Leben mit dem Tod: Ulrich Wilke und Dietrich Hoffmann begleiten Einsätze von Feuerwehr und Polizei Erste Hilfe für die Seele

Trauerarbeit, dafür haben Feuerwehr, Polizei und Notärzte bei einem Einsatz so gut wie keine Zeit. Deswegen rufen sie Notfallseelsorger wie Ulrich Wilke und Dietrich Hoffmann, wenn es einen Todesfall gibt und Angehörige dringend Unterstützung brauchen. Das ist ein wenig wie erste Hilfe für die Seele – ein schwerer Job, denn aktiv zu erledigen gibt es nur wenig. Und gerade das Schweigen muss man erst einmal aushalten lernen.
21.06.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Tina Hayessen

Trauerarbeit, dafür haben Feuerwehr, Polizei und Notärzte bei einem Einsatz so gut wie keine Zeit. Deswegen rufen sie Notfallseelsorger wie Ulrich Wilke und Dietrich Hoffmann, wenn es einen Todesfall gibt und Angehörige dringend Unterstützung brauchen. Das ist ein wenig wie erste Hilfe für die Seele – ein schwerer Job, denn aktiv zu erledigen gibt es nur wenig. Und gerade das Schweigen muss man erst einmal aushalten lernen.

Achim. Es gibt keine gute, keine sanfte Art sie zu übermitteln, die Nachricht vom Tod eines nahen Angehörigen. "Ihr Mann ist gestorben" – das steht dann einfach da. Ein Satz, der alles verändert. In den nächsten Wochen, Monaten, Jahren wird dieser Satz nachhallen. Die Notfallseelsorger Ulrich Wilke und Dietrich Hoffmann sagen diesen Satz nicht selbst. Dazu haben sie gar keine Berechtigung, wie sie betonen. "Die Nachricht überbringt die Polizei", stellt Wilke klar.

Die Beamten haben die Nachricht, die Notfallseelsorger haben etwas anderes: Zeit. "Ein Polizist muss relativ schnell wieder weg, wir können länger bleiben", sagt Wilke. So sind die Angehörigen nicht alleine, wenn die Botschaft nach und nach ins Bewusstsein dringt. Tot, wirklich weg, kein Wiedersehen. Und nicht nur Zeit haben sie, sie sind auch vorbereitet, Wilke und Hoffmann. Als Pastoren kennen sie sich ohnehin mit Menschen und auch mit Trauer aus, hinzu kommt eine Weiterbildung zum Notfallseelsorger, die beide Männer absolviert haben. Aber die Situation auf wundersame Weise erleichtern können auch sie nicht. Deswegen ist die Antwort auf die Frage, was man denn sagt, wenn jemand einen geliebten Menschen verloren hat, verblüffend simpel. "Oft erstmal gar nichts", sagt Wilke. "Aber wir können zuhören. Wir können mit ihnen zusammen die Situation aushalten." Große Ansprachen darüber, wie toll das Leben dennoch ist, Ratschläge, den Kopf hochzunehmen, das werde schon wieder und ähnliches aus dem Standardrepertoire von Hobby-Tröstern helfe dagegen nicht oder kaum, befindet Wilke. "Das wird ja nicht wieder. Da hat vielleicht jemand gerade geheiratet, und dann geht plötzlich das ganze Lebenskonzept kaputt." Das gelte bei einer Todesnachricht durch die Polizei selbstverständlich ebenso wie bei dem, was in Beamtendeutsch zur Rubrik "häuslicher Todesfall" zählt. Wenn jemand also einen Herzinfarkt hat, der Notarzt rauskommt, aber die Reanimation letztlich scheitert. Auch dann machen sich die Notfallseelsorger auf den Weg.

