Witwer ist enttäuscht Ungewissheit nach Achimer Urnen-Prozess

Udo Müller ist Betroffener im Achimer Urnen-Prozess. Denn der Verbleib der Urne seiner 2016 verstorbenen Frau Heidrun ist auch danach unklar. Auf der Suche nach Antworten kam er bei den Behörden nicht weiter.
26.02.2021, 15:27
Lesedauer: 7 Min
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Ungewissheit nach Achimer Urnen-Prozess
Von Kai Purschke

Vor fünf Jahren ist Heidrun Stich-Müller gestorben – am 11. Februar 2016, um genau zu sein. Seit ihrer Beisetzung besucht der 72-jährige Ehemann Udo Müller regelmäßig ihr Grab auf dem Friedhof in Baden. Dabei kann er sich inzwischen gar nicht mehr sicher sein, dass sich die Asche seiner verstorbenen Frau, mit der er über 40 Jahre lang verheiratet war, tatsächlich dort befindet. Wo sie ist, kann ihm auch niemand sagen. Und doch betont Udo Müller: „Dieser Ort war und bleibt der Ort des Abschiedes und der Erinnerung“.

Die Urne, in der seine Frau hätte beigesetzt sein sollen, fand sich nämlich nicht in dem Grab, das die Polizei Achim, im Zuge der Ermittlungen gegen den inzwischen rechtskräftig verurteilten Bestatter in den Fällen des Achimer Urnentausches am 15. Oktober 2019 geöffnet hatte, um die vom Gericht angeordnete Exhumierung umzusetzen. Udo Müller wohnte der Exhumierung bei, die erfolgen musste, weil die Kremierung von Heidrun Stich-Müller erst sieben Tage nach der Beisetzungszeremonie erfolgt war (dazu später mehr).

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„In dem Grab wurde eine runde schwarze Urne gefunden, nicht die sechseckige Schmuckurne Kiefer der Beisetzungszeremonie“, blickt der Witwer auf jenen Tag der Graböffnung zurück. Seitdem hadert er mit den Behörden und dem Rechtssystem und ist auf der Suche nach Antworten, hat eigene Recherchen angestellt, nachgefragt sowie wieder und wieder nach Auskünften verlangt. Noch im Oktober 2019 wollte die Polizei die vorgefundene Urne wieder beisetzen, was Udo Müller aufgrund der laufenden Ermittlungen den Beamten nicht gestattete.

„Der Verbleib der Schmuckurne, die sich in dem Grab hätte befinden sollen, ist ungeklärt“, bestätigt Martin Schanz, Sprecher der Staatsanwaltschaft Verden. Die stattdessen dort gefundene schwarze Urne, die am 3. März 2016 vom Bestatter abgeholt worden war, enthielt seltsamerweise einen beschädigten Aufkleber mit den Daten von Müllers Frau. Aber: „Enthalten war der Schamottstein eines Herrn, der erst am 22. März 2016 in Verden kremiert worden war“, sagt Müller und auch diese beiden Angaben bestätigt die Staatsanwaltschaft.

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Müllers Frau war am 29. Februar 2016 im Krematorium Verden (Feuerbestattungen Verden) kremiert worden. Generell wird auf einem feuerfesten Schamottstein eine Einäscherungsnummer vermerkt, die nur einmal existiert und die identisch ist mit einer Nummer, hinter der in einem Verzeichnis die Daten des oder der Toten hinterlegt sind. Der Stein wird bei der Kremierung dem Sarg zur Einäscherung beigelegt, befindet sich in den Ascheresten und wird mit in die Aschekapsel gebettet.

Kein DNA-fähiges Material

Was aber mit dem Schamottstein passiert ist, der der Asche der Frau von Udo Müller hätte beiliegen sollen, ist ungeklärt. „Ebenso, welche Identifikation zur Kremierung des Herrn am 22. März 2016 hinzugefügt wurde“, erzählt Müller. Unklar ist außerdem, wessen Asche sich nun in der im Grab vorgefundenen schwarzen Urne befunden hat, wie Martin Schanz sagt: „Nach eingeholter rechtsmedizinischer Auskunft lässt sich aus der Asche kein DNA-fähiges oder anderes Material sichern, um diese Frage aufzuklären“. Der Inhalt der vorgefundenen Urne konnte auch von Müller konsultierten führenden Wissenschaftlern nicht mehr analysiert und zugeordnet werden.

