Landwirt Joachim Köhler hat neues Futter für seine Biogasanlage – und ist skeptisch Ein Versuch: Wildpflanzen statt Mais

Der Kirchlintler Landwirt Joachim Köhler ist im Landkreis Verden der einzige Betreiber einer Biogasanlage, der am bundesweiten Versuchsprojekt "Energie aus Wildpflanzen" teilnimmt. Nachdem er die Ernte des zweiten Jahres eingefahren hat, überwiegt bei ihm die Skepsis, dass die naturfreundlichen nachwachsenden Rohstoffe mit dem Mais konkurrieren können.
10.08.2012, 05:00
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Ein Versuch: Wildpflanzen statt Mais
Von Anke Landwehr

Der Kirchlintler Landwirt Joachim Köhler ist im Landkreis Verden der einzige Betreiber einer Biogasanlage, der am bundesweiten Versuchsprojekt "Energie aus Wildpflanzen" teilnimmt. Nachdem er die Ernte des zweiten Jahres eingefahren hat, überwiegt bei ihm die Skepsis, dass die naturfreundlichen nachwachsenden Rohstoffe mit dem Mais konkurrieren können.

Verden. Gelänge es, Mais mit einer gelben Blüte als Nahrungsquelle für Insekten zu züchten, würde Joachim Köhler vor Freude Luftsprünge machen. "Dann wäre diese ganze Diskussion vorbei", sagt der Landwirt, der in Kirchlinteln eine Biogasanlage betreibt. Deren derzeitige Leistung von 500 Kilowatt möchte er noch auf 900 Kilowatt steigern. Dafür müsste er seine Anbaufläche für Mais nach eigenen Angaben auf 380 Hektar verdoppeln. Keiner seiner jetzigen Äcker liegt mehr als zehn Kilometer von seiner Hofstelle im Ortskern von Kirchlinteln entfernt.

Dort haben sich am späten Mittwochnachmittag versammelt: Silke Brünn (Amtsleitung Naturschutz beim Landkreis Verden), Antje Mahnke-Ritoff (Unterabteilung Artenschutz), Naturschützer um den Nabu-Kreisvorsitzenden Bernd Witthuhn und Erich von Hofe. Der Grüne, der bei den kommenden Landtagswahlen kandidiert, ist auf Wahlkampftour und hatte den Termin arrangiert.

Köhler ist ein Vorzeige-Landwirt – einer, der schon vor Jahren Sonnenblumen um seine Maisfelder aussäte und der außerdem am fünfjährigen Versuchsprogramm "Energie aus Wildpflanzen" teilnimmt. Dafür hat er vier Hektar reserviert, auf denen er im vergangenen Jahr eine Samenmischung ausbrachte, die bis 2015 immer weitere, auch neue Pflanzen hervorbringt. Im ersten Jahr waren es ausschließlich einjährige Sommerblumen, in diesem Jahr sind es mehrjährige Blühpflanzen, nächstes Jahr kommen Stauden hinzu. "Das sah schon toll aus", schwärmte er seinen Besuchern vor, "schön bunt und ganz viel Leben drin."

Auf dem Höhepunkt der Blüte wurde gemäht. Denn zu diesem Zeitpunkt, erklärte der Landwirt, sei die Energiedichte in den Pflanzen am höchsten. Mit Mais könnten die Wildpflanzen jedoch bei Weitem nicht konkurrieren. Statt der erhofften 25 erntete Köhler lediglich 14,8 Tonnen Frischmasse. "Das ist ein Drittel von dem, was wir von dieser Fläche an Mais kriegen könnten." Nach seinen Schätzungen bedeute das eine Differenz von rund 1000 Euro pro Hektar, "pi mal Daumen". Entscheidend für den Betrieb der Biogasanlage sei allerdings die Trockenmasse, sie bestimme die Gasausbeute.

"Genau, das sollten wir abwarten", warf Antje Mahnke-Ritoff ein. Die Biologin in Diensten des Landkreises hatte Köhler für den Feldversuch gewonnen und lobte ihn als "tollen Partner". Er sei engagiert, investiere Zeit und Geld in das Programm. Wildpflanzen könnten den Mais zwar nicht völlig ersetzen, seien aber eine große Chance für die Natur. Mahnke-Ritoff: "Die Zahl der Ackervögel geht dramatisch zurück, Bienen und Hummeln finden nicht genügend Nektar."

Köhler möchte mit dem Wildpflanzen-Experiment "die Mais-Diskussion durchbrechen" und beweisen, dass er auch als Landwirt den Schutz der Natur im Auge hat. Seine Anlage betreibt er überwiegend mit Mais, außerdem mit Getreide, Gras, verschiedenen Hirsearten und nun auch mit Wildkräutern. Das Saatgut dafür ist ihm aus dem bundesweiten Programm zur Verfügung gestellt worden. Falls sich herausstelle, dass sie wirtschaftlich ein Minusgeschäft seien, sei er doch überzeugt, dass sich der Versuch lohne, erklärte er gestern auf Nachfrage. Außerdem spare er Saatgut-, Maschinen- und Arbeitskosten, weil er die Wildpflanzen nur einmal, den Mais aber jedes Jahr säen müsse.

Die Ernte sei freilich eine Herausforderung für Mensch und Maschine. Der Häcksler schaffe es nicht, insbesondere den holzigen Rainfarn so fein zu schreddern, wie er ihn für die Biogasanlage brauche. "Das muss wie ein Brei sein, damit es von den Bakterien angenommen wird." Köhler will nun einen Gorator in seiner Anlage installieren lassen. "Das ist eine Art Mühle, die alles zermust. Das hatte ich aber sowieso vor, weil sich auch im Gras manchmal holzige Stücke befinden."

Ein Versuch: Wildpflanzen statt Mais

Landwirt Joachim Köhler hat neues Futter für seine Biogasanlage – und ist skeptisch

Zitat:

"Das sah schon toll aus:

So schön bunt und

ganz viel Leben drin."

Landwirt Joachim Köhler

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