Tierzuchttechniker Thomas Redenius

Der Kälbchenmacher

Thomas Redenius hat den Stoff für neues Leben im Gepäck. Tierisches Leben. Mit Bullensperma, mal aufgetaut, mal ganz frisch, besamt der Tierzuchttechniker im Jahr bis zu 6000 Kühe.
13.10.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Dirk Zweibrock
Der Kälbchenmacher

Bei ihm flutscht es: Tierzuchttechniker Thomas Redenius besamt eine Schwarzbunte.

Focke Strangmann

Thomas Redenius hat den Stoff für neues Leben im Gepäck. Tierisches Leben. Mit Bullensperma, mal aufgetaut, mal ganz frisch, besamt der Tierzuchttechniker im Jahr bis zu 6000 Kühe.

Thomas Redenius fährt mit seinem Wagen auf den Hof Kruse am Heidkrug. Der Tierzuchttechniker öffnet seinen Kofferraum. Irgendwie gleicht der einer mobilen Arztpraxis. Zum Vorschein kommt ein Stickstoffgefäß mit verschiedenen Köchern. Aus denen dampft es gewaltig. „Minus 196 Grad“, sagt Redenius, zeigt dabei auf die verschiedenen Portionen mit dem tiefgefrorenem Bullensperma.

Neben dem Namen des Tieres ist dort natürlich auch das Abfülldatum vermerkt. Tiefgefrorenes Sperma sei unbegrenzt haltbar, weiß der 54-jährige Tierzuchttechniker. Den Begriff Rucksackbullen hört er hingegen nicht so gerne. In 40 Grad warmem Wasser werde der Bullensamen dann aufgetaut. Ein Vorgang, der nur wenige Sekunden dauere. Doch für seine heutige Mission im Auftrag der Verdener Masterrind wird er kein tiefgefrorenes, sondern frisches Bullensperma verwenden.

„Wer Tierzuchttechniker werden will, muss im Vorfeld erst eine landwirtschaftliche Ausbildung absolvieren“, erklärt Redenius. Dann folge die eigentliche einjährige Ausbildung zum Rucksackbullen, pardon Tierzuchttechniker. In der Besamungsstation würden die Azubis alle Stationen durchlaufen, vom Büro über das Labor bis hin zum Einsatz im Stall. Zu Beginn gehen die angehenden Tierzuchttechniker mit einem Ausbildungstechniker mit, besuchen darüber hinaus Lehrgänge beim Institut für Fortpflanzung in Schönow. Tierzuchttechniker sei kein anerkannter Beruf, deshalb habe er noch eine Zusatzausbildung zum Fachagrarwirt für Besamungswesen drangehängt, erzählt der Mann aus Klein Linteln. Vor über 30 Jahren, 1985, hat er bei Masterrind in Verden angeheuert. Gemeinsam mit seinen beiden Kollegen bildet Redenius ein Team, besamt Kühle im Landkreis Verden sowie im benachbarten Heidekreis. Wie in vielen anderen Berufen, fehle es auch in der Tierzuchttechnik an Nachwuchskräften, bedauert der 54-Jährige. Doch woran liegt das? „Wir müssen auch sonn- und feiertags arbeiten. Wenn eine Kuh in der Brunst ist, können wir nicht einfach bis Montag warten. Sitzt der Follikel im Eierstock, muss das Tier binnen 24 Stunden besamt werden“, berichtet er.