Geschickt werden sie von den christlichen Kirchen, im Landkreis Verden sind es inzwischen ausschließlich evangelische Pastoren und Diakone, die diese ehrenamtliche Arbeit tun. Wenn sie Bereitschaft haben, kann jederzeit das Handy klingeln und Feuerwehr, Polizei oder Rettungsdienst ist dran, um sie zum Einsatz zu rufen. Wen und was sie genau erwartet, erfahren die Seelsorger nebenbei oder erst vor Ort. "Ein Muster gibt es ohnehin nicht", sagt Hoffmann und meint die Trauernden. "Schreien und ausrasten oder bitterlich weinen, jeder reagiert anders." Am Schwierigsten auszuhalten sei allerdings die Stille, weiß Hoffmann. "Es ist anstrengend, da zu sitzen und gemeinsam zu schweigen, das musste ich auch erst lernen. Früher habe ich versucht, ins Gespräch zu kommen. Aber aktives Schweigen ist sehr, sehr sinnvoll." Natürlich: Der Schmerz bleibt. Aber immerhin ist da jemand, der dabei ist, einem die Hand halten kann – im übertragenen Sinn oder auch ganz real.

Dabei kommen die Notfallseelsorger auch immer wieder in die merkwürdige Situation, sich als Fremder in einer Wohnung ein wenig wie der Gastgeber zu verhalten – wenn sie Kaffee oder Tee kochen für den Angehörigen oder die ganze Familie. Je mehr trauernde Menschen gleichzeitig mit der neuen Situation umgehen müssen, desto schwieriger könne es werden, meint Hoffmann. Auch Kinder müssten die Chance bekommen, ihre Gefühle loszuwerden – selbst wenn sie sie nicht in Worte fassen können. "Man kann sie fragen, ob sie nicht gerne ein Bild für ihre Oma malen möchten, und dieses Bild wird dann mit in den Sarg gelegt", gibt Hoffmann ein Beispiel für nonverbale Trauerbewältigung. Mit Kindern sei es ohnehin nicht ganz leicht. Einerseits, hält Wilke fest, sei es primär die Aufgabe der Eltern, ihnen zu sagen, dass jemand gestorben ist. Andererseits unterstützen die beiden Pastoren Mutter oder Vater auch in dieser schwierigen Situation. Dass sie Männer der Kirche sind, kehren Wilke und Hoffmann in ihrer Funktion als Notfallseelsorger übrigens ungern heraus. "Wir sind für alle da!", betont Hoffmann. Klar, gerne spreche er ein Gebet – aber eben nur, wenn ein Angehöriger von sich aus darum bitte. "Das würde ich aber nie automatisch tun. Und wenn jemand sagt, er will überhaupt keinen Pastor da haben, dann bin ich sofort wieder weg." Auch Kosten sind kein Thema in dieser heiklen Situation – das Angebot ist kostenlos.

Was den Notfallseelsorgern bleibt, wenn sie ein Haus verlassen, ist ein gutes und gleichzeitig bedrückendes Gefühl. Einerseits haben sie vielleicht geholfen, der schwersten Stunde eines Menschen ein wenig die Wucht zu nehmen, andererseits waren sie mal wieder Zeuge einer tieftraurigen Situation. Oft versuche er, einen neuen Ansprechpartner für die Trauernden zu finden, sagt Hoffmann. Fragt den Angehörigen, ob er vielleicht einen Freund anrufen soll oder die Geschwister. Aber es gäbe auch Leute, die in diesem Moment am liebsten alleine seien. "Das kann ich auch sehr gut verstehen", sagt Hoffmann. Ohnehin, ergänzt Wilke, könne man von außen nur sehr wenig tun für einen trauernden Menschen. Das gelte sowohl für Freunde als auch für ihn selbst. "Mein Grundsatz ist: Jeder hat die Kräfte, das durchzustehen. Wir können nur die ersten Schritte mit ihm gehen."

Es ist ein Thema, das wenig Platz findet, es wird von vielen verschwiegen, ignoriert oder man macht sich – um es besser zu ertragen – darüber lustig. Der Tod und die damit verbundene Trauer. Und doch muss sich jeder Mensch früher oder später auch ernsthaft damit auseinandersetzen. In der Reihe "Leben mit dem Tod" stellen wir Männer und Frauen vor, die beruflich oder ehrenamtlich mit Tod und Trauer umgehen.

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