Hommage an die plattdeutsche Sprache

Dörverden statt Broadway

In Jeans, Turnschuhen, Matrosenbluse und mit plattdeutschem Programm „Watt’n Skandaal“ war Annie Heger Sonnabend auf dem Kulturgut Ehmken Hoff zu sehen. Und sie hatte einiges zu erzählen
30.03.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von KATHRIN DÖRING

In Jeans, Turnschuhen, Matrosenbluse und mit ihrem plattdeutschen Programm „Watt’n Skandaal“ war die Künstlerin Annie Heger am Sonnabend auf dem Kulturgut Ehmken Hoff zu sehen. Und sie hatte einiges zu erzählen. Im überwiegend blonden Ostfriesland sei sie als Mädchen mit schwarzen Haaren zur Welt gekommen – „watt’n Skandaal!“ Dabei hätte es blond so einfach sein können. Stattdessen erwarteten sie von nun an viele Unannehmlichkeiten. Es habe weniger „Bonschen“ für die Schwarzhaarige gegeben. „Und“, fügte sie traurig hinzu, „man wird auch keine Blütenkönigin in Wiesmoor.“

Aber getreu dem Motto „Beter een lüttje Fisch, as gor keen up’n Disch“ machte Annie Heger nach eigenen Angaben das Beste aus ihrem Schicksal. Und so präsentierte sie ihrem Dörverdener Publikum die schönsten Seiten einer gnadenlos unterschätzten Metropolregion: Ostfriesland.

Charmant komödiantisch erzählte sie all die schönen Anekdoten. Da ging es um Familiengeschichten von Oma und Opa, von Freundschaften zu Zeiten der Mauer zwischen dem Ossi aus Ostfriesland und dem Ossi aus Ostdeutschen. Und es ging darum, dass in ihrer Heimatregion die Menschen den eingeführten Euro für Ostfriesland nicht für durchsetzungsfähig hielten. Heger gab in ihrem Programm tiefe Einblicke in die ostfriesische Namenskultur, in der Männer so wohlklingende Namen erhalten wie Fokko, Tammo oder den klassischen „Frerk“. Sie selbst zeigte sich mit ihrem Vornamen sichtlich zufrieden, angesichts ostfriesischer Alternativen wie Abrahame, Friedit oder Ensine. „Letztere kommt aus dem Wortstamm Gesine oder vielleicht auch Draisine“, sagte sie.

Sehnsucht nach der großen Bühne

Annie Heger ist nach eigenen Angaben quasi auf der Bühne groß geworden. „Ich war als Kind so lütt, dass ich bequem in den Trompetenkoffer meines Vaters gepasst habe. Somit hat er mich immer mit zu Konzerten mitgenommen, um mich auf der Bühne immer im Blick zu haben“, sagte sie. Sie selber wollte eigentlich nur auf die großen Bühnen und eine singende Diva werden. Doch irgendwie sei Ostfriesland nicht wirklich New York oder Sydney. „Zum Plattdeutschen bin ich durch meinen Opa gekommen. Ich war immer Opas Kind und habe somit auch Opas Platt gelernt“, erklärte sie. Und dann erzählte sie die skurrile Geschichte von Opa, der mit 17 Jahren und den entsprechende Flausen im Kopf als Soldat eingezogen wurde, sein Gewehr irgendwie, irgendwo auf dem Marsch verlor und später im Gefecht im Schützengraben einschlief und von seiner Truppe dort liegen gelassen wurde. Im zweiten Teil ihres Programms überraschte die Künstlerin ihr Publikum mit einem neuen Outfit: Im kleinen Schwarzen, mit Federn im Haar und einem Auftritt wie einst Liza Minelli in „Cabaret“ erstaunte Annie Heger ihre Zuschauer.

Doch auch im neuen Outfit sang und plauderte sie sich durch lustige und bewegende Erinnerungen, scherzte, kokettierte und bewies, dass Platt wirklich sexy sein kann. Eigene Kompositionen und bekannte, ins Platt übertragene Lieder spickten den Abend, der eine gelungene und liebevolle Hommage an die plattdeutsche Sprache war. Ganz gleich, ob komödiantisch, berührend poetisch oder auch romantisch, voller Ausdrucksstärke und Authentizität: Annie Heger bewies, dass sie ein ausgewiesenes künstlerisches Multitalent ist und bot ihrer Dörverdener Zuhörerschaft an diesem Abend Entertainment auf höchstem Niveau.

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