Hunde und Katzen testen Tiernahrung Die Feinschmecker auf vier Pfoten

Verden. Sie heißen Söckchen, Mufti, Snowball, Herr Bert oder Black Berry – und sie sind die wohl einflussreichsten Hunde und Katzen Europas. Denn was ihnen schmeckt, landet in den Supermarktregalen des gesamten Kontinents. In Verden testet die Firma Mars wie gut ihre Produkte bei den Haustieren ankommen.
07.05.2010, 09:46
Lesedauer: 7 Min
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Von Thomas Joppig

Verden. Sie heißen Söckchen, Mufti, Snowball, Herr Bert oder Black Berry – und sie sind die wohl einflussreichsten Hunde und Katzen Europas. Denn was ihnen schmeckt, landet in den Supermarktregalen des gesamten Kontinents. In Verden testet die Firma Mars, Weltmarktführerin in Sachen Hunde- und Katzennahrung, wie gut ihre Produkte bei den Haustieren ankommen. Die 28 000-Einwohner-Stadt bei Bremen ist seit 50 Jahren ein wichtiger Standort der Tiernahrungsindustrie.

E in treuer Blick aus schwarzen Golden-Retriever–Augen. Vertrauensvoll schmiegt sich eine kleine Katze an das hellbraune Hundefell. Haustieridylle pur. Schon das riesige Foto im Foyer des PetCenters macht deutlich, wer hier im Mittelpunkt des Interesses steht. 120 Katzen und 60 Hunde leben im Haustierzentrum des Unternehmens. Es ist eine Art Tierheim de Luxe – mit hellen, geräumigen Boxen und großzügigem Außengelände, jeder Menge Kratzbäumen und einem eigenen Hundetrainer.

Dass dieses Gebäude kein Haustierhotel, sondern ein Forschungsstandort ist, fällt auf den ersten Blick gar nicht auf. Nur wer auf die Fressnäpfe schaut, ahnt etwas davon. Neugierig lugt eine kleine Katze durch eine Klappe aus Plexiglas und blickt suchend auf die beiden metallenen Näpfe, die sich dahinter verbergen. Doch momentan sind sie leer, die letzte Fütterung liegt gerade anderthalb Stunden zurück. Ein Halsband mit einem individuell programmierten Computerchip entriegelt die Klappe und sorgt dafür, dass jede Katze nur an ihre eigenen Näpfe kommt.

Unter den Futterschalen befinden sich elektronische Waagen, die ihre Messergebnisse direkt an einen Zentralcomputer weiterleiten. Aus welchem Napf fressen die Tiere? Und wie viel fressen sie? Das sind die Fragen, um die sich hier alles dreht. Die Produktentwickler bei Mars lassen immer zwei Produkte gegeneinander antreten. So testen sie beispielsweise, ob eine veränderte Rezeptur den Tieren besser schmeckt als die alte, oder wie gut ihre Produkte mit den Neuheiten der Konkurrenz mithalten können.

150 Mitarbeiter brüten über neuen Rezepturen

Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung bei Mars ist groß: Ein internationales Team aus 150 Mitarbeitern brütet in Verden über neuen Rezepturen. Lebensmittelchemiker, Tierärzte und Biologen versuchen, das Futter noch schmackhafter und Leckerlis noch leckerer zu machen. Irgendein Fleisch in Stückchen zu schneiden und mit ein bisschen Sauce zu vermengen – damit ist es nicht getan. Schließlich ist Tierfutter eines der wenigen Produkte, bei dem Käufer und Konsument nicht identisch sind. „Wir haben es immer mit zwei Entscheidern zu tun – dem Tierhalter und dem Tier“, sagt Unternehmenssprecher Rolf Zepp.

Allein in deutschen Haushalten leben 7,9 Millionen Katzen und 5,3 Millionen Hunde. Mars agiert mit auf einem großen Markt, der von mehreren Unternehmen hart umkämpft wird. Und so verkauft der Hersteller von bekannten Marken wie Whiskas, Pedigree, Sheba, Cesar, Chappi, Frolic und Kitekat längst nicht mehr nur Säcke, Dosen und Frischebeutel mit allem, was Haustiere satt macht. Tiere satt machen – das können andere, billigere Hersteller auch. Mars will in erster Linie etwas anderes verkaufen: Das Gefühl, seinem Tier eine Freude zu machen und ihm etwas Gutes zu tun. Doch die richtige Formel für eine solche gesunde Fress-Freude ist schwer zu finden.

