Tourismuszahlen

Achim immer beliebter

Achim freut sich über mehr Tourismus – für das Gastgewerbe bedeutet das allerdings eine stärkere Arbeitsbelastung: Über Freude und Leid der Branche im Landkreis Verden.
17.03.2019, 16:57
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Lena Mysegades
Achim immer beliebter

Ein Radfahrer genießt die Sonnenstrahlen am Bootshafen in Achim, während sein bepacktes Rad im Schatten auf die Weiterfahrt wartet.

Björn Hake

Die Reiseregion Mittelweser verzeichnete im vergangenen Jahr 960 000 Übernachtungen von Gästen aus dem In- und Ausland. Das sind 6,8 Prozent mehr als im Vorjahr – und 55 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Das hat die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mitgeteilt. Von diesen knapp eine Millionen Übernachtungen konnte Verden 133 000 für sich beanspruchen. Das bedeutete ein Plus von 3,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In Achim sind es sogar 6,1 Prozent Zuwachse bei 84 665 Übernachtungen gewesen.

Doch mehr Tourismus bedeutet im Umkehrschluss natürlich auch eine stärkere Arbeitsbelastung für die Beschäftigten im Gastgewerbe. Die NGG kritisiert, dass die Branche zum Wohle des Gastes zu viel von ihren Beschäftigten verlangt. So sagt der Geschäftsführer der Gewerkschaft, Steffen Lübbert, sogar: „Es fehlen zunehmend Fachkräfte – auch, weil die Branche ein echtes Imageproblem hat.“ Besonderes Ärgernis für ihn: Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) wolle 13-Stunden-Arbeitstage zum Normalfall machen.

Es richtet sich nach den Gästen

Larissa Buschmann, Junior-Chefin von Gieschens Hotel in Achim, kennt das Problem einer schwierig realisierbaren Work-Life-Balance im Tourismusbereich. Allerdings sieht sie das Ganze nicht so kritisch wie die NGG. Sie ist mit Gästen aufgewachsen – ihrem Vater Jürgen Keller gehört das Hotel. Dabei richtet sich ihr Betrieb nach acht Stunden Arbeitszeit und nutzt zur besseren Nachvollziehbarkeit ein Arbeitszeiterfassungssystem. „Es gibt natürlich Tage, an denen ich nicht nach acht Stunden abschließen kann. Zum Beispiel, wenn eine Veranstaltung wie eine Hochzeit oder dergleichen ansteht“, sagt auch sie. Doch Tage, an denen nichts los ist, kommen genauso vor. Das sei eben flexibel und richte sich nach den Gästen.

Larissa Buschmann benötigt in ihrem Haus jedoch keine Aushilfen. Sie beschäftigt lediglich gelernte Fachkräfte und Auszubildende. Dennoch räumt sie ein: „Natürlich ist es nicht leicht, jemand neues zu finden, wenn eine gelernte Fachkraft geht.“ Das liege aber vor allem daran, dass die Personen zum Haus passen sollten. Für sie kommt es stark darauf an, dass der Beruf Spaß macht. Das sollte ihrer Meinung nach auch an den Nachwuchs vermittelt werden. „Natürlich muss man nicht ständig 13 Stunden arbeiten, aber es ist wichtig, fleißig zu sein.“ Sie als Junior-Chefin möchte da nach eigener Aussage natürlich auch ein gutes Beispiel sein. „Na klar, es gibt heutzutage viel spontane Anfragen, wir sind auch ein Business-Hotel, die Geschäftsreisen sind meist kurzfristig.“ Dass man das Privatleben daher teilweise nicht so zuverlässig planen könne wie in anderen Berufen, sei die Kehrseite der Branche. Doch dem entgegen stehe die Zufriedenheit der Gäste. „Den Gästen einen tollen Tag bei deren Hochzeit oder deren Geburtstag beschert zu haben oder sie dazu verleitet zu haben, ein neues Gericht auszuprobieren – das sind eben die kleinen Freuden unseres Berufes“, findet Larissa Buschmann.

Dehoga weist Vorwürfe zurück

Gördt Glander, erster Vorsitzender der Dehoga-Kreisverband Verden und Geschäftsführer des Hotels Höltje in Verden, weist die Vorwürfe der NGG zurück. „Das stimmt nicht. Ich finde nur, dass eine 48-Stunden-Regelung für Hotelbetriebe möglich sein sollte“, sagt er. Denn wer sich für die Gastronomie entscheide, dem müsse bewusst sein, dass irreguläre Arbeitszeiten eben zum Job gehörten. Beispiel: „Wenn eine Veranstaltung um 18 Uhr anfängt und die Beschäftigten ab 16 Uhr für die Vorbereitung da sind, dann kann ich die Gäste schlecht um Mitternacht nach Hause schicken“, sagt Glander.

Das Hotel-und Gastronomiegewerbe sei daher auf den sogenannten dritten Arbeitsmarkt angewiesen. Dieser sei aber mit Vorsatz von der Politik kaputtgemacht worden. „Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles hat 2015 wörtlich gesagt, dass sie jenen dritten Arbeitsmarkt abschaffen möchte.“ Für die Hotels und Gastronomie ist das seiner Meinung nach eine verhängnisvolle Entscheidung. Denn durch die Lohnsteigerungen im Gastgewerbe blieben die Ertragsmöglichkeiten für Unternehmer gering. „Das Gehalt der Beschäftigten liegt meist eine bis anderthalb Gehaltsstufen über dem mit der NGG tariflich verhandelten Lohn.“ Richtung Küste werde es umso mehr.

Höchster Wert bei Gästeankünften

Im Tourismusservice Achim spürt man den wachsenden Tourismus ebenfalls. Mitarbeiterin Henrike Drewes sagt: „Seit der Jahrtausendwende haben wir bei den Übernachtungszahlen den zweithöchsten und bei den Gästeankünften den höchsten Wert.“ Für die Attraktivität Achims seien der Wochenmarkt, die reetgedeckte Galerie-Holländer-Windmühle und das älteste Gebäude – die St.-Laurentiuskirche – verantwortlich. Zudem sei die schmucke Fassade der ehemaligen Honigkuchenfabrik Rieke mit einem Teil der Stadtmusikanten darauf „einzigartig“.

Angelika Revermann vom Tourismusservice Verden freut sich über die Beliebtheit von Verden bei Touristen. Die Allerstadt profitiere stark vom Radtourismus, aber auch der Städtetourismus hole viele Menschen in die Stadt. „Die historische Innenstadt, das deutsche Pferdemuseum und der Verdener Dom sind die Highlights“, weiß sie. Und auch eine Tour mit der Solarfähre-Allerfähre, die ihre Gäste von Otersen nach Westen schippert, werde gerne gemacht. Das Betten-Kontingent sei übrigens dasselbe geblieben, die Auslastung sei eben nur größer gewesen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+