Innenstadt-Kümmerer Knapp im Interview „Das ist eine Katastrophe“

Rudi Knapp - Ansprechpartner für die Kaufmannschaft in Achim - findet den erneuten Lockdown aus Sicht der Einzelhändler schrecklich, glaubt aber, dass die kundenorientierten Geschäfte ihn überstehen.
15.12.2020, 15:48
Lesedauer: 5 Min
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„Das ist eine Katastrophe“
Von Kai Purschke

Herr Knapp, wann haben Sie das letzte Mal was in der Achimer Innenstadt eingekauft und was war es?

Rudi Knapp: Letzte Woche erst. Da habe ich mir ein Hemd gekauft und meine Frau, die dabei war, hat eine neue Hose bekommen. Wir haben bei „Enterprise“ eingekauft, denn es gibt sie in Achim noch, die Läden, die beispielhaft sein sollten für viele andere.

Aber auch diese Läden werden ab diesem Mittwoch wegen des neuerlichen Lockdowns keine Gelegenheit mehr haben, das unter Beweis zu stellen. Was glauben Sie, wird das nun verhinderte Weihnachts- und Neujahrsgeschäft der Todesstoß für einige Achimer Geschäfte?

Das ist eine Katastrophe, das kann man gar nicht anders sagen. Ich hoffe, dass die Geschäfte das Potenzial haben, durchzuhalten. Denn sie bleiben nun alle auf der Ware sitzen, die sie eingekauft haben. Diese Wochen, die nun bis zum Jahresende und darüber hinaus kommen, sind für viele sonst die besten Wochen im ganzen Jahr. Da gibt es zu Weihnachten Geldgeschenke und Gutscheine, mit denen die Kunden in die Läden gehen, alle haben zwischen den Jahren und meist noch nach Neujahr frei – das alles bricht jetzt weg. Aktuell weiß ich aber nur von einem Laden, der zum Jahresende schließt, der Modeladen Frauensache.

Sie haben immer ein Ohr an den Achimer Innenstadtkaufleuten, wie ist deren Sicht auf dieses Corona-Jahr und wie liefen die Geschäfte?

Die waren bereits schon vor diesem Lockdown sehr geknickt. Sie haben ihre Ware nicht losbekommen, höchstens wenn sie sie stark reduziert angeboten haben. Das geht aber auch nicht immer und kann sogar tödlich sein, denn die Kunden erwarten dann, dass auch alles, was neu reinkommt, automatisch mit Nachlass verkauft wird. Irgendwann stimmen dann die Margen nicht mehr. Glücklich ist also niemand derzeit und ich glaube nicht, dass die Geschäfte vor Februar wieder werden öffnen dürfen. Die Situation ist schwierig.

Überrascht es Sie aber, dass offenbar die Geschäftsleute, von denen sie anfangs sprachen und die Sie bei jeder Gelegenheit als Leuchttürme loben, auch jetzt in schwierigen Zeiten ihre Umsätze gemacht haben und andere in Achim nicht?

Das überrascht mich gar nicht. Es sind die Geschäfte, die einen Kundenbezug haben, die sich kümmern, die für ihre Kunden da sind, die Stammkunden anrufen, die einen Schnack bieten und den Kunden zusprechen. Sie schaffen es, dass die Leute in Achim kaufen und dort zum Teil auch zuerst gucken, bevor sie in die Center fahren. Ich tippe mal, dass auch 60 Prozent der Kunden, die bei denen waren, dann aber unsicher sind und sich im Center umschauen, trotzdem wieder zurückkommen und in Achim kaufen.

Aber warum schaffen es dann die anderen Geschäftsinhaber in der Achimer City nicht, die Tugenden der Positivbeispiele zu kopieren?

Das weiß ich nicht, oftmals ist es aber die Philosophie der Geschäftsführung. Früher waren die Inhaber und/oder ihre Ehepartner stets oder zumindest zeitweise selbst im Geschäft und vermittelten den Kunden eine Nähe, indem sie sie selbst bedienten und ansprechbar waren. Wichtig ist, dass Einkaufserlebnisse geschaffen werden: Da wird der Schnack gesucht oder ein Kaffee angeboten und ganz nebenbei werden die neuen Stücke präsentiert.

Wie sehr schimpfen die Achimer Innenstadt-Kaufleute denn auf den Onlinehandel, dem in Corona-Zeiten und erst recht während des Lockdowns eine noch größere Bedeutung zukommt als ohnehin schon?

Der Onlinehandel ist für sie natürlich ein riesiges Problem, zumal nur ganz wenige Einzelhändler in Achim auch einen wirklichen Onlineshop betreiben. Und dieses Problem wird größer: Die Menschen, die schon während des ersten Lockdowns im Frühjahr nur aus der Notwendigkeit heraus online Waren bestellt haben, haben gemerkt, wie einfach und bequem dies ist und, dass es funktioniert, einfach ein Paket zu erhalten. Der stationäre Einzelhandel hat daher die berechtigte Befürchtung, dass viele Kunden nicht zurückkehren werden. Das kann dann nur gelingen, indem die Händler die erwähnten Einkaufserlebnisse schaffen, die der Internetkauf nicht bieten kann. Geschäftsleute, denen das gelingt, müssen auch weiterhin keine Angst haben, dass die Kunden wegbleiben.

