Interview mit Achims Bürgermeister

„Das wird in die Geschichte eingehen“

Die Corona-Pandemie macht auch vor einem Bürgermeister und seiner Familie nicht Halt. Wie Achims Verwaltungschef Rainer Ditzfeld damit umgeht und was sie für Achims Haushalt bedeutet, haben wir ihn gefragt.
31.03.2020, 17:44
Lesedauer: 5 Min
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„Das wird in die Geschichte eingehen“
Von Kai Purschke
„Das wird in die Geschichte eingehen“

Achims Bürgermeister Rainer Ditzfeld versucht, in der Corona-Krise so authentisch wie möglich zu bleiben und zu agieren.

Björn Hake
Herr Ditzfeld, die wohl wichtigsten Fragen derzeit: Geht es Ihnen gut und haben Sie für Ihre Familie genügend Toilettenpapier zu Hause?

Rainer Ditzfeld: Es geht mir gut und wir haben den ganz normalen Vorrat an Toilettenpapier da, ein Paket mit zehn Rollen. Wenn das aufgebraucht ist, kaufen wir ein neues Paket. Das hat bisher immer gut geklappt.

Sehr löblich. Inwieweit haben Sie Verständnis dafür, dass es auch in Achim zu Hamsterkäufen wegen der Corona-Pandemie kommt?

Bei den Älteren ist sicherlich die Angst da, irgendwann wegen einer Ausgangssperre nicht mehr die Möglichkeit zu haben, rauszugehen. Und die Erfahrungen aus dem Krieg spielen sicher auch eine Rolle, nach dem Motto: Was man hat, das hat man. Aber ich sehe auch Jüngere mit sehr vielen gleichen Produkten im Wagen. Allerdings sind unsere Supermärkte und Discounter so gut ausgestattet, dass Sonntagsöffnungen nicht notwendig sind. Meine Sorge ist hier viel eher das Personal in den Märkten. Wie lange halten sie den Druck aus. Ich glaube, eine Sonntagsöffnung der Märkte wäre der falsche Weg. Die Mitarbeiter brauche auch mal einen Tag zum Luft holen.

Homeoffice kommt für einen Bürgermeister wohl nicht in Frage, wie gehen die Ditzfelds ansonsten privat mit der Situation um? Wie begegnet ihre Familie im Alltag, etwa beim Einkaufen, der Corona-Pandemie?

Es geht immer nur einer von uns zum Einkaufen, nie zwei zusammen. Sämtliche Sicherheitsaspekte werden beachtet. Aber es ist auch so, dass wir nach Feierabend vermehrt in der Familie zusammensitzen und spielen, das eine oder andere Puzzle wurde auch schon herausgeholt. Gerade für unsere drei Kinder ist es schon eine ganz neue Situation, so eng ans Haus gefesselt zu sein. Ich fahre nach wie vor täglich ins Rathaus, arbeite dann abends aber auch per Tablet und Telefon zu Hause weiter.

Eigentlich wollte ich ja heute mit einigen Kindern, die den Zukunftstag beim ACHIMER KURIER verbringen sollten, zu Ihnen ins Büro kommen, damit die Kids Sie löchern können: Stattdessen sitze ich im Homeoffice und telefoniere mit Ihnen, weil man wegen des Coronavirus auf vermeidbare Bewegungen und Kontakte verzichten soll – hätten Sie solch eine Situation jemals für möglich gehalten?

Nein! Das war weder abzusehen, noch habe ich es für möglich gehalten, dass wir nicht nur in Deutschland, sondern weltweit in solch eine Situation geraten. Gleichzeitig hätte ich aber auch nicht gedacht, dass sich so viele Menschen an die Verfügungen halten, denn nur so schaffen wir es, die Lage in den Griff zu bekommen. Weil es sich um eine Pandemie handelt und nicht um eine regionale Thematik, die sich in einem Land oder auf einem Kontinent abspielt, sondern weltweit, denke ich, dass der Coronavirus in die Geschichte eingeht und man sich auch in Jahrzehnten an diese Pandemie erinnern und davon sprechen wird.

Wie gehen Sie als Stadtoberhaupt persönlich mit der Situation um: Ziehen Sie sich bewusst mehr zurück oder gehen Sie erst recht nach vorne, um Stärke und Zuversicht zu zeigen?

Ich versuche, mich so authentisch und normal wie immer zu verhalten – natürlich unter Einhaltung der Regeln, etwa was den Abstand zueinander angeht. Ich kaufe selbst in den noch offenen Geschäften ein, besuche den Wochenmarkt, führe Gespräche, wenn ich angesprochen
werde. Auch aus unseren gastronomischen Betrieben haben wir schon etwas abgeholt. Besonders dankbar bin ich für das Engagement von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Rathaus. Ich kann mich auf sie voll und ganz verlassen. Zusammen schaffen wir es, dass wir unsere Pflichtaufgaben auch weiterhin erfüllen können.

