Werkschau Erfahrung mit der Begegnung

Wie sich Kaffeepulver auf abstrakten Gemälden macht, erfahren die Besucher in der neuen Ausstellung im Domherrenhaus. Künstlerin Renate Hesse aus Kirchlinteln stellt dort rund 40 Exponate aus.
13.02.2018, 11:20
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Verden/Kirchlinteln. Sie arbeitet informell, also ohne eine bestimmte Form einzuhalten. „Ich mache keine Vorzeichnungen. Schießt mir eine Idee in den Kopf, beginne ich einfach damit, sie umzusetzen. Ich weiß vorher nicht, was hinterher dabei herauskommt und bin dann immer selbst ganz überrascht“, verrät die Kirchlintler Künstlerin Renate Hesse. Zeichnungen, Malerei, Fotografie und Ton-Objekte – wie vielfältig ihr kreatives Schaffen ist, beweist ihre Werkschau „Scheinbar“, die am Sonnabend, 17. Februar, im Verdener Domherrenhaus eröffnet wird. Die Vernissage beginnt um 11 Uhr im Historischen Museum an der Unteren Straße 13. In das Werk der 69-Jährigen führt dann Kunsthistorikerin Petra Dzudzek-Edler ein. Organisiert und aufgebaut wurde die Sonderausstellung wie immer von den beiden Museums-Assistenten Gabriele Müller und Stefan Berends.

Nicht nur im Domherrenhaus, sondern allgemein Premiere feiern die in einer Glasvitrine ausgestellten Kopfsteine von Renate Hesse. „Kunst bedeutet auch gleichzeitig immer Begegnung“, erläutert die Kreative und dreht dabei das steinartige Gebilde auf die andere Seite. Was von links aus betrachtet noch wie ein Männerkopf anmutet, erscheint aus der anderen Perspektive gesehen plötzlich wie ein Damenkopf. Aus weichem Ton hat die Absolventin der Kunsthochschule Ottersberg ihre Arbeiten erst geformt, anschließend im Ofen gebrannt. Biomorphe, also lebende an die Natur angelehnte Wesen, hat sie ebenfalls aus dem weichen Naturmaterial geschaffen. Eines dieser biomorphen Objekte hat sie sogar mit einem feinen Bronzeguss überzogen. „Ich wollte es einfach mal ausprobieren, Bronze zu gießen“, erläutert sie, dass Kunst auch gleichzeitig immer Erfahrung bedeute. „Es ist etwas völlig anderes, mit Ton als mit Pinsel oder Stift zu arbeiten“, erzählt die freischaffende Künstlerin.

Renate Hesse ist der beste Beweis dafür, dass man auch im Spätsommer des Lebens ruhig noch einmal einen Neuanfang wagen kann. 2015 hat sie ihr vierjähriges Studium der Freien Bildenden Kunst an der Hochschule für Künste im Sozialen (HKS) in Ottersberg abgeschlossen. Seitdem probiert sie sich fleißig aus, malt, zeichnet, fotografiert und modelliert. Ihre Zeichnungen aus der Reihe „Dialog“ hat sie in den vergangenen Wochen ständig erweitert, wobei gänzlich andere Arbeiten mit Acrylstiften entstanden sind. Insgesamt hat Renate Hesse etwas mehr Farbe in ihre Werke einfließen lassen, ihre Kompositionen sind dichter und manchmal auch figürlicher geworden. Die neuen Zeichnungen der Künstlerin scheinen auch nicht mehr im Bildraum zu schweben – der Dialog von geometrischen und organischen Formen geschieht vielmehr auf andere Weise. Ein weiteres Arbeitsfeld der Frau aus Kirchlinteln ist die Fotografie. In einer gerahmten Fotoreihe wird der Besucher im Verdener Domherrenhaus ab dem 17. Februar zum Rätseln angeregt. Naturmaterialien wie Sand verwandeln sich auf ihren Bildern nämlich auf einmal in bizarre Skulpturen.

Wirklich wahr, für ihre an Erdoberflächen oder Naturereignisse erinnernden abstrakten Acrylbilder verwendet die Kirchlintler Künstlerin tatsächlich Materialien wie Marmormehl, Kaffeepulver oder Sand. Nach dem Trocknen passiert dann etwas sehr Ungewöhnliches mit diesen selbst angerührten Pasten – auf der Leinwand brechen die Bindemittel auf, die Mischtechnik bekommt kleine Risse. In der Kunstszene wird dieses Phänomen auch Krakelee genannt. Zum anderen experimentierte die Absolventin der HKS für ihre Ausstellung auch mit einer Lasur-Technik. Die Werke bestechen durch ihre stufenlosen Farbverläufe.

Dass sie mit über 60 Jahren noch einmal studiert hat, empfindet die Künstlerin als große Bereicherung. Das Studium, der Austausch mit jungen Menschen, habe ihr Welten erschlossen, die ihr sonst einfach verborgen geblieben wären.

Renate Hesses Werkschau „Scheinbar“ mit rund 40 Exponaten ist ab Sonnabend bis zum 2. April zu den Öffnungszeiten des Domherrenhauses zu sehen.

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