Geschädigte treffen sich in Langwedel Erdgas fließt - Dea schweigt

Ist die Deutsche Erdöl AG (Dea) für das jüngste leichte Erdbeben im Bereich des Erdgasfeldes Völkersen verantwortlich? Das Unternehmen schweigt dazu. Geschädigte Gebäudeeigentümer treffen sich am 9. Mai.
26.04.2016, 00:00
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Ist die Deutsche Erdöl AG (Dea) für das jüngste leichte Erdbeben im Bereich des Erdgasfeldes Völkersen verantwortlich? Das Unternehmen schweigt dazu. Geschädigte Gebäudeeigentümer treffen sich am 9. Mai.

Nach Wahlen geben die Wahlleiter das amtliche Endergebnis bekannt, und nach Erdstößen registriert der Niedersächsische Erdbebendienst (NED) im Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) die Stärke. Als „leichtes Erdbeben mit der Lokalmagnitude 3,2“, bewertet Joachim Fritz, Geologe im LBEG, die Erschütterungen im Bereich des Erdgasfeldes Völkersen.

Der Wert setze sich aus den Messdaten verschiedener Stationen im Umkreis von bis zu 200 Kilometern zusammen. Dem seismischen Mess-System des Wirtschaftsverbandes Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG) zufolge lag die maximal gemessene oberirdische Schwingungsgeschwindigkeit am Freitagabend bei 4,9 Millimeter pro Sekunde.

Kein Schuldeingeständnis

Ist jetzt also die Deutsche Erdöl AG, kurz Dea, der Sündenbock? Ist das Unternehmen für die Erschütterungen verantwortlich? Ein Schuldeingeständnis ist aus dem Konzern jedenfalls nicht zu hören. Die Hamburger Unternehmenskommunikation hüllt sich in Schweigen. In einer Pressemitteilung hebt die Deutsche Erdöl AG lediglich hervor, dass bei dem Erdstoß „niemand verletzt“ wurde, „vereinzelt“ jedoch Schäden an Gebäuden gemeldet wurden. „Die Sicherheit der Bevölkerung und der sichere Betrieb sämtlicher Anlagen der Dea waren durchgängig gewährleistet.“

Dea gehe davon aus, dass das heimische Erdgas auch weiterhin sicher gefördert werden könne. Das Unternehmen nehme die Fragestellungen und Sorgen der Bevölkerung ernst. Anwohner könnten sich unter der Telefonnummer 0 42 32 / 93 32 16 mit dem Förderbetrieb Niedersachsen am Standort Holtebüttel in Verbindung setzen.

„Ich bin gespannt, was der Verursacher zu den Geschehnissen sagt. Wir haben da überhaupt keine Berührungsängste“, schiebt Völkersens Ortsbürgermeister Andreas Noltemeyer dem Energieriesen eindeutig den schwarzen Peter zu. In Personalunion ist er auch Sprecher der Bürgerinitiative (BI) No Fracking Völkersen.

Treffen im Gasthaus Klenke

Im Namen der Bürgerinitiativen aus dem Kreis Verden lädt Noltemeyer nun alle geschädigten Gebäudeeigentümer für Montag, 9. Mai, um 19.30 Uhr ins Gasthaus Klenke nach Langwedel (Herrenkamp 2) ein. Noltemeyer erwartet, dass auch die Dea einen Vertreter schickt. Rückendeckung erhält er vom stellvertretenden Waller Ortsbürgermeister Clemens Jacobs.

Bei der Zusammenkunft in Langwedel geben Rechtsanwalt Gero Landzettel und der ehemalige Zivilrichter Gerd Landzettel einen Überblick über die geltende Rechtslage bei Erdbebenschäden aus der Erdgasförderung. Außerdem werden mögliche Verfahrensabläufe für die Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen erläutert und Hilfestellungen für die Formulierung eines entsprechenden Anspruchschreibens an die Dea gegeben.

Bauschäden versus Bergschäden – das abzugrenzen ist genauso diffus wie die Gesteinsschichten unter Tage. „Betroffene Gebäudeeigentümer sollten ihre Schäden möglichst schnell an den mutmaßlichen Verursacher melden“, warnt Peter Immekus vom gleichnamigen Bergschaden-Büro in Bergheim vor der „Verjährungsfalle“. Gemäß Bundesberggesetz seien Erdbeben-Schäden nämlich bereits nach drei Jahren verjährt.

Markscheider Immekus (im Bergbau tätiger Vermessungsingenieur) pflegt enge Kontakte zu den Bürgerinitiativen aus dem Flecken Langwedel. Aus Erfahrung weiß er, dass die Verursacher entstandene Bergschäden gern als bauliche Mängel abtun, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. „Erdstöße kann man mit einem Schlag von der Seite gegen eine Wand vergleichen“, erläutert der Experte für Bergschäden. Schäden in der Mitte einer langen Wand seien typisch für Erdstöße.

Andreas Mollinga, der schon mindestens ein halbes Dutzend Erdbeben-Schäden in der Region Verden bearbeitet hat, rät allen Anrainern von Erdgasfeldern dazu, rechtzeitig eine Bestandaufnahme ihrer Häuser zu machen. Sprich: Zu dokumentieren, wo noch keine Mängel sind, um im Falle eines Bebens die Schäden leichter geltend machen zu können. Mollinga besitzt in Marl ein Ingenieurbüro, das sich auf Bergschäden spezialisiert hat.

"Neue Dimension"

Er hat bereits viele Objekte im Raum Langwedel von den Kellerräumen bis zum Dachgeschoss inspiziert, die Zustände von Wandecken, Fenster- und Türstürzen oder Brüstungen festgehalten. Außerdem empfiehlt der Ingenieur, Messbolzen – kleine Metallstifte – an den Ecken des Objektes zu montieren, um so mögliche Senkungen zu erkennen.

„Es hat auch schon in der Vergangenheit kleinere Erdbeben gegeben, aber das vom vergangenen Freitagabend hat mit einer Stärke von 3,2 eine neue Dimension erreicht“, erklärt Silke Thomas, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Achimer Stadtrat. Sie warnt vor den Begleiterscheinungen der Gasbohrungen, „denn mit der Aufsuchungserlaubnis Werder ist schließlich auch Achim betroffen“.

Ein Beben der Stärke 3,2 sei zwar auf den ersten Blick nicht sonderlich stark, könne jedoch in geringer Tiefe mehr Schäden verursachen, als beispielsweise eines der Stärke 5,8 in 15 000 Metern Tiefe, fordert der hiesige Bundestagsabgeordnete Andreas Mattfeld (CDU) die Dea auf, die Schäden an den zahlreichen Häusern „unbürokratisch zu regulieren“.

Darüber hinaus plädiert der Christdemokrat dafür, den Gesetzentwurf zur Regulierung der Erdgasförderung nachzubessern. Bislang sei dieser nämlich noch „unzureichend“. „Wir müssen uns fragen, ob es richtig ist, in dicht besiedelten Gegenden nach Gas zu bohren. Die betroffenen Bewohner erleiden teils massive Schäden und Wertverluste“, moniert der Volksvertreter.

Noch einen Schritt weiter geht die grüne Landtagsabgeordnete (MdL) Elke Twesten aus Scheeßel. Sie ruft das LBEG dazu auf, die laufende Erdgasförderung in Völkersen einzustellen.

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