Mentoring-Programm

Frauen an die Macht

Wer in die Kommunalparlamente im Landkreis Verden blickt, erlebt einen deutlichen Überschuss an Testosteron. Ein Mentoring-Programm soll die Politik weiblicher machen.
21.11.2019, 11:25
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Frauen an die Macht
Von Björn Struß
Frauen an die Macht

Dorothee Danél (Achim), Petra Begemann (Oyten) und Gabriele Stenz (Verden) bereiten sich in den kommenden zwei Jahren auf eine mögliche Zukunft in der Kommunalpolitik vor (von links).

FOCKE STRANGMANN

Auch 100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts ist die Politik immer noch eine Domäne der Männer. Die Gruppenbilder der Achimer Stadträte aus den vergangenen Jahrzehnten zeigen dies ziemlich deutlich: Die Krawatten sind in der Überzahl, auch heute noch. Im Konferenzraum blickt Gleichstellungsbeauftragte Angelika Saupe oft auf diese Testosteron-Galerie. Doch sie versteht die Bilder auch als Ansporn: „Es wird Zeit, dass sich daran etwas ändert.“

Um Frauen den Weg in die Politik zu erleichtern, begleitet sie seit Kurzem ein Mentoring-Programm. Dabei nehmen erfahrene Kommunalpolitikerinnen Frauen „an die Hand“, die mit dem Gedanken spielen, in die Politik zu gehen. Im Landkreis Verden sind 14 solcher Tandems zustande gekommen. „Das ist eine gute Zahl, aber leider sind es in Achim nur zwei“, sagt Angelika Saupe. Ziel des Programms ist es, die Frauen für eine Kandidatur bei der Kommunalwahl 2021 zu motivieren.

Ernüchternde Bilanz

Das Mentoring-Programm für Frauen ist in Niedersachsen keine neue Erfindung. Ein Blick in die aktuelle Besetzung der Stadt- und Gemeinderäte im Landkreis Verden fällt trotzdem ernüchternd aus. In Oyten sind nur fünf der 33 Gemeinderatsmitglieder weiblich, was einem Anteil von rund 15 Prozent entspricht. Vergleichsweise gut ist die Situation in Verden. Dort liegt der Anteil bei 32 Prozent. Im Flecken Langwedel sind es immerhin 26 Prozent, in der Samtgemeinde Thedinghausen 25. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind diese Werte trotzdem niedrig, denn mit 50,6 Prozent sind die Frauen in Deutschland sogar knapp in der Überzahl. In den niedersächsischen Kommunalparlamenten liegt der Frauenanteil im Durchschnitt bei 24 Prozent.

Dorothee Danèl ist schon jetzt ganz nah an der Politik. Sie arbeitet in der Bremischen Bürgerschaft im juristischen Beratungsdienst. Fachlich ist die Achimerin damit für die Kommunalpolitik bestens vorbereitet. „Ich hatte schon immer den Wunsch, mich politisch zu engagieren“, sagt sie. Als alleinerziehende Mutter fehlte ihr bisher schlicht die Zeit. „Inzwischen haben meine beiden Töchter aber ein Alter erreicht, in dem ich sie auch alleine lassen kann“, erklärt Danél. Als Elternvertreterin hat sie in Kita, Schule oder Sportverein schon viele Erfahrungen gesammelt.

Entscheidung für Partei offen

Mit dem Mentoring-Programm möchte sie herausfinden, wie viel Zeit sie für ein Mandat im Achimer Stadtrat investieren müsste. „Wenn ich das anstrebe, will ich es auch vernünftig machen“, betont sie. Bei ihrer Mentorin Silke Thomas sind es nach eigenen Angaben zehn bis 15 Stunden pro Woche. Sie ist aber auch Fraktionsvorsitzende der Grünen und hat mit ihrer Kandidatur für das Amt der Bürgermeisterin bereits gezeigt, dass sie die Kommunalpolitik nicht nur als Hobby versteht. Neben der grundsätzlichen Entscheidung ist es bei Danél auch offen, für welche Partei sie sich entscheidet. Denn das Mentorenprogramm ist ausdrücklich nicht an eine Partei gebunden. Auch die Kandidatur abseits einer Parteiliste wäre möglich, macht den Wahlerfolg aber unwahrscheinlicher.

Mit ihrer Motivation hat Danél schon die erste Hürde genommen. Vor der nächsten Kommunalwahl im Herbst 2021 muss sie es bei einer der Parteien auf einen guten Listenplatz schaffen, um ihre Chancen bei der Wahl zu steigern. „Unsere Liste soll für die kommende Wahl jünger und weiblicher werden“, sagt Cornelia Thölken (SPD). Sie hat einen Sitz im Gemeinderat Oyten und ist selbst noch recht neu in der Kommunalpolitik. 2018 rückte sie für eine Genossin nach, nun ist sie auch Mentorin. Thölken ist aber noch skeptisch, ob ihre männlichen Genossen Wort halten. „Ich weiß selber nicht, wie ich mich verhalten würde, wenn ich mich über Jahrzehnte in der Kommunalpolitik engagiert habe und dann meinen Platz räumen soll“, sagt sie.

Schützenfeste sind wichtig

Aber auch ein guter Listenplatz ist noch keine Garantie für den Einzug in das Parlament. Schließlich zählt unterm Strich der Wählerwille. Bei der Kommunalwahl können die Bürger auch all ihre Stimmen einer Person geben. Mit einem bekannten Familiennamen und einer Schar an Freundesfreunden könne ein Mann schnell eine weibliche Konkurrentin ausstechen. „Wir Frauen müssen viel aktiver Netzwerke aufbauen“, meint Mentorin Silke Thomas (Grüne). Auch Schützenfeste seien ein wichtiger Teil der Kommunalpolitik, hier müssten Berührungsängste abgebaut werden.

Wie bei der Achimerin Danél spielt auch bei Gabriele Stenz aus Verden der Faktor Zeit eine wichtige Rolle. Der nahende Ruhestand gibt ihr die Möglichkeit, sich bald der Politik zu widmen. Das Thema, für das sie brennt, ist die Gesundheitspolitik. „Wir müssen dieses System erneuern, es sind neue Versorgungsformen und neue Ideen gefragt. Unsere Heime sind zum Beispiel überhaupt nicht gut aufgestellt“, sagt sie. Eine große Zeit ihres Berufslebens hat sie als Hebamme gearbeitet, aktuell ist sie als Auditorin für Qualitätssicherung tätig. Sie will sich in der FDP engagieren. Weil die Freidemokraten eine kleine Partei sind, hofft sie, sich dort schnell einbringen zu können.

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