Landkreis der Extreme

Die Gipfelstürmer

Der Waller Heimatverein kennt den höchsten Punkt im Landkreis Verden. Und er weiß auch, was der alte Zehn-Mark-Schein mit diesem Hügel zu tun hat.
27.07.2017, 16:56
Lesedauer: 2 Min
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Die Gipfelstürmer
Von Anna Zacharias
Die Gipfelstürmer

Der große Funkturm ragt über den höchsten Punkt noch weit hinaus.

Björn Hake

Landkreis Verden. Die gute Nachricht vorweg: Wer den höchsten Berg im Landkreis Verden erklimmen will, braucht keine Sauerstoffflasche. Zum Skifahren, das ist die schlechte Nachricht, lohnt sich der Steinberg in Verden-Walle aber leider auch nicht, und Bergsteiger kommen nur ganz bedingt auf ihre Kosten.

Stolze 73,9 Meter ist dieses Fleckchen Erde nach Informationen des Katasteramtes hoch. Ganze 74 Meter gibt sogar das Online-Nachschlagewerk Wikipedia für den Steinberg an – „na ja, wenn ein Maulwurf auf der Spitze gewühlt hat“, sagt Lothar Möcke vom Verdener Katasteramt trocken.

Gut zu erkennen ist dieser landschaftliche Höhepunkt der Region an dem Fernmeldeturm. Nach Informationen der Deutschen Telekom wird er für Mobilfunk und Richtfunk benötigt. Wer sich der erhabenen Erscheinung aus Richtung der Autobahnabfahrt Verden-Nord nähert, vorbei an Reinhards Grillstube und dem Restaurant Asien-Perle, bemerkt den gemächlichen Anstieg kaum. Den Turm selbst kann der unautorisierte Besucher allerdings nicht besichtigen, dieser ist nämlich umschlossen von einem Gitterzaun. Die Anfahrt endet an einem großen Tor. Hier duftet es nach feuchtem Waldboden und wilden Himbeeren, Vögel zwitschern gegen die Geräusche der vorbeifahrenden Autos an.

Der Steinberg ist eine Erhebung, die jeder Süddeutsche vermutlich nicht mal als Hügel durchgehen lassen würde. Und doch bildet er eine Wettergrenze. Hinter der schüttet es manchmal, während die Verdener nur ein paar Wölkchen sehen – und umgekehrt. Wenn unten in Verden allerdings die Aller über die Ufer tritt, bleiben die Füße hier trocken.

Unweit des höchsten Punktes liegt der höchste bewohnte Punkt im Landkreis Verden. Auch dieser befindet sich im Verdener Ortsteil Walle, und zwar in der Straße Buchhorst in der Nähe des Golfplatzes. Die Bergbewohner leben hier in 56,2 Metern Höhe. Eine Tatsache, die auch dem Waller Heimatverein nicht entgangen ist. Der feierte 1994 sogar schon einmal ein „Bergfest“ mit viel Musik und großem Tamm-Tamm in den luftigen Höhen, erinnert sich der Vorsitzende Herbert Meyer-Bolte lebhaft.

Er kennt auch eine nette Anekdote in Verbindung mit dem Höhepunkt des Landkreises, dem Steinberg. Der hat es sogar auf den Zehn-Mark-Schein geschafft. Die Erhöhung diente nämlich dem Mathematiker Carl Friedrich Gauß zur Landvermessung. Während derartige Höhen und Tiefen heute per GPS ermittelt werden, musste Gauß Anfang des 19. Jahrhunderts noch anders vorgehen, als er diese Teile des Königreichs Hannover vermaß. Dafür setzte er Festpunkte auf Bergkuppen und teilte das Gelände zur Berechnung in Dreiecksnetze auf. „Man braucht allerdings schon eine Lupe, um auf der kleinen Karte auf der Rückseite des Scheins den eingezeichneten Steinberg zu erkennen“, sagt Meyer-Bolte.

Ihm zu Ehren brachte der Heimatverein im Jahr 1994 sogar einen Findling mit entsprechender Inschrift auf den Steinberg, den sie aus der Sandgrube in Kirchlinteln holten. Und auch der höchste bewohnte Punkt bekam einen solchen Stein. Verweilen können Spaziergänger auf einer Bank, die der heute 360 Mitglieder starke Verein ebenfalls aufstellte. Einer von ihnen ist Klaus Müller, der in der unmittelbaren Nähe des Findlings wohnt.

Dass man sich hier auf einem „Berg“ befindet, merkt man nicht. „Wären Sie mit dem Rad aus Verden gekommen, hätten Sie die Steigung schon bemerkt“, sagt Müller. Schöner, findet er, könne man zudem nicht wohnen: Vor dem Haus ein Maisfeld, gleich nebenan der Golfplatz. Die Bewohner an der Buchhorst sind eben in vielerlei Hinsicht ganz weit oben im Landkreis Verden.

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