Geschäfte öffnen wieder

Ein erstes Aufatmen

Der Einzelhandel kann aufatmen: Dank einer neuen Verordnung können Autohäuser, Buchhandlungen sowie kleinere Einzelhandelsgeschäfte in Verden wieder für ihre Kunden öffnen.
20.04.2020, 17:26
Lesedauer: 4 Min
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Von Lena Mysegades und Marie Lührs
Ein erstes Aufatmen

Susanne Eggers-Staiger ist erleichtert, dass der Betrieb in ihrem Verdener Autohaus weiter geht. Derzeit ist der Verkauf noch um eine Stunde verkürzt.

Björn Hake

Susanne Eggers-Staiger sitzt seit Montagmorgen wieder offiziell im Büro ihres Autohauses. Einen Monat lang musste sie aufgrund der Corona-Krise schließen. Seit dieser Woche dürfen Geschäfte mit einer Verkaufsfläche von bis zu 800 Quadratmetern wieder öffnen. In Niedersachsen und einigen anderen Bundesländern dürfen auch größere Geschäfte aufmachen, wenn sie ihre Verkaufsfläche auf 800 Quadratmeter reduzieren. Autohäuser und Fahrradhändler sowie Buchhandlungen dürfen unabhängig von ihrer Verkaufsfläche öffnen.

Geschäftsführerin Eggers-Staiger ist erleichtert, dass der Betrieb in Verden jetzt weiter geht. Doch für eine komplette Rückkehr zum „Alles-ist-wie-vorher-Modus“ ist das Virus ihrer Ansicht nach zu unberechenbar. Eine langsame Rückkehr zum Normalen mit gleichzeitiger Anpassung an die Pandemie verfolge sie stattdessen. Dies ist angesichts der politischen Strategie vernünftig, denn Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) betonte kürzlich, dass Lockerungen auch wieder revidiert werden könnten, sofern es notwendig sei. Susanne Eggers-Staiger hat das Autohaus für den Verkauf nun erst einmal wieder von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Eine Stunde mehr mussten die Mitarbeiter vor Corona arbeiten. „Man muss mal abwarten, wie die Nachfrage jetzt sein wird.“ Sie geht davon aus, dass die Menschen weiterhin vorsichtig und durch das Virus in ihren wirtschaftlichen Handlungen eingeschüchtert sind. Zudem sei ein Fahrzeugkauf im Gegensatz zu einem Schuhkauf eben eine langfristige Investition. Damit weiterhin Autos gekauft werden, hätten die Hersteller am vergangenen Freitag „verkaufsunterstützende Maßnahmen“ angekündigt. Wie die im Einzelnen aber genau aussehen, sei noch unklar.

Derzeit sind auch einige ihrer Mitarbeiter noch in Kurzarbeit oder im Home Office. „Wenn alle wieder zurückkehren, müssen wir uns noch ein Konzept gegen das Virus überlegen.“ Zwischen gegenüberliegenden Arbeitsplätzen sollte zum Beispiel eine Schutzvorrichtung liegen, findet Eggers-Staiger. Und allgemeingültige Verhaltensanweisungen seien darüber hinaus sinnvoll – unter anderem „immer schön Pfoten waschen natürlich“.

Das Spielwarengeschäft Kinderparadies Witte an der Verdener Einkaufsmeile verfügt über eine Verkaufsfläche von 300 Quadratmetern. Den Publikumsverkehr beschränkt Geschäftsführerin Carmen Witte derzeit noch durch eine begrenzte Anzahl von zehn Einkaufskörben. „So wird sichergestellt, dass nur zehn Kunden zur selben Zeit im Laden sind“, erklärt Witte. Theoretisch dürften es laut der aktuellen Verordnung sogar mehr Menschen sein. Doch Carmen Witte möchte es vorsichtig angehen.

