Energieversorgung in der Zukunft

Ein turbulentes Jahr für die Solarwirtschaft

Schon mehr als 400000 Photovoltaikanlagen tragen mittlerweile rund ein Prozent zur deutschen Stromversorgung bei. Johannes Heeg sprach mit Martin Hillen und Susanne Schmidtlein von Schmidtlein Solartechnik in Etelsen über die Energiewende, Renditen und Perspektiven.
22.12.2010, 05:00
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Ein turbulentes Jahr für die Solarwirtschaft

Der Turm der Lüfte im Entdeckerpark des Bremer Universums.

Barbara Debinska

Sauberen Strom aus Sonnenenergie zu gewinnen - diese Idee findet in Deutschland immer mehr Anhänger. Schon mehr als 400000 Photovoltaikanlagen tragen mittlerweile rund ein Prozent zur deutschen Stromversorgung bei. Johannes Heeg sprach mit Martin Hillen und Susanne Schmidtlein von Schmidtlein Solartechnik in Etelsen über die Energiewende, Renditen und Perspektiven.

Frage: Es war gar nicht leicht, einen Termin fürs Interview mit Ihnen zu finden. Sie haben offenbar ziemlich gut zu tun?

Martin Hillen: Das kann man so sagen. Allein in diesem Jahr haben wir Anlagen mit einer Gesamtleistung von vier Megawatt installiert. Die liefern Strom für 1300 Durchschnittshaushalte. Und zwar völlig geräuschlos, ohne Feinstaub, Qualm und Atommüll. Auch jetzt fragen noch Leute an, ob wir ihnen noch schnell in diesem Jahr eine Anlage aufs Dach setzen können.

Ist das so eine Art Dezemberfieber, weil zum neuen Jahr die Einspeisevergütung erneut sinkt?

Susanne Schmidtlein: Wir nennen das Jahresendrallye. Die jährliche Absenkung zum 1. Januar ist gesetzlich festgeschrieben. Die Kunden wollen immer noch im alten Jahr mit ihrer Photovoltaikanlage in Betrieb gehen, um sich noch die höhere Einspeisevergütung zu sichern. Das Jahr 2010 war ein besonders turbulentes Wirtschaftsjahr. Unsere Branche erfuhr drastische Kürzungen, die zu einer erheblichen Verunsicherung der Endkunden führte. In diesem Jahr wurde nämlich zusätzlich zur jährlichen Absenkung zwei Mal der Rotstift angesetzt, so dass die Förderung für Photovoltaik um fast 40 Prozent gesenkt wurde. Immer, wenn diese Entscheidungen durch die Medien gingen, liefen bei uns die Telefone heiß.

Umweltminister Röttgen hat die Kürzungen damit begründet, dass es keine "Überförderung" geben solle. Die Photovoltaikbetreiber bekommen für ihren Strom eine Vergütung, die höher ist als der Strompreis und über eine Umlage von allen Stromverbrauchern bezahlt wird. Verdienen die sich eine goldene Nase?

Hillen: Jede neue Technik braucht eine gewisse Anschubhilfe, bis sie sich durchsetzt. Durch das von klugen Menschen erdachte Energieeinspeisegesetz ist die deutsche Solarindustrie eine der führenden auf dem Weltmarkt. Das Gesetz ist volkswirtschaftlich gesehen eine Riesennummer. Abgesehen vom positiven Umwelteffekt durch CO2- und Atommüll-Vermeidung schafft unsere Branche Arbeitsplätze. Die Solarwirtschaft in Deutschland ist eine Zukunftsindustrie, die die Wirtschaft stärkt. Unser Betrieb zum Beispiel beschäftigt zehn feste und fünf freie, hoch qualifizierte Monteure. Wir wachsen organisch und schaffen kontinuierlich Arbeitsplätze in einer spannenden Branche, die noch eine Menge Entwicklung vor sich hat.

Warum sollte die Photovoltaik überhaupt subventioniert werden?

