Jugendarbeit in der Corona-Krise

„Kinder haben eine zu kleine Lobby“

Langsam aber sicher gehen auch Freizeitangebote für Kinder wieder Schritte in Richtung Normalität. Jugendarbeiter aus Achim kritisieren allerdings die fehlende Kompromissbereitschaft der Regierung.
30.07.2020, 17:08
Lesedauer: 4 Min
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Von Antonia Blome
„Kinder haben eine zu kleine Lobby“

Vor der Corona-Krise trafen sich die Achimer Pfadfinder vom Stamm Wikinger regelmäßig zu Gruppenstunden.

Alina Beenken

Für Kinder und Jugendliche stand in den vergangenen Monaten nicht nur der Schulalltag zwischenzeitlich still, auch Freizeitangebote wurden auf Eis gelegt. Wie wichtig Kinder- und Jugendarbeit ist, weiß Till Bräkling von der Stadt Achim: „Diese Angebote sind für junge Menschen, die sich auf dem Weg zum Erwachsenwerden befinden, von großer Bedeutung.“ Besonders bedauerlich sei es daher gewesen, dass verschiedene Angebote für Kinder und Jugendliche in Achim aufgrund der Corona-Pandemie nicht stattfinden konnten. Aus pädagogischer Sicht seien die Einschränkungen im Jugendbereich zum Beispiel im Vergleich zu denen im Einzelhandel nicht nachvollziehbar. „Kinder haben im Gegensatz zu Erwachsenen eine zu kleine Lobby“, kritisiert er. Nach und nach haben laut Bräkling jedoch viele Jugendarbeiter Lösungen gefunden, um auch weiterhin in Kontakt mit ihren Schützlingen zu bleiben.

Evamaria Buthge vom Vorstand des Achimer Pfadfinderstamms Wikinger erzählt: „Bevor die Regelung kam, dass man sich zu zehnt treffen darf, haben wir gemeinsam mit den Verdener Pfadfindern Druck auf die Politik ausgeübt und unser Hygienekonzept vorgelegt, um einen Kompromiss zu finden.“ Vor der Corona-Krise habe es täglich Gruppenstunden gegeben, bei der sich verschiedene Altersgruppen treffen würden. „Man hat schnell gemerkt, dass den Kindern das freie, freundschaftliche Spielen fehlt“, sagt sie. Das Pfadfinderdasein lebe schließlich vom sozialen Kontakt und der persönlichen Gemeinschaft.

Virtuelle Wettkämpfe

Beim TSV Achim haben viele Übungsleiter derweil laut Jennifer Rauch, Vize-Vorsitzende der Turnabteilung, den Kontakt zu ihren Gruppen per WhatsApp gehalten. So seien Trainingspläne verschickt und Videotraining gegeben worden. Bei den Kunstturnerinnen habe es sogar einen virtuellen Wettkampf um einen „Corona-Pokal“ gegeben. „Hier haben die Turnerinnen verschiedene Aufgaben aus den Bereichen Kraft, Ausdauer und turnerischen Elementen absolviert, sich dabei gefilmt und diese Filme an die Trainerinnen geschickt“, schildert Rauch.

Das Training von Vorschulkindern wird im TSV Achim derweil nur im Eltern-Kind-Verband empfohlen, da davon ausgegangen werde, dass sich die Kinder nicht selbstständig an die Regeln halten würden. Deshalb habe bei den Kindertanzgruppen in dieser Woche ein Eltern-Kind-Outdoor-Tanzen auf dem Sportplatz stattgefunden. „Leider erreichen wir mit unseren Maßnahmen nicht alle Kinder und die Resonanz auf die Vorschläge unserer Übungsleiter in den Gruppen ist häufig verhalten“, bedauert die Vize-Vorsitzende. Im Kindertanzbereich finde derzeit Online-Live-Training statt. Auch die Achimer Pfadfinder haben sich aufgrund der Corona-Pandemie ins Internet gewagt: In Online-Gruppenstunden hätten die Gruppenleiter während der Kontaktbeschränkungen täglich „Challenges“ gelöst. Jüngere Gruppen hätten diese Idee aufgenommen und gemeinsam Online-Spiele gespielt. Im Rahmen der neuen Angebote seien die Kinder auch auf Schnitzeljagden durch das Achimer Gebiet geschickt worden.

Regelmäßige Treffen standen nicht nur bei den Pfadfindern, sondern auch bei der Achimer DLRG-Jugend auf der Tagesordnung. "Vor der Corona-Pandemie haben wir regelmäßig am Montag trainiert und uns jeden Mittwoch getroffen", erzählt Vorstandsmitglied Finn-Niklas Gerken. „In der DLRG-Jugend behandeln wir verschiedene Themen, es geht viel um Jugendarbeit und wir machen zum Beispiel Zeltlager." Die Mitglieder können von acht bis 26 Jahre alt sein, in der Achimer Ortsgruppe handele es sich vorrangig um Acht- bis Zwölfjährige. „Die Corona-Krise erreichte uns nicht langsam, stattdessen war nach einem Anruf unseres Schwimmtrainers alles von heute auf morgen abgesagt“, erinnert er sich an den Monat März. Bis vor einigen Wochen hätten überhaupt keine Aktivitäten stattgefunden. Der Jugendvorstand, der sich aus zehn Mitgliedern im Alter von 13 bis 23 Jahren zusammensetzt, habe in den vergangenen Monaten zwischendurch online konferiert. „Ich war überrascht davon, wie souverän und objektiv die Kinder mit der Corona-Krise umgegangen sind“, lobt Gerken die jungen Mitglieder.

Einfallsreichtum gefragt

Auf Eis gelegt wurden ebenso die Aktionen des Weltenbummlers, ein Spielmobilanhänger des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Achim, der durch den Landkreis Verden tourt. Dessen Angebot reicht von Gesellschafts- und Bewegungsspielen über Werk- und Bastelaktionen bis hin zu Großspielgeräten wie einer Hüpfburg. „Wir haben eine Vielzahl an Angeboten und richten uns nach den Wünschen der Kinder“, erzählt Hans Eder vom DRK. „Der Weltenbummler war von Anfang an für alle offen und noch heute sind die Gruppen kulturell sowie in Bezug auf das Alter der Kinder bunt durchmischt.“ Nun darf der Weltenbummler seit Anfang Juli unter Beachtung eines Hygienekonzepts wieder auf Tour gehen. Doch auch in der Zeit des Lockdowns seien die Kinder weiterhin durch verschiedene Aktionen unterhalten worden. Über Facebook habe der Nachwuchs beispielsweise mit der Playhome-Challenge einige Bewegungs- und Kreativangebote erhalten. „Außerdem konnten die Kinder sogenannte Playhome-Päckchen bei verschiedenen zentralen Abholstationen mitnehmen."

Kreativ zeigte sich auch die DLRG-Jugendgruppe: „Wir haben zum Beispiel dem Seniorenheim in Achim Grußkarten zukommen lassen, um den Altenpflegern unsere Wertschätzung auszudrücken“, erinnert sich Gerken. „Wir können uns vorstellen, eine solche Zusammenarbeit zukünftig fortzuführen.“ Die jetzt wieder erlaubten Treffen könnten leider nicht die vielen abgesagten Wochenenden und Veranstaltungen ersetzen. „Trotzdem geht es in die richtige Richtung und wir sind froh, wenn die Corona-Krise vorbei ist.“

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