Erdgasförderung

Bürgerinitiativen vermissen Ausstiegsszenario

Die Bürgerinitiativen aus dem Kreis Verden kritisieren die von der Erdgasbranche ausgehandelten Vereinbarungen für mehr Trinkwasserschutz in Wasserschutzgebieten. Sie fordern ein kurzfristiges Austiegsszenario.
08.04.2021, 09:45
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Zweibrock

Landkreis Verden. Die Bürgerinitiativen (BI) gegen Gasbohren im Landkreis Verden beurteilen die zwischen der niedersächsischen Landesregierung und der gasfördernden Industrie erzielte Vereinbarung für mehr Trinkwasserschutz in Wasserschutzgebieten als unzureichend.

„Das einzig wirklich Positive an dieser Vereinbarung ist die Tatsache, dass sich diese Gesprächsrunde darauf verständigt hat, künftig auf neue Bohrungen in Wasserschutzgebieten zu verzichten“, erklärt Wolfgang Marschhausen (Langwedel) stellvertretend für alle sechs Bürgerinitiativen aus dem Verdener Kreisgebiet. Er moniert, dass sich schwerpunktmäßig lediglich Teilnehmer ausgetauscht hätten, die ohnehin ein „hohes Eigeninteresse“ an der Förderung von Erdgas und Erdöl in Deutschland hätten. Nach Aussage der Bürgerinitiativen waren daran neben Vertretern des niedersächsischen Ministeriums für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, der Wasserverbandstag, der Verband kommunaler Unternehmen sowie als Sozialpartner die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) beteiligt. Für das im Kreisgebiet tätige erdgasfördernde Unternehmen, die Wintershall Dea, hat der Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) nach eigenen Angaben die Vereinbarung ausgehandelt.

Die BI begrüßen zwar, dass nun kein Durchbohren der Grundwasser führenden Schichten in Wasserschutzgebieten mehr erfolge, sehen in den weiteren Punkten der Vereinbarung jedoch nur „kosmetisches Beiwerk“. Die Aktiven hätten sich stattdessen substanzielle Verbesserungen im Hinblick auf den Grundwasserschutz gewünscht. „Ohne auf jeden Punkt der Vereinbarung einzugehen, bleibt festzustellen, dass der Status quo des Gefährdungspotenzials für das Grundwasser durch die Gasförderung in Wasserschutzgebieten wie dem Verdener Panzenberg quasi bestehen bleibt“, spielen die Gegner der Gasförderung auf den „Bestandsschutz für bestehende Bohrungen“ an. Nach Aussage der BI dürfen diese sogar durch sogenannte Ablenkungsbohrungen, die in andere Bereiche der Lagerstätte unter dem Wasserschutzgebiet führen, in Förderung gehalten werden. Des Weiteren seien neue Bohrungen von außerhalb auch weiterhin unter dem Wasserschutzgebiet zulässig. Überwachungsmaßnahmen zur Vermeidung von Störfällen sind nach Ansicht der Kreisverdener Bürgeraktiven gegen Gasbohren bislang nicht „mit der gebotenen Intensität“ umgesetzt worden. „Dieses jetzt tun zu wollen, belegt eindeutig, wo die Defizite - trotz ständigen Aufzeigens durch Bürgerinitiativen und Umweltverbände - liegen. Das jetzt als großen Wurf verkaufen zu wollen, hat mindestens einen Beigeschmack“, teilt Marschhausen stellvertretend für die anderen BI mit.

„Die Runde hätte besser daran getan, sich auf ein möglichst kurzfristiges Ausstiegsszenario aus der Erdgas- und Erdölförderung in Deutschland zu verständigen“, betonen die Bürgerinitiativen. Rückendeckung haben sie bereits im Vorfeld von der Parlamentarierin Dörte Liebetruth erhalten, die bereits angekündigt hat, weiterhin für „ein rechtssicheres gesetzliches Verbot der Erdgasförderung in Wasserschutzgebieten“ zu kämpfen. Nach Aussage der Sozialdemokratin befinden sich nämlich mehr als ein Drittel der niedersächsischen Erdgasreserven unter Wasserschutzgebieten. „Gar keine Förderung in Wasserschutzgebieten wäre für den Trinkwasserschutz wie auch den Schutz unserer Region vor Erdbeben der sicherste Weg“, ist die SPD-Politikerin überzeugt. Der Versorger solle ihrer Ansicht nach die Chance unverzüglich nutzen und auf klimafreundlichere Energieträger setzen. Das in Deutschland geförderte Erdgas und Erdöl trägt den Bürgerinitiativen zufolge weder zur Versorgungssicherheit bei, noch werde es aus anderen Gründen benötigt.

Ludwig Möhring, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Erdgas, Erdöl und Geoenergie, sieht dies naturgemäß anders: "Wir sind uns mit den Partnern dieser Vereinbarung einig, dass Erdgas und Erdöl – und damit auch die heimische Förderung – noch für viele Jahre relevant für die Energieversorgung im Land sind“, erklärte er nach Abschluss der Vereinbarung. Die Menschen in Deutschland würden ihren Energiebedarf schließlich derzeit noch zu 60 Prozent mit Erdgas und Erdöl decken. Diese "harte Realität" verdeutliche, wie schwierig der Weg in eine klimaneutrale Welt werde. Er versprach jedoch, gemeinsam mit den Wasserversorgern, "interessengerechte Lösungen" zu entwickeln.

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