Das muss der Achimer Senior nun so hinnehmen, aber die Rolle, die das Krematorium Verden in der Sache gespielt hat, sei ihm mehr als suspekt. Zwar hatten laut der Staatsanwaltschaft und seinerzeit auch nach Angaben der Polizei die Krematoriumsmitarbeiter die Ermittlungen gegen den Achimer Bestatter überhaupt erst ermöglicht, weil sie eine Urne im Krematorium entdeckt hatten, die schon längst unter der Erde hätte sein sollen, aber Fehler sind wohl auch dem Krematorium selbst unterlaufen: Schamottsteine sind vertauscht worden.

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Udo Müller erzählt von einer „fahrlässigen Verwechslung der Steine mit ähnlicher Nummer durch Mitarbeiter des Krematoriums“, wie ihm die Polizei gesagt habe. Die Staatsanwaltschaft führt dazu auf Anfrage aus: „Es wurde von einem Versehen im Krematorium in Verden ausgegangen. Die beteiligten Mitarbeiter wurden als Zeugen vernommen. Ein Ermittlungsverfahren wurde insoweit nicht eingeleitet, weil keine zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für ein vorsätzliches Fehlverhalten vorlagen.“ Von weiteren Verwechslungen im Krematorium im Zuge der vertauschten Schamottsteine geht die Staatsanwaltschaft nicht aus. Udo Müller will den Fehler des Krematoriums nicht so einfach hinnehmen: „Es widerspricht meinem Rechtsempfinden, dass die Firma ,Feuerbestattungen Verden r.V.' trotz erwiesener Schlampereien unbehelligt davongekommen ist“.

Das Krematorium hält sich zu den Vorwürfen bedeckt, auf direkte Fragen unserer Redaktion geht Geschäftsführer Willy Hilling nicht ein. Offen bleibt somit, ob das Krematorium Udo Müller und die Behörden über den vertauschten Schamottstein überhaupt von sich aus informiert hätte, wenn dieser Umstand nicht im Zuge der Ermittlungen wegen der vom Bestatter vertauschten Urnen bekannt geworden wäre.

Vierfache Sicherheit

Hilling betont, „dass das Krematorium Verden für Würde und Transparenz“ stehe. Diesen Randbedingungen sei es zu verdanken, dass die Unregelmäßigkeiten des Bestatters aufgedeckt wurden. „Die Ermittlungsbehörden wurden jederzeit von uns in vollem Umfang bei der Aufklärung unterstützt“. Mehr Auskünfte könne das Krematorium wegen des Datenschutzes nicht geben. Aber es sei generell neben dem Vier-Augen-Prinzip eine vierfache Sicherheit vorhanden, „um sicher zu stellen, dass es zu keinen Verwechslungen der Verstorbenen kommen kann“. Wie es dann dennoch zu dem von den Behörden bestätigten Fehler im Fall von Heidrun Stich-Müllers Schamottstein kommen konnte, lässt Hilling offen.

Udo Müller helfen diese Aussagen nicht. „Aufgrund der offensichtlich schlampigen Arbeitsweise des Krematoriums muss ich mit der quälenden Ungewissheit leben, nicht zu wissen, wo meine Frau ihre letzte Ruhestätte gefunden hat“. Und er hat noch weitere Fragen, auf die er bisher keine Antworten bekommen hat, denn ihm sind weitere Ungereimtheiten aufgefallen.