Sie hatte ihre Mitarbeiter bereits am 12. März, noch vor der offiziell angeordneten Schließung von Geschäften am 17. März, nach Hause geschickt. Stattdessen setzte sie auf den Online-Handel, Abholstationen und eine abendliche Auslieferung der Spielwaren. Insgesamt hat Carmen Witte die Zeit der virusbedingten Schließung als interessante Erfahrung empfunden. „Ich werde das Erlebte in der Chronik festhalten. Ich habe mir gesagt: Dieses Unternehmen hat schon zwei Weltkriege erlebt, da wird es auch Corona überstehen.“ Die Zeit hat sie unter anderem auch genutzt, um das Geschäft neu zu sortieren. „Und ich bin 6000 Schritte mehr als sonst gelaufen.“ Schritte, die sonst die Kunden selbstständig im Geschäft zurücklegen. Gemeinsam mit ihrer Mutter hat sie dort viel Zeit verbracht und auch die Lieferungen mit ihr zusammen bewerkstelligt. „Wir hatten herrliche Gespräche, die gemeinsame Zeit hatte Qualität – das wird mir positiv in Erinnerung bleiben.“

Verhältnismäßig ruhig ging es am ersten Öffnungstag in der Verdener Buchhandlung Heine zu. Zumindest mit Blick auf die Kunden, denn auch Bauarbeiter waren ausgerechnet an diesem Tag zu Gast, um zwei Schaufensterscheiben zu erneuern. Die Zahl der tatsächlichen Kunden blieb am Vormittag allerdings überschaubar. In den vergangenen Wochen hatte das Team um Gudrun Heine telefonisch Bestellungen angenommen und ausgeliefert. „Unsere Stammkunden waren uns sehr treu“, erzählt die Geschäftsführerin erfreut. Nun allerdings wieder im direkten Kontakt mit den Kunden zu sein, sei natürlich etwas ganz anderes. Denn, wer etwas am Telefon bestelle, müsse schließlich auch wissen, was er überhaupt haben möchte. Da sei der Gang durch die Bücherregale im Geschäft doch deutlich inspirierender.

Masken tragen die Buchhändlerinnen nicht, das sei gerade beim Gespräch auch etwas hinderlich, findet Heine. Doch auf den nötigen Abstand werde natürlich geachtet und das falle in dem 200 Quadratmeter großen Geschäft auch nicht allzu schwer. In den kommenden Tagen werde die Nachfrage steigen und das Leben in der Innenstadt von Verden wieder mehr Fahrt aufnehmen, ist sich Heine sicher.

Mit deutlich mehr Ansturm hatte an Tag eins nach der Schließung das Stoffparadies zu kämpfen. Vor allem Webwaren und Gummibänder stehen bei den Kunden hoch im Kurs, erklärt Verkäuferin Martina Alurralde. Kein Wunder, machen sich doch viele Nähmaschinenbesitzer nun daran, selber Mund-Nasen-Masken zu fertigen. Die Verkäuferinnen im Stoffparadies sind bereits damit ausgestattet und empfehlen den Kunden, es ihnen gleich zu tun. Neben dem nötigen Equipment bieten sie auch fertige Masken zum Verkauf an. Maximal zwei Besucher dürfen sich gleichzeitig in dem Stoffwarenladen aufhalten. Vor der Tür wird ein jeder dazu aufgerufen, Abstand zu seinen Mitmenschen zu halten.

Auch bei der Räderei ist am ersten Öffnungstag viel Betrieb. „Es ist wirklich verrückt“, erzählt Felix Haack. Generell sei in der Werkstatt im Frühjahr besonders viel zu tun. Nun läuft allerdings alles etwas anders. Die Geschäftsräume selbst sind geschlossen. Über den hinten liegenden Hof nehmen die Mitarbeiter die zu reparierenden Fahrräder an und geben sie wieder raus. Während die Verkaufsräume vorerst geschlossen bleiben, ist in der angeschlossenen Werkstatt einiges zu tun. „Es ist gut, aber auch viel Arbeit“, findet Haack.

Die landesweiten Beschränkungen gelten zunächst bis zum 6. Mai. Bis dahin gilt auch innerhalb der Geschäfte, einen Abstand von anderthalb Metern einzuhalten.

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