Nun wird in Achim nach einem politischen Vorstoß wieder über Pop-Up-Läden diskutiert. Ein Thema, das Sie schon vor mehr als fünf Jahren auf die Agenda der Stadtverwaltung gebracht haben. Die wollte groß damit loslegen, ist aber bisher keinen Schritt weitergekommen. Wie enttäuscht sind Sie deswegen?

Ich war sehr enttäuscht und habe das auch zum Ausdruck gebracht. Nachdem ich im Jahr 2014 von dem Positivbeispiel Altena erfahren hatte, habe ich viel recherchiert und Vorarbeit geleistet, wie man solch ein Konzept wie dort in Achim aufziehen kann, um unsere Leerstände zu füllen. Das hatten wir auch alles besprochen, passiert ist dann aber nichts. Und nun macht es uns die Stadt Verden vor.

Woran liegt das?

Weil es nicht für wichtig genug genommen wird. Das zeigt allein schon die personelle Ausstattung: Da ist niemand, der sich hauptamtlich um die Innenstadt kümmern kann, weil so viele Großprojekte anstehen, mit denen die Wirtschaftsförderung seit Jahren beschäftigt ist. Dabei besteht die Innenstadt aus so viel mehr als dem Einzelhandel – Kultur und Gastronomie sind ebenfalls Bestandteile des Gesamtbilds. Wir haben 32 000 Einwohner in der Stadt Achim und eine sehr gute Kaufkraft – da muss es doch möglich sein, dass wir es schaffen, dass die Leute ihr Geld hier ausgeben.

Sind denn jetzt, wenn die Stadt Achim es hinbekommen würde, Pop-Up-Läden in Ihren Augen immer noch ein probates Mittel, um Leerstände zu füllen oder hat sich das Konzept inzwischen überholt?

Das ist schon okay, man darf halt nicht zu lange warten. Nachdem damals der Brautmodenladen aus dem Nientkewitzhaus ausgezogen ist, hatte ich mit Geschäftsinhabern Gespräche geführt. Ich hatte vier kleine Läden überzeugt, die dort zusammen etwas machen wollten. Dann aber kam die Garde-Bäckerei, die dort hinein wollte, nach deren Insolvenz und dem Kauf durch Investor Bremermann steht jetzt aber nicht fest, wann es dort losgeht. Für die Zwischenzeit wäre eine Nutzung gut gewesen. Auch die weiteren Leerstände wie Gerry Weber, Bollywood, Deutsche Bank, Glückskind und die Fläche im Barfußhaus neben dem Computershop sowie demnächst Frauensache und die Foto-Ecke würden sich alle, da sie eine top Lage haben, für Pop-Up-Stores anbieten. Es gibt viele junge Leute mit Ideen, die bisher nicht zum Zuge kommen und für die ein risikoarmer Pop-Up-Laden eine Chance wäre, sich vielleicht auch dauerhaft zu etablieren. Aber selbst, wenn nun alles ganz schnell ginge, wäre ein Konzeptstart wohl nicht vor Herbst 2021 umsetzbar.

Wie wichtig ist dann in Ihren Augen für die Innenstadtläden das neue Portal achim.24, das jetzt freigeschaltet ist – ein digitales Branchenbuch für Achim, mit dem sich die Unternehmen präsentieren können?

Davon halte ich sehr viel. Es müssten sich nur auch alle Einzelhändler, die eine eigene Webseite haben, dort verlinken lassen und sich darstellen. Für einige könnte dies der erste Schritt hin zu einem Onlinehandel sein. Schließlich könnten sie sich von ihrem Lieferanten Produktfotos geben lassen und diese dort präsentieren. Die Beteiligung hat mit 130 von mehr als Tausend Gewerbetreibenden in Achim allerdings noch Luft nach oben. Schließlich ist das Angebot für die Firmen kostenlos.

Das Gespräch führte Kai Purschke.

Info

Zur Person

Rudi Knapp

ist seit vielen Jahren der Achimer Innenstadt-Kümmerer. Der 76-Jährige ist Ehrenvorsitzender der Unternehmergemeinschaft Achim (Uga) und Vizevorsitzender des Wirtschaftsbeirats Achim. Er organisiert Veranstaltungen wie das Maibaumfest, das Weinfest oder den Boxenstopp. Für die Einzelhändler in der Innenstadt ist der gelernte Einzelhandelskaufmann und Textilbetriebswirt ein wichtiger Ansprechpartner. Und das „seit ewig“, wie Knapp sagt.

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