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So ist die zeitliche Abfolge der Bestattung seiner Frau, wie er sie schildert, kurios gewesen: Der Zeitpunkt der Einäscherung war später als die Beerdigungszeremonie für Heidrun Stich-Müller. Dennoch: „Die Rechnung vom Krematorium an den Bestatter wurde nach der Kremierung am 29. Februar 2016 am gleichen Tag erstellt, der Bestatter hatte mir aber bereits am 22. Februar die Gesamtabrechnung inklusive Einäscherungskosten ausgestellt. Die habe ich auch umgehend beglichen. Per Zwangsvollstreckung erfolgte 2020 die Rückerstattung.“

Scheinbeerdigung blieb unbemerkt

Die Achimer Friedhofsverwaltung habe die Urnenbeisetzung dann für den 22. Februar freigegeben, obwohl laut Müller da noch gar keine Einäscherungsbescheinigung vorlag. „Diese wurde vom Krematorium korrekt auf den 29. Februar 2016 datiert und nach der Abholung der Urne durch den Bestatter erst am 3. März 2016 der Friedhofsverwaltung übergeben.“ Die aufgrund der nicht zueinander passenden Daten erfolgte „Scheinbeerdigung“ sei keinem aufgefallen.

Nach diesen Erlebnissen sind Udo Müller, der auch einen Rechtsanwalt eingeschaltet hatte, "Zweifel an der Kompetenz unserer staatlichen Institutionen" gekommen". Denn auch von der Geldstrafe auf Bewährung für den Bestatter ist Müller "als Betroffener", wie er betont, sehr enttäuscht. Seinen Worten nach hat der Bundesgerichtshof eine vorgetäuschte Beerdigung in einem vergleichbaren Fall mit einer Freiheitsstrafe geahndet. Dagegen wurde Udo Müllers Fall trotz Scheinbeerdigung, dem Fehler im Krematorium, dem Verschwinden der Schmuckurne und dem Verhalten des Bestatters sowie aller anderen erwähnten Inkonsistenzen strafrechtlich überhaupt nicht geahndet, worüber der Achimer nur den Kopf schütteln kann.

Während übrigens die Staatsanwaltschaft laut Sprecher Schanz davon ausgeht, dass Udo Müllers Frau „auf dem Friedhof in Baden begraben wurde“, möchte der Witwer jetzt einen Schlussstrich ziehen. Er will keine weiteren Hintergründe erforschen, zumal das Gericht im Fall des Achimer Bestatters keine Revision zugelassen hat. Müller möchte daher, so gut es eben geht, nun den Ist-Zustand abschließen. „Ich werde meinen Nerven und meiner Gesundheit etwas Erholung gönnen“.

Info

Zur Sache

Der Fall des Urnentausches

Im August 2019 waren die Ermittlungen gegen den Achimer Bestatter bekannt geworden, die die Polizei Achim und die Staatsanwaltschaft Verden seit Juli wegen des Verdachts der Störung der Totenruhe geführt hatten. Mitarbeitern des Krematoriums in Verden aufgefallen, dass eine Urne noch im Krematorium aufbewahrt wurde, obwohl die Beisetzung des Verstorbenen bereits stattgefunden hatte. Nach Überprüfung der Urne in dem frischen Grab wurde der Verdacht der Beamten bestätigt und die richtige Urne konnte ins Grab gesetzt werden. Bei der notwendigen Öffnung eines zweiten Urnengrabes durch die Polizei ergab sich abermals der Verdacht, der sich dann ausgeweitet hatte.

Im Oktober 2019 verfolgte die Staatsanwaltschaft dann acht Verdachtsfälle. Im Frühjahr 2020 erklärte die Staatsanwaltschaft, dass insgesamt in 13 Fällen gegen den Bestatter ermittelt worden war. In einem Fall wegen Betrugs, weil er die Beisetzung vorsätzlich nicht so ausgeführt haben, wie sie beauftragt worden war. In einem anderen Fall war Verjährung eingetreten, in zwei Fällen konnte der Vorwurf entkräftet werden und in einem weiteren Fall konnte dem Beschuldigten kein Fehlverhalten nachgewiesen werden.

Das Gerichtsverfahren gegen den unter Depressionen leidenden, geständigen Bestatter war im Oktober 2020 abgeschlossen worden. Zu diesem Zeitpunkt war dem 57-Jährigen die Berufslizenz bereits entzogen worden. Er hat sich laut Gericht in den Jahren 2016 bis 2019 in acht Fällen der Störung der Totenruhe schuldig gemacht. Er bekam eine Geldstrafe auf Bewährung und muss, wenn er zwei Jahre lang straffrei bleibt, die festgesetzte Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 25 Euro nicht zahlen.

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