Gastronomie im Landkreis Verden

Es geht weiter nur ums Überleben

Zwangsschließung für den November, dafür eine angekündigte einmalige Finanzspritze: Wie Gastronomen im Landkreis Verden nach den Beschlüssen der Vorwoche über die aktuelle Situation denken.
02.11.2020, 17:12
Lesedauer: 4 Min
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Es geht weiter nur ums Überleben
Von Marius Merle
Es geht weiter nur ums Überleben

Gesa und Ralf Eggers vom Landhaus Wesermarsch hoffen auf gelockerte Regelungen für den Dezember.

Björn Hake

Die Küchen bleiben seit Montag wieder kalt in den Gastronomiebetrieben des Landkreises Verden. Das gilt zumindest für all jene Restaurants, die keine Speisen liefern oder zum Abholen anbieten. Schuld daran sind die verschärften Corona-Regelungen, die von der Politik vergangene Woche bundesweit für den November getroffen wurden. Als Entschädigung für den daraus resultierenden wirtschaftlichen Schaden hatte Finanzminister Olaf Scholz angekündigt, dass die Betriebe (bis zu einer Größe von 50 Mitarbeitern) aus Steuergeldern 75 Prozent ihrer Einnahmen vom November des Vorjahres erhalten. Ein guter Deal oder würden die Gastronomen lieber weiterhin Gäste empfangen? Unsere Zeitung hat sich im Landkreis Verden einmal umgehört, wie die Betroffenen die Lage einschätzen.

„Schließen ist natürlich immer doof, man hat es dann nicht selbst in der Hand“, sagt Holger Bellmann, Inhaber von Bellmann's Gasthaus in Fischerhude. Sollten die versprochenen Finanzhilfen aber fließen, wäre „es eine gute Sache“. Denn unter den zuletzt gültigen Corona-Bedingungen für die Gastronomie wären 75 Prozent des Umsatzes vom Vorjahresmonat niemals zu realisieren gewesen. „Wenn das was gibt, dann können sie es während Corona gerne jeden Monat so machen“, merkt Gastwirt Axel Klenke an und bringt damit ebenfalls zum Ausdruck, dass mit Umsätzen dieser Art im November nicht zu rechnen gewesen wäre.

Gastronomen als „Buhmänner“

Dennoch kommentiert der Betreiber des Gasthauses Klenke in Langwedel die vorgeschriebene Schließung ganz allgemein mit: „Es ist eine große Katastrophe.“ Denn viele Gastronomen fühlen sich ungerecht behandelt. „Warum sind wir die Buhmänner?“, fragt Gördt Glander, Betreiber des Hotels Hötje in Verden und Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbandes. Schließlich sei die Gastronomie nachweislich kein wesentlicher Treiber für das Virus.

Er und seine Kollegen hätten viel investiert, um unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln komfortable Restaurantbesuche zu ermöglichen – auch jetzt für den Herbst und Winter etwa durch neue Heizanlagen oder gemietete Zelte. „Und jetzt werden wir dafür bestraft“, sagt Glander, der natürlich Verständnis dafür habe, dass es angesichts steigender Fallzahlen weitere Einschränkungen im gesellschaftlichen Leben gibt. Die Gastronomie werde bei dem Vorgehen nun aber einfach als Kollateralschaden in Kauf genommen. „Zumal es viele Bereiche gibt, wo Corona nachweislich eher weitergegeben wird.“ Und – finanzielle Entschädigung hin oder her – die Angestellten leiden sehr unter der Situation. „Viele sind seit März gar nicht mehr aus der Kurzarbeit herausgekommen“, weiß Glander. Und nun müssen alle wieder in 100 Prozent Kurzarbeit, dazu fallen Trinkgeldeinnahmen weg.

Auch Seelsorgerin

Fünf feste Mitarbeiter und zehn Aushilfen beschäftigt Gesa Eggers eigentlich in ihrem Landhaus Wesermarsch in Achim-Baden. Und für sie sei Eggers in den vergangenen Monaten nicht nur Chefin gewesen, sondern auch „Seelsorgerin und Psychologin“. Schließlich sei die Lage für alle im Betrieb alles andere als leicht. Daran ändert auch die angekündigte einmalige Finanzspritze für den November nichts, wobei Eggers auch noch etwas skeptisch ist, denn verabschiedet worden sei sie noch gar nicht. Komme sie, wäre sie natürlich „für jeden eine Hilfe, aber es ist nicht das, was man sich wünscht“.

Apropos wünschen: Sollten die Restaurants im Dezember wieder öffnen dürfen, dann hofft Eggers auf neue Regelungen. Denn wie zuletzt, maximal zehn Gäste aus nur zwei Haushalten an einem Tisch, das sei „total kontraproduktiv“ – besonders im Hinblick auf die Weihnachtszeit. Da müsste schon eine Regelung her, dass zehn Personen aus egal wie viel Haushalten an einem Tisch sitzen dürfen, um einen lohnenswerten Betrieb zu gestalten. Auch Bellmann, der seine nun überschüssigen frischen Lebensmittel im Übrigen an die Tafel spendet, sagt mit Blick auf die mögliche Wiederaufnahme des Betriebes im Dezember: „Es kommt ganz darauf an, wie wir dann öffnen dürfen.“

Zwischenzeitlich gute Resonanz

Klar ist, der Dezember wäre die zunächst einmal letzte Chance auf ein gutes Geschäft. „Die Nebensaison von Januar bis März, das wird für alle eine Herausforderung“, sagt Eggers. Auch weil es nächstes Jahr etwa keine Kohltouren geben wird. Mit den vergangenen Monaten sei sie im Übrigen recht zufrieden gewesen. „Die Resonanz war sehr gut.“ Auch Bellmann erzählt, dass das Geschäft im Juli, August und September trotz Corona „fast an die Umsätze vom letzten Jahr herangekommen ist“.

Nicht ganz so zufrieden blickt Hovik Avetikyan auf die Besucherzahlen der vergangenen Monate zurück. Am vergangenen Wochenende sei in seinem Genussstudio in Verden direkt vor der neuerlichen Schließung noch einmal viel los gewesen, davor war es eher „mies“. Avetikyan gehört zu den Gastronomen, die auch im November weiter hinterm Herd stehen, weil sie Gerichte liefern oder zum Abholen anbieten. Ab Dienstag gibt es das Angebot wieder, welches er zu Lockdown-Zeiten von März bis Mai auch schon hatte. Dies sei anfangs gut, als dann immer mehr Kollegen nachzogen, immer weniger angenommen wurden. Dennoch wagt er nun einen neuen Versuch. Was bleibe einem auch übrig: „Positiv denken, weiter machen“, gibt er als Motto aus.

Dass mit dem positiven Denken ist in der Branche dabei so eine Sache. „Viele können das finanziell nicht mehr lange durchstehen“, sagt Glander. Vor allem, weil auch völlig ungewiss sei, ob nicht Anfang 2021 schon wieder der nächste Lockdown drohe. Ein normales Geschäft werde es erst mit dem Ende der Pandemie geben, sagt Bellmann und betont weiter: „Bis dahin geht es nur ums Überleben.“ Und eben das werden nach Schätzungen von Glander viele gastronomische Betriebe im Landkreis Verden nicht. „Es gibt welche, die an Corona sterben werden.“ Wie viele? „30 Prozent“, schätzt der Vorsitzende des Dehoga-Kreisverbandes.

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