Armut Energiekonzern Eon stellt Hartz-IV-Kundin Strom ab

Verden·Dörverden. Seit dem 23. Februar lebt Tanja Rother wie im Mittelalter. Weil der Energieversorger Eon-Avacon ihr den Strom abgestellt hat, hat die Dörverdenerin kein Licht mehr im Haus und kein Warmwasser, kann weder die Waschmaschine benutzen noch ihren Herd. Nicht mal die Klingel geht noch.
04.03.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Johannes Heeg

Verden·Dörverden. Seit dem 23. Februar lebt Tanja Rother wie im Mittelalter. Weil der Energieversorger Eon-Avacon ihr den Strom abgestellt hat, hat die Dörverdenerin kein Licht mehr im Haus und kein Warmwasser, kann weder die Waschmaschine benutzen noch ihren Herd. Nicht mal die Klingel geht noch.

Wie es dazu kommen konnte? Die verzweifelte und aufgewühlte Hartz-IV-Empfängerin weiß es nicht genau. Im Dezember flattert der 36-Jährigen eine Strom-Rechnung von Eon ins Haus: 'Ich sollte 400 Euro nachzahlen', berichtet die Mutter eines zehnjährigen Jungen, die ihr karges Einkommen mit einem Ein-Euro-Job als Mädchen für alles im Amtshaus Westen aufbessert. Da sie den Betrag nicht habe aufbringen können, habe sie sich ans Sozialamt gewandt. Dort sei ihr aber mitgeteilt worden, dass der Strom durch den Hartz-IV-Regelsatz abgedeckt sei. Von der Sparkasse habe sie erfahren, dass sie ihr Konto höchstens um 240 Euro überziehen dürfe.

Ende Februar schickt Eon eine neue Abrechnung. Diesmal allerdings über 1083 Euro und 16 Cent. Der Betrag setzt sich zusammen aus 794 Euro für Strom, 15 Euro für Mahnkosten, 49 Euro für Sperrkosten, 58 Euro für Entsperrkosten und 166 Euro für die Verbrauchsabrechnung. Zahlbar bis zum 11. März. Als diese Rechnung kommt, war der Strom im Haus Düstre Straße 19 bereits abgestellt.

Elektroheizung eingeschaltet

Auf der Eon-Rechnung steht, dass Tanja Rother vom 7. November 2009 bis 23. Februar 2010 genau 3402 Kilowattstunden Strom verbraucht haben soll. Fürs gesamten Jahr davor ist der Verbrauch mit knapp 4200 Kilowattstunden ausgewiesen. Auf Nachfrage räumt sie ein, dass der Mehrverbrauch wohl an der Elektroheizung liegen könnte, die sie mit Beginn der Kälteperiode zur Unterstützung ihrer Holzöfen angeworfen hat. Nun soll sie auch wesentlich höhere monatliche Abschläge zahlen, statt 40 Euro verlangt Eon jetzt 90 Euro.

'Ich habe bei der Eon angerufen und nach Ratenzahlung gefragt. Aber da war nichts zu machen, die wollten das Geld auf einen Schlag', erzählt Tanja Rother. Das Geld hat sie nicht. Und jetzt hat sie keinen Strom mehr. Kocht seitdem mit einem Campingkocher, wäscht die Klamotten ihres Sohnes, der dreimal die Woche zum Sportverein geht, mit kaltem Wasser in der Wanne. Zündet abends Kerzen an. Duschen und Baden fällt flach. Ebenso ergehe er ihrer Mutter und ihrem Bruder. Beide wohnen im Haus, beiden habe die Eon ebenfalls den Strom wegen nicht bezahlter Rechnungen abgestellt.

Sie weiß nicht mehr weiter, vertraut sich ihrer Lehrerin an. Bei der büffelt sie abends Deutsch an der Kreisvolkshochschule, wo sie den Hauptschulabschluss nachholen will. 'Wer hat es verdient, so zu leben?', echauffiert sich Susanne Ehrlich, die Lehrerin. Tanja Rother jedenfalls nicht. Sie habe es als jüngstes von zehn Kindern nie gelernt, mit Behörden umzugehen. 'Ihr Leben passiert ihr wie ein Hagelsturm', meint Susanne Ehrlich.

Sie sorge für ihr Kind, gehe für 1,40 Euro die Stunde arbeiten und besuche noch die Abendschule, um aus ihrem Schlamassel herauszukommen und etwas aus ihrem Leben zu machen. 'Tanja war Tagesmütter, musste das aber aufgeben, weil das Amt einen Hauptschulabschluss fordert', so Ehrlich. Sie sei einfach nicht ausgefuchst genug, um für ihre Rechte einzutreten. 'Sie steckt mittendrin im Teufelskreis der Armut, und wenn wir nicht aufpassen, wird es ihrem Kind ebenso gehen.' Ehrlich weiß, dass Tanja Rothers Sohn am Sonnabend Geburtstag hat. Wie schon zu Weihnachten wünsche sich das Kind nichts so sehnlich wie ein Dinocar, ein stabiles Tretauto. Daraus werde wohl wieder nichts werden: 'Seine Mutter hat ja nicht mal Strom, um ihm einen Kuchen zu backen.'

Sie habe Tanja Rother schon öfter Lebensmittel und auch Geld zugesteckt, erklärt Susanne Ehrlich, und sie wünschte, auch andere würden sich mehr um sie kümmern. Doch als Ursache des Dilemmas macht sie die 'Verwerfungen im sozialen Gefüge' aus. 'Wir brauchen Mindestlöhne und ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle', so Ehrlich, dann könnten Menschen wie Tanja Rother in Würde leben.' Die Arbeitsagenturen und alle Hartz-IV-Behörden würde sie am liebsten 'einstampfen'.

Und was sagt Eon zum düsteren Leben an der Düstren Straße? 'Wir mussten den Strom sperren, weil Frau Rother sich erst bei uns gemeldet hat, als das Verfahren zu weit fortgeschritten war. Als sie uns um Ratenzahlung gebeten hat, war es schon zu spät', so Pressesprecherin Carolin Westermann auf Anfrage. Dass das Unternehmen vorsorglich gleich die Entsperrkosten mitberechnet hat, erklärt sie damit, dass Eon dann später dem Geld nicht hinterherlaufen müsse.

Auf die Frage, wie lange die mittellose Sozialhilfeempfängerin denn nun ohne Strom auskommen soll, antwortet Westermann: 'Ich werde mich mal erkundigen, welche Möglichkeiten es bei uns für Kunden gibt, die Unterstützung bekommen.' Nach einer halben Stunde ruft sie zurück und verkündet eine 'gute Nachricht', wie sie sagt: 'Wir wollen der Kundin aus Kulanz entgegenkommen. Wenn sie die 166 Euro aus der Verbrauchsabrechnung 2009, die Mahnkosten sowie die Sperr- und Entsperrkosten sofort überweist, können wir ihren Stromanschluss wieder freigeben. Außerdem bieten wir Ratenzahlung für die restlichen 800 Euro an.' Westermann verweist auch auf den Sozialrabatt, den es bei Eon gebe. Wer von den Rundfunkgebühren befreit sei, könne bei Eon auf Antrag auch von der Grundgebühr befreit werden. Dies mache etwa 70 Euro im Jahr aus.

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