Musikalischer Hochgenuss beim Eröffnungskonzert zum neuen Internationalen Kammermusikfest in Verden Ein Kaleidoskop aus tausend Klangfarben

Verden. Diese Maiklänge werden beim Publikum des Eröffnungskonzertes zum neuen Kammermusikfestival in der frisch restaurierten Aula des Domgymnasiums noch lange nachklingen. Ins Leben gerufen hat es der Kontrabassist Nabil Shehata, dessen außergewöhnliche Begabung an diesem Ort entdeckt wurde, und der, mittlerweile weltbekannt, auch selbst mit seinem imposanten Instrument am Sonnabend auf der Bühne stand.
22.05.2017, 00:00 Uhr
Lesedauer: 3 Min
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Von Susanne Ehrlich

Verden. Diese Maiklänge werden beim Publikum des Eröffnungskonzertes zum neuen Kammermusikfestival in der frisch restaurierten Aula des Domgymnasiums noch lange nachklingen. Ins Leben gerufen hat es der Kontrabassist Nabil Shehata, dessen außergewöhnliche Begabung an diesem Ort entdeckt wurde, und der, mittlerweile weltbekannt, auch selbst mit seinem imposanten Instrument am Sonnabend auf der Bühne stand. Und da es nicht allzu viel Kammermusik gibt, in der ein Kontrabass seinen Platz findet, ergab es sich beinahe von selbst, zum Auftakt dieses neuen und viel versprechenden Verdener Frühsommer-Festivals mit dem Forellen-Quintett nicht nur eines der bedeutendsten, sondern auch das wohl bekannteste kammermusikalische Werk überhaupt zu präsentieren.

Welcher Komponist ist besser geeignet als Franz Schubert, um das Glück eines musiktrunkenen Abends unter Freunden zu zelebrieren? Das wurde eine wahre Schubertiade, in der Inspiration, Meisterschaft und Musizierfreude die Hauptrolle spielten, während die durchweg grandiosen Musiker völlig selbstvergessen ihre Rollen spielten und im Gesamtkunstwerk eines kostbaren musikalischen Erlebnisses verschmolzen.

Duftig und zart gestalteten Eric le Sage (Piano), Alexandra Conunova (Violine) und Claudio Bohrquez (Cello) das Klaviertrio Nr. 1 in B-Dur D 898. Die Heiterkeit des Kopfsatzes spiegelte sich in den Mienen der Streicher. Losgelöst sangen die Instrumente, als ob sie eine eigene Persönlichkeit besäßen. Und das Piano stimmte gleich doppelt in diese Kantabilität mit ein, denn Schubert führt es, besonders im Kopfsatz, parallel im Oktavabstand in der von ihm selbst formulierten Absicht, „...dass die Tasten unter meinen Händen zu singenden Stimmen würden“. Im Andante verschmolzen die drei Instrumente zu absoluter Schönheit an der Grenze zum Schmerz, und man konnte kaum fassen, dass diese jungen Musiker das Werk hier erstmals gemeinsam musizierten – so aus einem Guss, in einem gemeinsamen Atem, stellte es sich dar.

Im Scherzo durften die Instrumente miteinander lachen und spotten, zeigten Schubert als rhythmischen und harmonischen Visionär und wurden zur Freude des Publikums ab und zu vom beharrlichen Diskant eines verliebten Finken neben dem offenen Fenster zum Quartett umgewidmet. Das Rondo-Thema schließlich zitierte ein Schubert-Lied, in dem es heißt: „Lasst im Morgenstrahl des Mai‘n uns der Blume Leben freun, eh‘ ihr Duft entweichet!“

Das ließ sich das Publikum nicht zweimal sagen und jubelte den Musikern mitgerissen zu, bevor Beethovens so geistreiches wie hinreißend schönes „Duett mit zwei obligaten Augengläsern“ WoO 32 in einen schwesterlichen Singwettstreit entführte. Mit dem grandiosen Cellisten Bohrquez musizierte der Bratschist Jan Grüning, und ungeachtet der Tatsache, dass beide gänzlich unbebrillt auf der Bühne erschienen, kann man sich keine kongenialere Interpretation dieses Werkes vorstellen, das mit der Homogenität der so eng geführten dunklen Stimmen eine aufregend intensive Klangwirkung erzielt.

Mit dem Cellisten Tim Park und dem Bratschisten Konstantin Sellheim konnte das Publikum nach der Pause im Klavierquintett A-Dur D 667 zwei weitere großartige Interpreten erleben, die mit Eric le Sage am Piano, Alexandra Conunova an der Violine und Nabil Shehata am Kontrabass zu einem gleich gestimmten und meisterhaften Ensemble verschmolzen. Und wieder war es kaum vorstellbar, dass die von Shehata aus der ganzen Welt zusammengeführten Musiker dieses Werk erstmals gemeinsam aufführten.

Was gab es alles zu bestaunen! Der dichte, geschlossene Klang wirkte beinahe orchestral, und wenn das Piano solistisch erstrahlte, glaubte man, ein brillantes Klavierkonzert zu erleben. Der unglaublich intensive Bass Shehatas drang über das Zwerchfell mitten ins Innerste. Ein Kaleidoskop aus tausend Klangfarben wurde entfaltet. Die faszinierende Kombination von berstender Energie, Leichtfüßigkeit und inniger Empfindung wurde zur dynamischen und emotionalen Achterbahnfahrt.

Das hingerissene Publikum applaudierte so lange und vehement, als wolle es das Ganze auf der Stelle noch einmal hören: Welch ein Glück, dass die zweite Auflage des Kammermusikfestes für 2018 bereits in Planung ist.

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