Das Porträt 40 Jahre Lampenfieber

Eigentlich wollte Martina Rüggebrecht Hebamme werden. Doch durch einen Bekannten nahm ihr Lebenslauf eine ganz andere Richtung. Seit 40 Jahren ist die Verdenerin Schauspielerin.
24.03.2020, 16:47
Lesedauer: 3 Min
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Von Marie Lührs

Seit 40 Jahren plagt Martina Rüggebrecht das Lampenfieber, bevor sie auf die Bühne geht. Kalte Hände und Albträume davon, den falschen Text gelernt zu haben, waren ihr lange Zeit treue Begleiter. Doch die Freude, auf der Bühne zu stehen, ist größer als die Aufregung davor. Mit Anfang 20 kam die Verdenerin zum Schauspiel. Seitdem ist sie in unzählige Rollen geschlüpft.

Dass Rüggebrecht ihre Freude am Schauspielern entdeckt, war reiner Zufall. Eigentlich wollte sie nämlich Hebamme werden. Doch bevor die Ausbildung begann, lernte sie Dieter Jorschik, den späteren Gründer der Domfestspiele, kennen. Und der weckte in ihr schnell die Begeisterung für die Bretter, die die Welt bedeuten. „Ich dachte, das sei ganz witzig“, erinnert sich Rüggebrecht daran, wie unbefangen sie in die Schauspielerei stolperte. Am Waldau-Theater in Bremen absolvierte sie ihre Schauspielausbildung und war seither auch an anderen Theatern in zahlreichen Produktionen zu sehen.

„Als Schauspielerin kommt man herum“, erzählt sie. Immer wieder war sie für Stücke auch außerhalb Bremens unterwegs. Mehrere Aufführungen an einem Tag waren keine Seltenheit. Und auch, dass sie mehrere Stücke gleichzeitig im Kopf behalten musste, war keineswegs ungewöhnlich.

Stumpfes Auswendiglernen liegt der Verdenerin allerdings nicht, sie muss dabei immer in Bewegung sein. „Ich lerne, indem ich laufe“, erzählt sie. Bei Spaziergängen in der Natur gehe sie ihre Texte durch, beim Kochen liege das Textbuch neben dem Herd, und als sie renovierte, lag das Textbuch in greifbarer Nähe im Schutt.

Ihr erstes Stück hieß „Lilofee“, daran erinnert sich Rüggebrecht noch gut. Mit 22 Jahren spielte sie dann Pinocchio und trat schließlich immer wieder in Märchen auf. „Hosen- und Bubirollen“ kamen ihr besonders oft zu, erzählt sie. Noch viele Jahre mimte sie für Märchenstücke auch kleine Jungen.

In den vielen Jahren auf den Theaterbühnen hat sich einiges verändert. „Die Menschen sind nicht mehr in der Lage, lange zuzuhören“, hat Rüggebrecht festgestellt. Dem passen sich mit der Zeit auch die Stücke an. Doch manche Dinge bleiben immer gleich: „Man merkt sofort, wie die Stimmung ist.“ Und auch Männer, die „von ihren Frauen ins Theater mitgeschleppt wurden“, erkennt Rüggebrecht schnell, denn diese Zuschauer neigen zum Einnicken. Ist das Publikum nicht in der richtigen Stimmung, haben es die Darsteller schwer. „Es ist schwerer, jemanden zum Lachen zu bringen als zum Weinen“, auch das weiß die Schauspielerin aus eigener Erfahrung. Damit das Stück das Publikum ergreift, müssen die Darsteller gut eingespielt sein. „Das Team ist so stark wie das schwächste Glied“, dieser Spruch gelte auch auf der Bühne. Im Gegensatz zu anderen folgt Rüggebrecht keiner besonderen Zeremonie, bevor sich der Vorhang hebt. „Ich brauche Ruhe, keinen Talisman“, erklärt sie. Gegen das Lampenfieber helfe das aber nur bedingt. „Früher habe ich bis zur dritten oder vierten Vorführung gelitten“, erinnert sie sich. Inzwischen habe die Aufregung nachgelassen, doch ganz lässt sich die Nervosität nicht lösen. Bei aller Begeisterung für die Arbeit auf der Bühne, hat die allerdings auch Schattenseiten. „Die meisten Schauspieler leben nicht sehr gut“, erzählt Rüggebrecht. Es mangele ihnen häufig an Einnahmen. „Je älter man wird, desto rarer werden die Rollen.“ Diese Erfahrung hat auch Rüggebrecht gemacht. Gerade für Frauen werde es mit zunehmendem Alter schwer. Andererseits wolle sie nun auch nicht mehr „ständig unterwegs sein“. Daher hat sie sich vor einigen Jahren für ein zweites Standbein entschieden. Wenn sie nicht auf der Bühne steht, arbeitet sie in einem Verdener Altenheim. Die Arbeit mit den Senioren mache ihr viel Freude. Für Engagements, beispielsweise auf dem Theaterschiff in Bremen, werde sie dann dort freigestellt.

„Ich habe noch so viele Ideen“, erzählt Martina Rüggebrecht. Eine von ihnen ist, das Theater in das Seniorenheim zu bringen. Ein wenig von ihrem Können floss ohnehin schon in ihre Arbeit dort ein. Denn die Schauspielerin kann auch schminken und hat zu Fasching ihre Kollegen bemalt. Einige Jahre zuvor hatte sie schon für Laientheater Schminkkurse gegeben. Im kommenden Jahr wolle sie in Rente gehen. Dann hat sie auch mehr Zeit für ihre Hobbys abseits der Bühne: schwimmen, Bewegung in der Natur und ihre große Leidenschaft, das Lesen.

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