Düften Sie als Bürgermeister, der schon im Jahr 2021 wiedergewählt werden will, überhaupt Schwäche zeigen und wenn ja, wie äußert die sich bei Ihnen?

Ich glaube schon, dass man Schwäche zeigen kann. Niemand kann immer nur stark sein und so ist Schwäche zeigen vielleicht auch eine Stärke. Meine große Schwäche ist die Ungeduld. Ich komme aus der freien Wirtschaft und musste als Bürgermeister erstmal lernen, dass es in vielen Bereichen nicht alles so schnell gehen kann, wie ich es gerne hätte.

Die Achimer Innenstadt ist da sicher ein gutes Beispiel oder?

Ja, auf jeden Fall. Da gibt es wie in einem Unternehmen leider nicht den einen Chef, der entscheidet und dann passiert das auch so. Da kommen verschiedene Faktoren zusammen, die Eigentümer, die Genehmigungsbehörden, neue Mieter, die Politik, die Bürgerbeteiligung – da dauert es nun mal länger, alle unter einen Hut zu bekommen bis positive Entwicklungen eintreten können.

Da vor allem jetzt, wo das öffentliche Leben auch in Achim bereits nahezu komplett zum Erliegen gekommen ist. Welche Bereiche dürften Ihrer Meinung die größten Probleme bekommen oder haben diese bereits?

Die Handwerker stehen derzeit wohl noch gut da und sicher machen auch die Supermärkte gute Umsätze. Aber alle anderen Branchen werden schwer getroffen, wenn ich da nur an die Dienstleister und unsere Einzelhändler oder Gastronomen denke. Und auch die großen Unternehmen in Achim bekommen Probleme, wenn Kurzarbeit und Produktionsstopps eintreten.

Das wiederum dürfte sich doch auch auf den Achimer Haushalt auswirken, weil die Einkommens- und Gewerbesteuern nicht mehr in dem Maße fließen oder?

Leider ja. Gerade erst am Donnerstag haben wir den ersten Nachtragshaushalt für das Jahr 2020 verabschiedet, ich gehe aber davon aus, dass wir einen zweiten Nachtragshaushalt aufstellen müssen. Und auch in den Beratungen für den neuen Doppelhaushalt 2021/2022 müssen wir uns mit der neuen Sachlage beschäftigen und unsere Prognosen anpassen. Es wird für uns alle in nächster Zeit nicht einfacher werden.

Neben den finanziellen Folgen der Corona-Pandemie stehen die gesundheitlichen Folgen auf der Schreckensliste. Wie vermessen ist es aus Ihrer Sicht nach dem Motto „Zwei Seiten einer Medaille“ zu behaupten, dass in der Situation wenigstens ein bisschen Gutes liegt: Die Natur kann mal durchatmen, die Menschen helfen sich gegenseitig und man besinnt sich auf das, was wirklich wichtig ist: Solidarität, Gesundheit und Familie?

Auf der einen Seite stehen tatsächlich die gesundheitlichen und finanziellen Folgen, die noch gar nicht absehbar sind. Andererseits sehe ich eine Riesenchance ähnlich wie bei der Flüchtlingskrise darin, dass sich die Menschen derzeit so solidarisch zeigen, sich helfen und ideell zusammenstehen. Ich hatte nicht vermutet, dass der Ausspruch „Wir schaffen das“ jetzt so gelebt wird. Meine Hoffnung ist, dass dies auch in den nächsten Jahren noch ein wenig so bleibt.

Gerade Sie haben ja immer wieder davon gesprochen, dass es dieses beschriebene Wir-Gefühl auch in Achim braucht und fordern es bei jeder Gelegenheit ein, spüren Sie es also vor Ort verstärkt derzeit?

Das kann man so sagen, ja. Wenn ich allein die Ortsteile sehe, da guckt in der derzeitigen Situation keiner mehr nur auf sich. Als Beispiel fallen mir spontan die Feuerwehren ein. Die sprechen sich auf Kreisebene ab und organisieren sich über die Gebietsgrenzen hinaus. Das ist sehr beeindruckend und ebenso kann man das auf viele andere Initiativen übertragen, die gerade ins Leben gerufen werden. Schauen Sie sich allein die sozialen Netzwerke und die Achimer Gruppen darin an. Und das Schöne: Alle scheinen sich auf die derzeitigen Abstandsregelungen und Kontaktsperren einzulassen. Bei meinen Fahrten durch die Ortsteile sehe ich jedenfalls keine größeren Gruppen mehr, das lässt mich hoffen, dass wir so alle gemeinsam zum Ende der Corona-Krise beitragen können!

Das Gespräch führte Kai Purschke.

Info

Zur Person

Rainer Ditzfeld

ist seit dem 1. November 2014 Bürgermeister der Stadt Achim. Der 58-Jährige lebt mit seiner Familie in Achim-Borstel, ist verheiratet und hat drei Kinder (15, 22 und 25). Er ist gelernter Kundendiensttechniker für Großküchen und Krankenhausgeräte.

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