Ein gutes Futter soll nicht nur schmecken

Ein gutes Futter soll dem Tier schließlich nicht nur schmecken. Es soll auch für ein glänzendes Fell, kräftige Muskeln und stabile Knochen sorgen. Es soll appetitlich aussehen und ebenso riechen, damit der Halter nicht die Nase rümpft, wenn er den Napf füllt. Und es muss bekömmlich und bezahlbar sein. Wünsche, die nicht leicht zu erfüllen sind. Denn wenn es ums Essen geht, sind sich Zwei- und Vierbeiner in Grundsatzfragen einig: „Das, was den Tieren besten schmeckt, ist leider oft auch das Teuerste“, sagt einer der Produktentwickler.

Daneben wird das Herstellen von Hunde- und Katzenfutter von den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Entwicklungen beeinflusst. So hat man bei Mars inzwischen für jedes Produkt eine alternative Rezeptur in der Schublade. Schließlich müssen die Produktentwickler immer damit rechnen, dass eine Fleischsorte aufgrund einer Tierseuche zeitweise mal wegfallen kann. Auch veränderte Geschmacksgewohnheiten in der Bevölkerung beeinflussen die Arbeit der Produktentwickler. Innereien wie Leber kommen bei den Deutschen zum Beispiel immer seltener auf den Mittagstisch, also stehen der Tiernahrungsindustrie größere Mengen davon zur Verfügung als noch vor zwei oder drei Jahrzehnten.

Dass das Qualitätsbewusstsein der Halter steigt, merkt man bei Mars deutlich: So werden auch beim Tierfutter immer mehr Bio-Produkte nachgefragt – und Transparenz ist auch im wörtlichen Sinne ein Thema: Durchsichtige Verpackungen mit vorportioniertem Hunde- oder Katzenfutter werden immer beliebter. „Der Käufer kann den Inhalt schon im Geschäft sehen und fühlen. Das schafft Vertrauen“, sagt Mars-Sprecher Zepp. Um Vertrauen geht es auch im Pet Center– genauer gesagt um das Vertrauen in die Qualität und Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Produkte. Früher ließ das Unternehmen seine Neuentwicklungen in Privathaushalten testen. Hunde- und Katzenhalter erstatteten schriftlich Bericht darüber, welches Futter Struppi oder Mieze am liebsten fraßen. Doch seit es das Pet Centergibt, sind diese Zeiten vorbei – und die Produktentwickler sind froh darüber, denn sie interessieren sich für die Details im Fressnapf. Wenn sie erfahren, dass von einem Nassfutter nur die Hälfte gefressen wurde, wollen sie genau wissen, was zurückgeblieben ist: Die Sauce? Die Stückchen? Oder von beidem gleich viel?“

Pudeldame Debbie bekommt eine neue Frisur

Wer die Feinschmecker auf vier Pfoten besucht, merkt besonders bei den Hunden auf Anhieb, dass sie hier schon länger leben. Anders als im Tierheim ertönt kein aufgeregtes Gebell, sobald ein Besucher an den Boxen vorbeikommt. Ein neugieriger Blick durch das Gitter tut’s ja auch. Pudeldame Debbie bekommt gerade eine neue Frisur. Elke Graf hat ihr das schwarze Fell geschnitten und kämmt die Hündin nun mit einer Haarbürste. Der scheinen die massierenden Bewegungen zu gefallen. Auf einem roten Handtuch liegend beäugt sie neugierig, was Elke Graf mit ihr anstellt. Tierpfleger im Pet Center– ein Traumjob für Hunde- und Katzenliebhaber? „Sicher“, sagt Elke Graf. „Aber wir hatten auch schon öfters Leute hier, denen die Arbeit bereits nach ein paar Tagen zu viel wurde. Unser Alltag besteht ja nicht nur aus Streicheln. Da ist eine Menge harte Arbeit dabei – und die Katzen beißen auch schon mal.“

Wenn Elke Graf morgens um acht Uhr ins Pet Centerkommt, ist für sie und ihre Kollegen erst mal anderthalb Stunden lang Aufräumen angesagt. Dutzende Katzenklos werden geleert und gesäubert, Hundekot im Freigehege eingesammelt. Egal, ob Füttern, Gassigehen oder Saubermachen: Alle Aufgaben, die ein normaler Tierhalter zwischendurch erledigt, werden im Pet Centerzu einem tagesfüllenden Programm. Die 13 Mitarbeiter kümmern sich eben nicht nur um einen Hund oder eine Katze, sondern um insgesamt 180 Vierbeiner. Und die möchten nicht nur versorgt werden, sondern auch Aufmerksamkeit und Zuwendung erhalten. Da braucht man schon eine große Portion Tierliebe gepaart mit Geduld und starken Nerven.