522 Kühe, überwiegend Schwarzbunte, leben auf dem Hof Kruse am Heidkrug. Vier von ihnen will Redenius heute besamen. Das zwölf Grad warme Bullensperma sei noch ganz frisch. Zuchtbulle Baldur sei gerade am Morgen gesprungen. Das Sperma sei dem Tier im Sprungraum abgezapft, anschließendend gleich im Labor bearbeitet worden, sagt Thomas Redenius, nimmt das Besamungsgerät, das einer langen Spritze gleicht, in die Hand. „Eine Portion enthält 2,5 Millionen lebende Spermien.“

In Gummistiefel und Arbeitskittel gehüllt, öffnet Thomas Redenius die Stalltür. Beim Anblick der Kühe beginnen seine Augen zu leuchten. „Das hier sind alles meine Kinder“, freut er sich, geht direkt auf die Schwarzbunte namens Prix zu. Wie heißt es doch so schön, der Preis ist heiß. Prix steht mit drei weiteren Kühen in einem abgetrennten Bereich, der Separation. „Wenn Kühe in der Brunst sind, springen sie oftmals umher oder andere Kühe an. Um die Ruhe in der Herde nicht zu stören, kommen sie dann in die Separation“, sagt der Tierschutztechniker, zieht sich einen langen Plastikhandschuh über die rechte Hand und den Unterarm. Schnell noch etwas Vagila-Gleitschaum aufgetragen und schon geht es direkt von hinten in die Kuh. Bei seiner „Untersuchung“ tastet der Tierzuchttechniker den Genitalbereich der Kuh ab – Gebärmutter und Eierstock. „Der Eierstock ist haselnussgroß. Ich kann den Follikel fühlen“, erläutert er und führt das Besamungsgerät langsam ins Innere der Kuh, wo das Sperma dann abgelegt wird. Abgelegt – so heißt es im Fachjargon. „Fertig“, sagt Thomas Redenius, zieht seinen Arm behutsam aus der Schwarzbunten, während an seinem Plastikhandschuh eine bräunliche Masse klebt. In weniger als zwei Minuten ist also der gesamte Besamungsvorhang abgeschlossen. Zum Schluss dokumentiert Redeninus alles in seinem Netbook. „Es muss ja schließlich alles seine Ordnung haben. Ich bin letztlich für die Vaterschaft verantwortlich“, sagt Redenius, der „Veterinär-Gynäkologe“, schmunzelnd. Durchschnittlich drei bis sechs Mal würde eine Kuh in ihrem Leben kalben.

Ob sie auch wirklich trächtig ist, Thomas Redenius als Kälbchenmacher erfolgreich war, weiß er erst, wenn er sechs Wochen später zur Trächtigkeitsuntersuchung anreist. Die Erfolgsquote, dass das Tier gleich beim ersten Mal trage, liege bei rund 60 Prozent. „Wenn eine Kuh trächtig ist, merke ich das an ihrer Gebärmutter. Die ist dann asymmetrisch geformt.“ Ist die Kuh trächtig, dauert es wie beim Menschen insgesamt neun Monate, bis das Kälbchen das Licht der Welt erblickt. Hat es mit der künstlichen Besamung nicht geklappt, setzt der Tierzuchttechniker gleich zum nächsten Versuch an. Bis zu 20 Kühe besame er manchmal pro Tag, rund 6000 seien es im Jahr. Übrigens: Jeder Zuchtbulle hat im einmal jährlich erscheinenden Bullenkatalog so etwas wie seine eigene Setcard. Anhand derer kann Familie Kruse dann das passende Bullensperma für ihre Kuh Prix aussuchen.

Erst seit den 1960er-Jahren würden Kühe künstlich besamt, erläutert der Tierzuchttechniker. Vorteil: Heute könnten sich die Landwirte den gewünschten Bullen direkt aus dem Katalog aussuchen, darüber hinaus würde es auch keine Deckseuchen mehr geben. „Früher haben die Landwirte ihre Kühe ja vom Dorfbullen decken lassen.“ Hand aufs Herz, Herr Redenius – wie fühlt es sich eigentlich so an, ganz tief in einer Kuh? „Warm und dunkel“, bringt er es auf den Punkt. Und ergänzt: „Eine Kuh zu besamen, ist körperlich ganz schön anstrengend. Das geht ordentlich in die Schulter.“ Doch zum Glück arbeite seine Frau ja als Physiotherapeutin.

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