Schmidtlein: Dass die Strompreise steigen, ist in diesen Tagen für viele Verbraucher, die Post von ihrem Energieversorger bekommen, unübersehbarer Fakt. Die Abhängigkeit von konventionellen Energieerzeugern und deren Preispolitik ist nicht mehr haltbar. Die erneuerbaren Energien benötigen weiterhin Anschubfinanzierungen, bis sie die volle Marktreife erreichen. Ist sie dann erreicht, wirkt sich der Solarstrom dämpfend auf die Großhandelspreise für Strom aus, argumentierte auch die Bundesnetzagentur in diesen Monaten. Die Ablösung konventioneller Energiequellen und die Vermeidung von Folgekosten aus Energienutzung muss das Ziel bleiben. Mit Blick auf die nachfolgenden Generationen und angesichts der Endlichkeit konventioneller Energieträger ist die weitere Förderung erneuerbarer Energien unbedingt notwendig.

Was motiviert Ihre Kunden, in die Photovoltaik einzusteigen?

Hillen: Die Absicht, viel Geld zu verdienen, steckt immer seltener dahinter. Obwohl die Betreiber je nach Größe und Lage der Anlage auch weiterhin mit Renditen zwischen 5 und 9 Prozent rechnen dürfen. Ich erzähle mal ein Beispiel für 2011: Wer nächstes Jahr 14000 Euro für eine Fünf-Kilowatt-Anlage ausgibt, hat in unserer Region bei einem Süddach eine Stromausbeute von etwa 4250 Kilowattstunden pro Jahr. Verbraucht der Haushalt jährlich 1800 Kilowattstunden selbst, so hat der Anlagenbesitzer rund 1400 Euro Einnahmen aus Stromerzeugung. Die Rendite der gesamten Anlage liegt hier bei rund 8 Prozent. Bei Eigenheimbesitzern hat die Entscheidung für eine Photovoltaikanlage auch oft idealistische Gründe: Die Familie beschließt die persönliche Energiewende und erzeugt eigenen Strom, den sie selber verbrauchen oder einspeisen kann. Bei Landwirten, die große Scheunendächer mit Modulen bestücken lassen, kann die Stromerzeugung durchaus ein weiteres wirtschaftliches Standbein werden. Und es gibt beispielsweise Supermarkt-Ketten, die etwas fürs Prestige tun und sich ein grünes Image zulegen wollen. Vorige Woche haben wir in Frankfurt für die Firma Rewe eine Pilotanlage mit 200 Kilowatt installiert.

Wie wird es 2011 weitergehen?

Schmidtlein: Die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke passt vielen Menschen nicht. Für einige unserer Kunden ist das ein Grund gewesen, aktiv zu werden. Da im neuen Jahr die Einspeisevergütung massiv gesenkt wird, erwarten wir, dass die Hersteller mit ihren Modulpreisen herunter gehen, sodass die Nachfrage hoffentlich bleibt. Das Geschäft wird sicherlich schwieriger für uns kleine Handwerksbetriebe. Wir müssen uns breit aufstellen. Solarthermische Anlagen, Erdwärme und Ähnliches wird in Zukunft wieder mehr nachgefragt werden. Je teurer Öl und Gas werden, desto interessanter werden umweltfreundliche Heizungskonzepte. Wir glauben fest daran, dass es noch viel Entwicklungspotential im Bereich regenerativer Energiekonzepte gibt. Wir haben uns mit unserem Betrieb Fortbildung und Weiterentwicklung auf die Fahne geschrieben, um unsere Zukunft zu sichern.

Was wünschen Sie sich noch?

Hillen: Wir brauchen einen Durchbruch bei der Entwicklung von Speichermöglichkeiten für Strom. Dann wäre zum Beispiel folgendes Modell interessant: Ich speichere meinen selbsterzeugten Strom in einem großen Akku im Carport und fahre mein Elektroauto zum Tanken hinein. Viele Kunden fragen danach. Überhaupt sind die Leute heute viel besser über die Zusammenhänge informiert als vor ein paar Jahren. Das fänd? ich klasse, wenn es da weiter zügig voran ginge.

Wie schätzen Sie ihre längerfristigen Perspektiven ein?

Schmidtlein: Die sind gut. Schauen Sie doch nur, wie viele Dächer es gibt, die hervorragend für die Nutzung der Sonnenenergie geeignet sind, aber nicht genutzt werden. Da steckt noch viel Potenzial drin, auch für uns spezialisierte Handwerker. Zumal die Anlagen auch gereinigt und gewartet werden müssen. Und wenn die Module nach 35 Jahren verbraucht sind, müssen sie ersetzt werden. Und wir bleiben einfach dran, am Puls der Zeit.

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