Macht und Pracht Einblicke ins Familienalbum

Was die Heilige Apollonia, Patronin bei Zahnkrankheiten, mit der Verdener Propstei-Kirche St. Josef verbindet, erfahren die Besucher beim Tag des offenen Denkmals.
08.09.2017, 17:27
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Jörn Dirk Zweibrock

Verden. Wie bitte? Wer Zahnweh hat, geht doch zum Dentisten und nicht etwa in die Kirche. Was die Heilige Apollonia, ihres Zeichens Patronin bei Zahnkrankheiten, mit der Verdener Propstei-Kirche St.-Josef zu tun hat und warum es in grauer Vorzeit auch einen katholischen Johann Bornemacher gab, erfahren die Besucher beim Tag des offenen Denkmals an diesem Sonntag, 10. September. Die Verdener Gästeführerin Ursula Schramm führt jeweils um 13.30 und 16 Uhr durch den neoromanischen Bau mit seinen spezifischen Rundbögen (Andreaswall).

14 Jahre lang – zwischen 1973 und 1987 – waren die prächtigen Ausmalungen in der Verdener Propstei-Kirche St. Josef unter weißer Farbe verschwunden. Logisch, irgendwie wirkte das Gotteshaus in dieser Zeit zwar ein wenig heller als heute, aber mit den farbigen Ausmalungen war irgendwie auch ein Stück seiner Pracht verschwunden. Seit drei Jahrzehnten erstrahlt der Sakralbau, der in der Kirchenstadt Verden eher ein Schattendasein fristet, mittlerweile wieder in altem Glanz.

Der von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz koordinierte Tag des offenen Denkmals steht in diesem Jahr unter dem Motto Macht und Pracht. Genossen die Verdener Katholiken einst noch die Gastfreundschaft der protestantischen St.-Johannis-Gemeinde, zogen sie später in einen kleinen Schuppen an der Oberen Straße. Aber warum durften sie erst 1894 ein eigenes Gotteshaus in der Domstadt errichten? „Das lag am preußischen Kulturkampf“, erzählt Ursula Schramm von den „Machtspielen“ zwischen Otto von Bismarck und Papst Pius IX. Mit den beiden Männern seien damals zwei Alphatiere aufeinandergetroffen. Die Hälfte der Bischöfe habe zur damaligen Zeit sogar in Haft gesessen. Erst mit dem Nachfolger von Pius, dem diplomatischeren Leo XIII., seien die Machtspiele zwischen Kaiserreich und Kirche ab 1878 schrittweise beigelegt worden. Folglich durften die rund 500 Verdener Katholiken unter Dechant Bernhard Bram eben auch ihre eigene Kirche am Andreaswall bauen.

„Für den Bau gab es vom Kaiser und auch vom bayerischen König einen Zuschuss, denn in Verden war ja schließlich bayerisches Militär stationiert“, erläutert Ursula Schramm und bleibt in der St.-Josef-Kirche am Altar aus grünem Sandstein stehen. Wie in einer katholischen Kirche üblich, ist er gleich an vier Stellen geweiht und besteht aus einem ungeteilten Block. Die Füße der Gästeführerin stehen auf dem im Boden eingelassenen Kreuz aus Anröchter Marmor. Ihr Blick wandert nach oben. Mit dem Finger zeigt sie auf die prächtigen Ausmalungen im Nazarener-Stil. „Diese Künstlergruppe hat sich an den Alten Meistern orientiert und biblische Geschichten in ihrem Lebenszusammenhang dargestellt“, erzählt die Verdenerin. Josef, der als Zeichen seiner Reinheit noch die Lilie in der Hand hält, ist eines der Motive. Ein weiteres zeigt den Zimmermann bei seiner Arbeit. Der zwölfjährige Jesus im Tempel oder Christus, der gemeinsam mit einem Engel am Sterbebett seines Ziehvaters Josef wacht, gehören zu den anderen Bildern.

Neben dem Tabernakel, dem Aufbewahrungsort der Hostien, die nach katholischer Lehre Leib Christi sind, flackert das Ewige Licht. Warum wurde das Gotteshaus eigentlich nach Josef benannt? „Er wurde 1870 vom Papst zum Schutzpatron der katholischen Kirche ernannt. Deswegen tragen viele Kirchen, die Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurden, seinen Namen“, lüftet Ursula Schramm das Geheimnis. Vorbei geht es am Taufbecken, der dekorativ gestalteten Osterkerze und dem Seitenaltar bis hin zum Beichtstuhl mit dem violetten Vorhang. „Violett gilt als Zeichen der Buße“, erklärt Ursula Schramm und öffnet die Tür des Beichtstuhls. Gebeichtet wird heute in der Verdener Propstei-Kirche St.-Josef – wenn überhaupt – beim Beichtgespräch in einem separaten kleinen Raum.

Zwei Bomben-Volltreffer verzeichnete die katholische Kirche in Verden am 14. April 1945, gehört damit neben der Pestalozzi-Schule zu den wenigen zerstörten Gebäuden während des Zweiten Weltkriegs. „Nur die beiden romanischen Säulen im Eingangsbereich sind damals stehengeblieben“, erzählt die Gästeführerin vom Wiederaufbau des Gotteshauses im Jahre 1959. Was viele nicht wissen – auch in der katholischen Kirche gab es einen Bornemacher – und zwar den Jesuiten-Pater Johannes Arnoldi. Der wurde in der Rekatholisierungs-Phase am 9. November 1631 von der Bevölkerung bei Visselhövede getötet. Arnoldi war gerade auf dem Weg nach Verden gewesen. „Der Tatort wird noch heute Paterbusch genannt“, weiß Ursula Schramm.

Die Gästeführerin lässt den für eine katholische Kirche typischen Kreuzweg hinter sich und bleibt noch einmal am Sepulcrum im Altar, dem kleinen Grab für die Reliquien, stehen. Es ist der Heiligen Apollonia gewidmet. „Sie wird bei Zahnleiden angerufen, weil der Märtyrerin die Zähne ausgeschlagen wurden“, erläutert Ursula Schramm, zeigt dabei auf die Abbildung, welche die Heilige mit einer riesigen Zange in der Hand zeigt.

„Die katholische Kirche hat eine ganz andere Liturgie als die evangelische“, findet Ursula Schramm. Ist mehr Bewegung auch mit mehr Show gleichzusetzen? „Und ob da mehr Show drin ist“, betont die Verdenerin lachend, während die schwere Eingangstür hinter ihr langsam ins Schloss fällt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+