Schriftsteller Artur Becker hat Polen vor 30 Jahren verlassen "Es ist eine Besessenheit, die mich antreibt"

Bücher. Viele Bücher sieht man, wenn man das Arbeitszimmer von Artur Becker betritt. 30 Jahre ist es nun her, dass der Schrifsteller seine Heimat Polen verlassen hat. Seitdem lebt und schreibt er in Verden.
16.05.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Onno Kutscher

Bücher. Viele Bücher sieht man, wenn man das Arbeitszimmer von Artur Becker betritt. Das ist kein Zufall. Der Mann liest viel. Der Mann schreibt aber auch viel, sehr viel sogar. Er ist Schriftsteller.

„Ich muss dringend aufräumen, so sieht es hier nicht immer aus“, sagt der 47-Jährige und setzt sich auf einen kleinen Stuhl. Auf dem Sofa ist kaum Platz. Werke von Günther Grass, Thomas Mann und anderen bekannten oder weniger bekannten Autoren sind dort gestapelt. Artur Becker nimmt einen großen Schluck aus seiner Kaffee-Tasse. „Ich habe mich heute nicht extra schick gemacht“, sagt er und deutet auf seinen Schlips. „Falls die Welt untergeht, will ich gut aussehen. Deswegen sehe ich jeden Tag so aus“, verrät er und kann sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Artur Becker schreibt Romane, Erzählungen, Essays und Gedichte. Er hält deutschlandweit Lesungen, über 600 sind es nach eigenen Aussagen mittlerweile gewesen. Und er ist Preisträger. Unter anderem ist er 2009 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung ausgezeichnet worden. Die Jury würdigt insbesondere Beckers Romane „Kino Muza“, „Das Herz von Chopin“ und „Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken“. 2012 wurde ihm der Dialog-Preis der Deutsch-Polnischen Gesellschaft/Bundesverband zuteil.

Geboren in Polen, Abitur in Verden

Nun könnte man meinen, dass ein solch bekannter und etablierter Autor eher in einer Großstadt wie Berlin, Hamburg oder Frankfurt zu finden wäre. Artur Becker aber wohnt nicht in einer dieser Metropolen. Er wohnt in Verden. Hier schreibt er, hier lebt er zusammen mit seiner Frau. Und auch seine Eltern hat er in seiner Nähe. Geboren aber ist er in Polen, 1968 war das, als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce (Masuren). 1985 dann ging es nach Deutschland. In Verden machte er sein Abitur, in Bremen studierte er – und blieb danach der Allerstadt als Bürger erhalten.

Nur als Bürger, muss man fast sagen. Denn als Schriftsteller und Autor tritt er in seinem Wohnort kaum in Erscheinung. Zwar hat er vor Kurzem, nach langer Zeit, an der Kreisvolkshochschule eine Lesung gehalten. Ansonsten bekommen ihn die Menschen, zumindest auf den Bühnen der Region, eher selten zu sehen. „Das ist schon irgendwie absurd“, sagt er selbst über diesen Zustand. „Ich bin in ganz Deutschland und Europa unterwegs. Halte viele Lesungen, werde von der Bundesregierung eingeladen, aber in der Stadt Verden ergibt sich nichts“, erzählt der Schriftsteller. Das habe gar keinen bestimmten Grund, glaubt er. „Ich würde gerne mehr machen. Die Stadt und ich könnten voneinander profitieren, aber irgendwie kommt keine Zusammenarbeit zustande. Ich finde das schade.“

Genug zu tun hat Artur Becker aber dennoch. Wohl deswegen wohnt er so nahe am Bahnhof, denn der 47-Jährige ist viel unterwegs. Erst gerade ist er aus Frankfurt wiedergekommen. Auch dort war er aus beruflichen Gründen, hat einen Essay über das Kriegsende in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht, für die er regelmäßig schreibt. Aber auch was die größeren Werke angeht, ist er fleißig. Zuletzt veröffentlichte er 2014 die Novelle „Sieben Tage mit Lidia“, von Literaturkritikern sehr gelobt. Die Geschichte spielt im Jahr 1981. Der Protagonist, Andrzej aus Polen, besucht mit einem Visum, das auf zwei Wochen befristet ist, Venedig. Am Ende der ersten Woche verguckt er sich in Lidia. Jeden Tag verbringt er nur noch mit ihr. Doch die Uhr tickt: Andrzejs Visum läuft ab. Er muss sich entscheiden. Soll er zurück nach Polen reisen, zu Frau und Kind. Oder in Venedig bleiben.

Europa, Polen und Verden

Polen, das Land in dem er geboren wurde, spielt in seinen Erzählungen immer wieder eine Rolle. „Sie handeln von der Heimat. Aber das ist ein altbackener Begriff“, gibt Artur Becker zu. Dennoch denkt er oft an die Masuren und verarbeitet das in seinen Romanen, die oft auch biografisch sind. In seinen publizistischen Beiträgen widmet er sich meist der europäischen Identität.

„Wer ist der heutige Europäer? Was verbindet uns? Was macht die Identität des modernen Europäers aus“, fragt er. Seit gut zehn Jahren schreibt er Essays, die sich mit dieser Thematik beschäftigen. Grund genug, diese gesammelt zu veröffentlichen. Im kommenden Jahr soll es soweit sein. Dann erscheint sein Essay-Band mit dem Namen „Kosmopolen“.

Aber auch Verden findet in seinen Erzählungen immer wieder Platz. „Ich bin hier verwurzelt“, sagt er. Es sei auch möglich, dass er irgendwann mal einen Roman schreiben würde, der überwiegend in Verden spielt. „Ich schließe das nicht aus“, deutet der 47-Jährige an. „Der Roman könnte zu meiner Studienzeit spielen. Daran erinnere ich mich gerne zurück“, erzählt er. Bis es soweit ist, wird aber sicherlich noch einige Zeit vergehen. Es gebe momentan andere Projekte, denen er sich widme. „Drang nach Osten“ heißt sein aktuelles, an dem er gerade arbeitet.

Artur Becker schreibt viel. „Es ist eine Besessenheit, die mich antreibt. Aber diese Besessenheit muss man mitbringen für diesen Beruf“, sagt er und nimmt noch mal einen tiefen Schluck aus seiner Kaffee-Tasse.

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