Dennoch wollen Tierpfleger wie Elke Graf oder ihr Kollege Matthias Karr ihren Beruf nicht gegen einen anderen eintauschen. „Man bekommt schon sehr viel Zuneigung von den Tieren zu spüren“, sagt Karr. Egal, ob  Hauskatze, Jack-Russell-Terrier, Boxer oder Sheltie: Fast jedes Tier im Pet Center hat unter den Mars-Mitarbeitern einen Paten, von dem es nach drei Jahren im Pet Center übernommen wird. Doch bevor es soweit ist, schaut Hundetrainer Marcus Wolff ganz genau, ob Mensch und Hund auch zusammenpassen. Jeder Mitarbeiter, der Hunde-Pate werden will, muss unter Anleitung von Wolff einige Pflichtstunden mit dem ausgewählten Tier verbringen. „Das Team Mensch – Hund muss harmonieren“, sagt er. Doch auch ohne die Tierpaten hat der Hundetrainer eine Menge zu tun. Neben den Standard-Befehlen wie „Sitz“ und „Platz“ bringt er seinen vierbeinigen Schülern Tricks bei, spielt mit ihnen Hunde-Frisbee oder stillt ihren Bewegungsdrang mit der Hundesportart Agility.

Fast jedes Tier hat einen Paten

 

Für Thomas Brenten, Tierarzt und Leiter des PetCenters, geht es dabei um mehr als Spielerei. „Wir wollen keine verstörten Labortiere heranziehen, sondern Tiere, die zufrieden und ausgeglichen sind. Sie sollen gut erzogen und an den Umgang mit Menschen gewöhnt sein.“ Wichtig sei, dass sich die Vierbeiner nicht nur auf dem Firmengelände bewegen. „Unsere Tierpfleger führen die Hunde zum Beispiel auch in der Stadt aus, damit sie sich an Fahrräder, Autos und Verkehrslärm gewöhnen.“

Doch die Tiere sind oft auch auf dem weitläufigen Unternehmensgelände unterwegs. Selbst wer bei Mars ausschließlich am Schreibtisch arbeitet, bekommt die Zielgruppe des Konzerns jeden Tag vor Augen geführt. Denn in den frühen Nachmittagsstunden vollzieht sich in den beiden Verwaltungsgebäuden Tag für Tag das gleiche Ritual: Die Hunde drehen ihre Büro-Runde. Zwei Tierpfleger führen sie an den Schreibtischen vorbei – und so mancher Angestellte vergisst da schon mal für einen Augenblick das Tagesgeschäft, streichelt das Fell eines Terriers oder Collies und fachsimpelt mit den Tierpflegern über die Freuden und Herausforderungen der Hundehaltung. Für Rolf Hendrik Zepp sind solche Begegnungen zugleich ein Stück Firmenphilosophie: „Die Tiere stehen im Mittelpunkt unserer Arbeit. Das soll sich auch im Unternehmensalltag widerspiegeln.“ Das Haustierzentrum ist zwar nicht das größte und auffälligste Gebäude auf dem Gelände. Und doch ist es, wenn man so will, das Herzstück des Unternehmens. „Die letzte Entscheidung über neue Produkte fällt eben nicht im Labor oder am Schreibtisch“, sagt Zepp. „Sie fällt am Fressnapf.“

HINTERGRUND: DER MARS KONZERN

Verden ist seit 1960 Jahren ein wichtiger Standort der Tiernahrungsindustrie. Der Mars-Konzern ist der größte private Arbeitgeber der 28 000-Einwohner-Stadt. Mars ist ein US-Unternehmen, das auch den gleichnamigen Schokoriegel herstellt, der nach der Inhaberfamilie benannt ist. Marken wie Bounty, Snickers oder M&M’s, aber auch „Uncle Ben’s“-Reis gehören ebenfalls zum Sortiment. Am Standort Verden stellt das Unternehmen jedoch ausschließlich Hunde- und Katzenfutter her und entwickelt in diesem Bereich neue Produkte. Die Tiernahrungssparte des Mars-Konzerns hieß in der Vergangenheit zunächst Effem und später Masterfoods. Seit September 2007 firmieren jedoch alle Teile des Unternehmens einheitlich unter dem Namen Mars. 220 000 Tonnen Tiernahrung verlassen Jahr für Jahr das Werk an der Eitzer Straße. Mit der Ware aus Verden beliefert Mars sowohl den deutschen als auch den skandinavischen und den Schweizer Tiernahrungsmarkt. In der Allerstadt befindet sich zudem seit 2007 die Europazentrale für die gesamte Tiernahrungssparte des Unternehmens. In diesem Zusammenhang war auch das „ Pet Center“ errichtet worden. Mars beschäftigt in Verden 1000 Mitarbeiter und setzt jährlich 700 Millionen Euro um. Wer das Pet- Centerbesuchen möchte, kann nach vorheriger Anmeldung an einer Führung teilnehmen. Telefon: 04231/ 944366.

 

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