Leonid Korzh war einer der Liquidatoren am Tschernobyl-Reaktor / Regisseur aus Ottersberg stellt Film vor Eine Tragödie in kleinen Episoden

Landkreis Verden. Für die kleinen Kinder, die noch nichts von der drohenden Katastrophe ahnen, ist das Ganze ein einziges Abenteuer. Sie haben von einer Explosion im Atomkraftwerk in Tschernobyl gehört und rennen direkt nach der Schule zum Unglücksort, um zu sehen, was passiert ist und warum so viele Hubschrauber und Feuerwehrfahrzeuge unterwegs sind. Von der todbringenden Strahlung wissen sie nichts. Eines dieser Kinder ist der Sohn von Leonid Korzh aus der Ukraine, der als einer der wenigen überlebenden Zeitzeugen jetzt in Ottersberg zu Gast war.
23.04.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Eine Tragödie in kleinen Episoden
Von Uwe Dammann

Landkreis Verden. Für die kleinen Kinder, die noch nichts von der drohenden Katastrophe ahnen, ist das Ganze ein einziges Abenteuer. Sie haben von einer Explosion im Atomkraftwerk in Tschernobyl gehört und rennen direkt nach der Schule zum Unglücksort, um zu sehen, was passiert ist und warum so viele Hubschrauber und Feuerwehrfahrzeuge unterwegs sind. Von der todbringenden Strahlung wissen sie nichts. Eines dieser Kinder ist der Sohn von Leonid Korzh aus der Ukraine, der als einer der wenigen überlebenden Zeitzeugen jetzt in Ottersberg zu Gast war.

Korzh wurde als Polizist direkt am Unglücksreaktor als Liquidator eingesetzt. Er ist in einem Dorf, drei Kilometer vom Tschernobyl-Reaktor aufgewachsen. "Wir hatten in dem Dorf früher 1100 Einwohner, davon sind nur noch 300 am Leben", sagt Leonid Korzh.

Die Orden, die er für seinen Einsatz direkt am Reaktor erhalten hat, trägt er an diesem Abend mit Stolz. "Die gehören zu mir und sind eine Anerkennung", sagt er vor etwa 130 Zuhörern im Saal der Ottersberger Waldorfschule, deren Schülerrat den Zeitzeugen eingeladen hatte. Sein Russisch wird von Tetyana Chernyavska, Dolmetscherin aus der Ukraine und Filmemacherin, übersetzt. Sie begleitet Leonid auf seiner Deutschlandreise.

Dass der Zeitzeuge aus dem Nachbarort Tschernobyls überhaupt in den Landkreis Verden gekommen ist, liegt am Ottersberger Filmemacher Rainer Ludwigs, der anlässlich des 25. Jahrestages des Tschernobyl-Unglücks am 26. April gemeinsam mit Tetyana Chernyavska einen beeindruckenden Kurzfilm über "Leonids Geschichte" gemacht hat. Der etwa 20-minütige Streifen erzählt die Lebensgeschichte Leonids und zeichnet den Ablauf der Katastrophe anhand des Einzelschicksals der Protagonisten nach. "Die Tragödie erschließt sich in kleinen Episoden, die sich während des Unfalls ereigneten", sagt Regisseur Ludwigs. Die Kinder, die zum Reaktor laufen, um sich das spektakuläre Schauspiel anzusehen, die ahnungslosen Dorfbewohner, die bis zur Evakuierung nicht über die Gefahr, der sie ausgesetzt sind, aufgeklärt werden, die Tiere, die herrenlos zurückbleiben, die Menschen, die sich, ihr Leben und ihre Gesundheit opfern - bei den hilflosen Versuchen, die Folgen der Katastrophe zu beseitigen.

Nach den Wirren der Katastrophe gibt es dann doch ein Happy End. Ludmilla, die Frau Leonids, tritt dem Druck des Staatsapparates entgegen, treibt ihr Kind nicht ab, sondern bekommt sieben Monate nach der Katastrophe ihr Baby. Und vorerst ist es gesund. An dieser Stelle wechselt der Film zurück in die Realaufnahme, die Familie sitzt auf dem Sofa und Ludmilla erzählt von Alexejs Geburt. Der Triumph des Lebens über die Katastrophe.

In Sichtweite zum Reaktor

"Radioaktive Strahlung kennt keine Grenzen", sagt Regisseur Rainer Ludwigs und erinnert daran, dass die radioaktive Tschernobyl-Wolke vor 25 Jahren ganz Europa bedrohte. Das Dorf, in dem Leonid fast in Sichtweite zum Reaktor aufwuchs, ist dem Erdboden gleich gemacht. Ludwigs ist für die Dreharbeiten mehrfach in die Region gereist und hat über den Kontakt zu Tetyana Chernyavska die Lebensgeschichte Leonids recherchiert, der, ebenso wie seine Kinder, unter zahlreichen Krankheiten leidet. Auch die übernächste Generation ist betroffen: Ein Enkelkind Leonids wurde blind geboren.

Tetyana Chernyavska und der Ottersberger Filmemacher lernten sich während der Dreharbeiten zum Auftragsfilm "Hoffnung geben" für die Stiftung "Kinder von Tschernobyl" kennen, für die an diesem Abend einige Hundert Euro an Spenden gesammelt werden. Sie führten Interviews mit Leonid und Ljudmilla Korzh, die die inhaltliche und authentische Grundlage für die Nacherzählung der Lebensgeschichte im Schatten der Tschernobyl-Katastrophe bilden. Tetyana Chernyavska "entdeckte" den Protagonisten und setzt mit Rainer Ludwigs (Regie und Zeichnungen) die Geschichte in einer ungewöhnlichen, aber absolut sehenswerten Mischung aus Zeichentrick, Photocollage und realen Dokumentationsszenen um.

Nachdem der Abspann gelaufen war, herrschte in Ottersberg zunächst minutenlang Stille. Zu unfassbar scheint der Ablauf der Katastrophe, die die nichtsahnende Bevölkerung, ähnlich wie derzeit im japanischen Fukushima, völlig unvorbereitet traf. "Bis heute gibt es keine Anti-Atomkraft-Bewegung in Russland", sagt Leonid Korzh auf die Frage eines Zuhörers, die vor allem wissen wollten, wie sich sein weiteres Leben gestaltete. Leonid arbeitete zunächst als Polizist weiter und wurde monatelang zum Unglücksreaktor gefahren, um hier die Einsätze mit zu koordinieren.

Erst als die radioaktive Strahlung ihn immer schwächer werden ließ, wurde er abgezogen. Nach etlichen Operationen und vielen Leidensmonaten in Krankenhäusern geht es Leonid heute wieder besser, seine Kinder, vor allem der Sohn, der damals direkt zum Reaktor gelaufen war, sind schwer krank.

Rainer Ludwigs kann auf 18 Jahre Filmerfahrung zurückgreifen. Nach dem Grafikdesign-Studium an der Bremer Hochschule für Künste drehte er TV-Spots für internationale Kunden. Später gestaltete er freiberuflich 2D- und 3D-Animationen, drehte Fernseh- und Kinospots, Schulungsfilme, Trailer, Special-Effects und Zeichentrickfilme. 2007 wurde er mit dem "Award of Masters" ausgezeichnet, einem europäischen Gütesiegel für Filmemacher.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+