. Du musst alles können: kreativ sein, Kunden betreuen, anpacken." Nun, da Noltemeyers Betrieb auf sechs Angestellte angewachsen ist, muss natürlich auch viel koordiniert werden.

Wie wichtig seine Arbeit ist, weiß Noltemeyer, dazu gibt es sehr verschiedene Meinungen. "Ein 20-Jähriger sagt vielleicht so was wie: ,Verscharrt mich doch einfach nach meinem Tod’." Diese lässige Einstellung würde sich aber meist ändern. "Je näher ein Mensch dem Tod ist, desto mehr denkt er über seine Bestattung nach." Überhaupt seien Ältere recht allein damit, sich mit den Themen Tod und Trauer auseinanderzusetzen. "Der Tod passt nicht mehr in unsere Zeit. Was mit Alter, Krankheit und sterben zu tun hat, wird verdrängt", ist sich Noltemeyer sicher. Das erkenne man auch an den Friedhöfen. So sei es – anders als vor hundert Jahren – nicht mehr selbstverständlich, dass ein Friedhof in die Mitte der Stadt gehört. Der jüngste der vier städtischen Friedhöfe wurde in Bierden angelegt. Nicht so ideal, findet Noltemeyer. "Die Älteren sind schließlich weniger mobil." Für den Gärtner gibt es noch einen weiteren Grund, der für den Friedhof in der Stadt spricht. "Das ist eine ökologische Nische, hier gibt es biologische Vielfalt." In einer Stadt wie Achim, die in ländlicher Umgebung liegt, sei das vielleicht nicht ganz so bedeutend. "In Hamburg ist das aber schon anders, da ist der Friedhof Olsdorf mit mehr als Hundert Hektar die grüne Lunge der Stadt."

Und auch hier in Achim würden sich die Bienen über eine abwechslungsreiche Diät in der Innenstadt freuen. Vögel finden in den Bäumen einen Unterschlupf. Ein belebtes Plätzchen also, so ein Friedhof. Nicht nur wegen der Tiere. "Das ist ein Ort der Kommunikation", stellt Noltemeyer klar. Und in der Tat schafft er es nicht, über den Friedhof zu gehen, ohne alle paar Hundert Meter angesprochen zu werden. Er versucht es auch gar nicht. "Für einen kurzen Plausch muss es immer reichen", sagt er, nachdem ihm gerade ein älterer Herr einen Schwank aus seinem Leben anvertraut hat.

Ein paar mehr Besucher, findet Andreas Noltemeyer, könne der Friedhof übrigens noch gebrauchen. Zwar buddeln schon so einige fleißige Hände am Rathauspark Unkraut aus und Blumen ein, aber nur so zum Schauen kommen nur wenige Achimer vorbei. "Im Urlaub gehen viele Leute auf den Friedhof, man kann dort ja auch eine Menge über die Kultur erfahren. Nur der Friedhof um die Ecke, den sieht sich kaum einer einfach so an."

Leben mit dem Tod

n Es ist ein Thema, das wenig Platz findet, es wird von vielen verschwiegen, ignoriert oder man macht sich – um es besser zu ertragen – darüber lustig. Der Tod und die damit verbundene Trauer. Und doch muss sich jeder Mensch früher oder später auch ernsthaft damit auseinandersetzen. Einige sind Profis auf dem Gebiet – sie haben täglich mit dem Thema Tod zu tun. In der Reihe "Leben mit dem Tod" stellen wir Männer und Frauen vor, die beruflich oder ehrenamtlich mit Tod und Trauer umgehen.

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