Chris Barber und seine Musiker werden in der Verdener Stadthalle mit stehenden Ovationen gefeiert Ein Jazz- und Swing-Feuerwerk

Von Swing-Evergreens über lupenreinen New-Orleans-Jazz, mal empfindsamen und mal richtig dreckigen Blues bis zu den Spirituals – das boten Chris Barber und seine Musiker in der Stadthalle.
02.10.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Susanne Ehrlich

Von Swing-Evergreens über lupenreinen New-Orleans-Jazz, mal empfindsamen und mal richtig dreckigen Blues bis zu den Spirituals – das boten Chris Barber und seine Musiker in der Stadthalle.

Verden. Mit dem Jazz-Urgestein Chris Barber gab es ein opulentes Finale der 14. Jazz- und Bluestage in der Verdener Stadthalle. Kaum zu glauben, dass sich die Halle nach zwei langen Nächten und einem Sonntagnachmittag voller Jazz und Blues noch einmal beinahe vollständig mit unermüdlichen Fans füllte – am Ende wurde der "Godfather des modernen Blues und Rock" mit stehenden Ovationen gefeiert.

Mit Dixieland und New Orleans hat Barber sich selbst wie auch einem eigenständigen britischen Jazz bereits in den 1950er Jahren einen weltweiten Namen gemacht. Heute leitet der 82-Jährige mit unverminderter Energie eine Combo aus lauter hochkarätigen Solisten, die sowohl mit dem Jazz- und Swing-Feuerwerk, das sie auf der Bühne zündeten, als auch jeder für sich mit begeisternden Soli jede Menge Highlights aus dem Trichter zauberten.

Schnelle Formationswechsel

Das Repertoire reichte von Swing-Evergreens über lupenreinen New-Orleans-Jazz und mal empfindsamen und mal richtig dreckigen Blues bis zu den Spirituals, deren mitreißend swingende Facette Barber eigentlich selbst erschaffen hat.

Die Formationen wechselten in schneller Folge von intensiven Trio- oder Quartettbesetzungen über ein weltweit unübertroffenes Standard-Sextett aus Rhythmusgruppe, Posaune, Trompete und Saxofon bis zu einer Combo mit Bigband-Sound mit je zwei Trompeten, zwei Posaunen und drei Saxofonen beziehungsweise zweimal Saxofon plus Klarinette. Langjähriger Weggefährte Chris Barbers an der Posaune ist Bob Hunt, der aus seinem Instrument mit tausend Stopftricks Geräusche hervorbringen kann, von denen man vorher gar nicht wusste, dass es sie gibt. Er kann sie ganz heiser krächzen lassen, bringt sie aber auch zärtlich zum schmeicheln und singen.

Mike Henry lieferte an der Trompete gemeinsam mit Hunt traumhaft schöne gesangliche Duo-Passagen ab. Peter Rudeforth, der zweite Mann an der Trompete und ebenfalls ein großartiger Solist, machte immer wieder den ganz großen Bigband-Sound komplett. Neben dem grandiosen Bert Brandsma, dessen Virtuosität an der Klarinette jeden klassischen Dirigenten begehrlich machen muss und der das Publikum auf dem Saxofon ins Träumen geraten ließ, gab es mit Richard Exall und Ami Roberts zwei weitere Spitzen-Saxofonisten; die einzige Dame des Ensembles nahm auch gern mal die Querflöte zur Hand. Mit Joe Farler an Gitarre und Banjo, Jackie Flavelle am Kontrabass und Gregor Beck an den Drums hat Barber eine Rhythmusgruppe zur Seite, die so flexibel und interessant ist und dem Sound so viele eigene Farbfacetten hinzufügt, dass sie schon dann das Publikum begeisterte, wenn nur sie allein auf der Bühne stand.

Sehr berührend, aber auch richtig anstrengend war Barbers Moderation, die er die ganze Zeit über in einem sehr eigenartigen Deutsch bestritt. Selbst wer nur wenig Englisch versteht, hätte dennoch mehr mitbekommen, wenn Barber bei seiner Muttersprache geblieben wäre. Immer wieder konnte man auch ihm seine Anstrengung anmerken: Mit 82 noch so Gas zu geben, das bedeutet, die letzten Kraftreserven anzugreifen, und niemand nahm es ihm am Ende übel, wenn er trotz des nicht enden wollenden vehementen Beifalls auf eine Zugabe verzichtete.

Himmlisch schön war‘s, wenn die Posaune oder das Saxofon vor dem Power-Klanggrund der Band die Singstimme "coverte", doch auch wenn Barber selbst das Mikro zur Hand nahm, hörte man gern zu und freute sich an der Originalität einer Bühnenpräsenz, die in Natura zu erleben, von Jahr zu Jahr eine größere Sensation bedeutet. Von der Charleston-Koketterie der "Bourbon Street Parade" und den verräucherten "Jungle Nights in Harlem" über ein flehentlich zärtliches "Lead me on" bis zum ausgelassen wirbeligen "Merry Go Round" erklang eine gelungene Kombination traditioneller und jüngerer Titel, in denen sich tausend verschiedene Klangfarben entfalteten und die jedes für sich voller Temperament und Spielfreude waren.

Mit "When the Saints" schließlich, in dem von Banjo und Bass über all die großartigen Bläser bis hin zum grandiosen Drummer alle Musiker ein letztes mitreißendes Solo ablieferten, wuchs jeder von ihnen über sich hinaus in einer hinreißenden Jazz-Sinfonie voller Strahlkraft und sprudelndem melodischem Einfallsreichtum.

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