Häuser erzählen Geschichten : Familie Wittboldt-Müller wohnt in einem Vierständerhaus von 1865

Der Terrazzo-Boden kam aus Italien

zer Mühle hat eine lange Familientradition. Über Jahrhunderte war das Leben der Familie Müller mit dem Mühlenbetrieb verbunden.
08.05.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Der Terrazzo-Boden kam aus Italien
Von Anna Zacharias
Der Terrazzo-Boden kam aus Italien

Heinz Riepshoff Foto: Zacharias

zer Mühle hat eine lange Familientradition. Über Jahrhunderte war das Leben der Familie Müller mit dem Mühlenbetrieb verbunden.

Das Bauernhaus an der Eit

Verden-Eitze. Der steinige Weg zum Haus von Claudia und Lutz Wittboldt-Müller stellt hohe Anforderungen an die Stoßdämpfer eines zeitgenössischen Fahrzeugs. Über eine alte Holzbrücke an der Eitzer Mühle geht es, und schon liegt der Hof in der idyllischen Landschaft, wie in einer anderen Zeit. Die Menschen, die hier im Verdener Stadtteil Eitze wohnten, hießen immer Müller, über Jahrhunderte hinweg – bis eine Frau dazwischen kam.

Lutz Wittboldt-Müller öffnet die Haustür, die in einen großzügigen Aufenthaltsraum mit Terrazzoboden führt. An der linken Wand hängen zwei alte Gemälde von den Ahnen, in der Mitte steht ein Holztisch, und an der hinteren Wand stehen zwei enorme Holzschränke. "Hier bin ich aufgewachsen, genau wie mein Vater auch", sagt der Hausherr über sein Bauernhaus von 1865. Im Jahr 1991 pachtete er den Hof, 1995 dann wurde er auf ihn überschrieben. Die Eitzer Mühle allerdings ist schon lange nicht mehr in Betrieb.

Im Bauernhausarchiv der Grafschaften Hoya und Diepholz in Syke sitzt Heinz Riepshoff. Er ist Bauernhausexperte aus Leidenschaft. Mit konzentriertem Blick "blättert" er in seiner virtuellen Datenbank, in der über 3600 Gebäude mit Fotos, Beschreibungen und historischen Daten erfasst sind.

"Hierbei handelt es sich um ein typisches Vierständerhaus, wie es sie in der Region erst im 19. Jahrhundert gab", sagt er über das Haus der Wittboldt-Müllers. Der Wohnkomfort in diesem Bauernhaus sei damals bereits städtisch gewesen. Auch der Bodenbelag lässt historische Rückschlüsse zu: "Terrazzoböden wurden um 1900 ausschließlich von italienischen Wanderarbeitern gefertigt", sagt Riepshoff über die Küche des Bauernhauses.

Heinz Riepshoff ist gebürtiger Syker und lebt in Verden. Sein Interesse für Bauernhöfe wurde schon früh geweckt, als er mit seinem Vater über Land fuhr, um Waren auszuliefern. Lange engagierte er sich bei der Interessengemeinschaft Bauernhaus (IGB) – unter anderem als Geschäftsführer – und schuf im Jahr 2002 mit Hilfe seiner umfangreichen privaten Sammlung über Bauernhäuser das Archiv in Syke in Zusammenarbeit mit dem Kreismuseum.

Der Hausforscher blickt wieder auf den Bildschirm, auf dem ein altes Foto der Eitzer Mühle zu sehen ist. Riepshoff war bereits Gast in unzähligen Gebäuden in der Region und hat dort fotografiert und nach alten Dokumenten geforscht. Anhand von Bohrproben aus Holzbalken kann er das Alter der Häuser bestimmen. "Dendrochronologie" wird dieses Verfahren genannt.

Die Geschichte des Hauses ist eng verknüpft mit der der Eitzer Mühle. Im Jahr 1220 wurde sie erstmals urkundlich erwähnt. Seit 1403 soll der Familie Müller laut Eitzer Dorfchronik Hof und Wassermühle übertragen worden sein. Der älteste Meierbrief stammt aus dem Jahre 1555. Die alte Mühle wurde 1863 durch eine neue ersetzt, "eine ganz fortschrittliche", wie Wittboldt-Müller erzählt, denn sie hatte bereits eine Turbine – was sonst erst später üblich war. Zwei Jahre später wurde das jetzige Bauernhaus gegenüber der Mühle fertig gestellt, nachdem das alte abgebrannt war. Als Erbauerin gilt Witwe Margaretha Müller. Ihr Mann Heinrich Wilhelm Müller war ein Jahr zuvor gestorben.

Immer bewohnten die Müllers das Haus in Eitze – bis es einmal keinen männlichen Nachfolger gab, und der Name Wittboldt hinzukam. Heinrich, der die Mühle 1924 von seinem Vater Ernst Wittboldt übernahm, integrierte den Familiennamen seiner Mutter wieder in den seinigen – denn ohne den "Müller" fehlte doch was.

Lutz Wittboldt-Müller sitzt in seinem Wohnzimmer und blättert in einem alten Fotoalbum, das einen Einblick in das Leben um 1900 liefert. "Ich wünsche mir schon, dass meine Kinder mal die Tradition fortführen und den Hof hier übernehmen", sagt er. Er hat drei Töchter. Ob eine von ihnen die Landwirtschaft für sich entdeckt, wird sich zeigen. Und auch, wie es dann mit dem Familiennamen weitergeht.

Mit der Serie "Häuser erzählen Geschichten", gewährt die Redaktion Blicke hinter die Fassaden alter und besonderer Gebäude in der Region.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+