Interview zum Schulbus-Chaos

„Aktuell ist es eher ein fragiles Konstrukt“

Der Wechsel des Busbetreibers sorgte im Verdener Nordkreis nach den Sommerferien für einige Probleme. Dieses Chaos hätte man teilweise vorhersehen können, sagen Vertreter des Fahrgastbeirates.
05.02.2018, 16:24
Lesedauer: 4 Min
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„Aktuell ist es eher ein fragiles Konstrukt“
Von Elina Hoepken
„Aktuell ist es eher ein fragiles Konstrukt“

Die Bus-Situation im Sommer und Herbst vergangenen Jahres war auch für die Vertreter des Fahrgastbeirates bisher einmalig. Besonders betroffen von dem Chaos war die Schülerbeförderung.

Björn Hake

Sie sind heute pünktlich zum Interviewtermin gekommen. Dann sind Sie offenbar nicht mit dem Aller-Weser-Bus gefahren?

Ingo Ostermann: Nein. Ich komme aus Oyten und da sind die Busverbindungen teilweise etwas beschwerlich.

Gregor Voßhal: Mittlerweile ist seit Anfang des Jahres auch eine gewisse Verbesserung bei der Verlässlichkeit der Busverbindungen eingetreten. Zumindest, wenn man es daran festmacht, was beim Fahrgastbeirat als Beschwerde angekommen ist.

Das war im Sommer und Herbst sicherlich noch anders.

Voßhal: Ja, auf jeden Fall. Ich würde sagen in Spitzenzeiten waren es wohl im Schnitt 15 bis 20 Beschwerden pro Tag.

Läuft der Busverkehr im Nordkreis denn mittlerweile wieder wie vor dem Betreiberwechsel?

Voßhal: Mein erster Eindruck ist, dass wir auf einem guten Weg sind. Ich glaube, man muss schauen, wie es weitergeht. Was passiert zum Beispiel bei der nächsten Grippewelle, was bei Umleitungen?

Ostermann: Oder auch nur bei einem neuen Stundenplan bei den Schulen. Es ist die Frage, inwieweit ein solches Unternehmen auch disponieren und die Kapazitäten kurzfristig anpassen kann.

Voßhal: Gefühlt ist es aktuell eher ein fragiles Konstrukt und es wird sich zeigen, wie stabil es ist.

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War ein solches Bus-Chaos auch für Sie außergewöhnlich?

Ostermann: Definitiv. Wir hatten bisher noch nie eine Situation, wo der Personennahverkehr in diesem Ausmaß zusammengebrochen ist. Und wir hatten auch noch nie eine solche Welle von Anfragen, die wir beantworten mussten. Viele haben uns als offizielle Beschwerdestelle des VBN gesehen. Was wir aber natürlich nicht sind.

Was ist denn genau die Aufgabe des Fahrgastbeirates?

Voßhal: Wir sind ein politisch gewolltes Gremium. Als der VBN vor 20 Jahren gegründet wurde, hat man sich überlegt, wie man es einrichten kann, dass die Fahrgäste eingebunden werden. Im Beirat hat man Vertreter von diversen Organisationen und der Landkreise und kreisfreien Städte, die für Interessen der verschiedenen Fahrgastgruppen eintreten.

Die Interessen der Fahrgäste können ja recht unterschiedlich sein. Wie schafft man da einen Konsens?

Ostermann: Wir können uns nicht ausschließlich auf die „Mikroebene“, also zum Beispiel auf eine einzelne Haltestelle, fokussieren, sondern müssen übergeordnet sehen, dass wir Verbesserungen in Tarifen oder Fahrzeugtaktungen hinbekommen. Vorrangig setzen wir uns mit Verkehrsunternehmen auseinander, um Verbesserungen in Gänze zu bewirken.

Inwieweit hatten Sie Handlungsspielraum bei den Bus-Problemen im Verdener Nordkreis?

Voßhal: Um ehrlich zu sein, hat es sich fast nur darauf beschränkt, dass wir Hilfestellungen gegeben haben und die Beschwerden, die bei uns eingegangen sind, an die übergeordnete Stelle weitergegeben haben, damit sichergestellt ist, dass alles dort aufläuft. Wir hatten aber bereits im Vorfeld versucht, Gehör zu finden. Wenn man ketzerisch ist, könnte man sagen, es wollte nicht gehört werden.

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Haben Sie denn vorher geahnt, dass es ein solches Chaos geben würde?

Ostermann: Es gab durch andere Ausschreibungen Vorahnungen, dass eine Übernahme durch ein anderes Unternehmen nicht geräuschlos funktioniert. Welche Ausmaße das konkret in Verden und Osterholz angenommen hat, ist aber schon exorbitant gewesen.

Voßhal: Wir haben im Vorfeld beim Landkreis im entsprechenden Ausschuss vorgesprochen und unsere Bedenken kundgetan. Das ist aber nur zur Kenntnis genommen worden. Und dann ist es eben passiert: Wir hatten Unfälle mit Verletzungen, wir hatten Kinder, die einfach stehen gelassen wurden, wir hatten große Irritationen bei allen Fahrgästen, weil Busse einfach gar nicht gekommen sind.

Was hätte man besser machen können?

Ostermann: Ein großes Problem war die schlechte Informationspolitik, gerade auch zwischen ZVBN und den Schulen. Es nützt nichts, wenn man sich schöne neue Fahrpläne überlegt und die dann erst einen Tag vor dem Ferienende publiziert. Hinzu kommt dann noch, dass Weser-Ems-Bus mit Subunternehmern gearbeitet hat, die ortsunkundiges Personal einsetzen mussten.

Hat der Landkreis bei der Vergabe an das günstigste Unternehmen in Kauf genommen, dass es Probleme geben würde?

Ostermann: Das Problem bei einer EU-Ausschreibung ist, dass man eigentlich gezwungen ist, das günstigste Angebot, was den Kriterien entspricht, anzunehmen. Ich denke, dass das Thema EU-Ausschreibungen auf Bundesebene diskutiert werden muss. Insbesondere private Busunternehmen sind benachteiligt, weil die großen Konzerne ganz andere Möglichkeiten haben, sich an Ausschreibungen zu beteiligen – vom Knowhow, von der Organisation und auch von der Marktdominanz her.

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Muss man bei zukünftigen Ausschreibungen, etwa für den Verdener Südkreis, mit einem ähnlichen Chaos rechnen?

Voßhal: Die Frage ist ja, was man aus der Situation im Nordkreis gelernt hat. Man muss zukünftig schauen, wie man die Verträge gestalten kann, wie genau eine „Schlechtleistung“ definiert ist. Im aktuellen Fall war die rote Linie offenbar noch nicht überschritten. Eine gewisse Prozentzahl der Fahrten muss nicht oder fehlerhaft erbracht werden, um eine Kündigung des Betreibers zu rechtfertigen. Das ist hier aber nicht passiert. Denn wenn man nur die Schülerbeförderung betrachtet, ist das eine verhältnismäßig kleine Größe – gerade auch mit Blick auf das Gesamtnetz. So lässt sich eine solche Zahl schnell kleinrechnen. Ich habe aber den Optimismus, dass man viel aus der Situation im Nordkreis gelernt hat.

Hat ein solches Bus-Chaos langfristig Einfluss auf die Fahrgastzahlen?

Ostermann: Solche Vorgänge wie diese Desaster haben definitiv Auswirkungen auf das Fahrgastpotenzial, weil es sich einprägt. So könnten beispielsweise Pendler wieder auf das Auto umsteigen, weil sie feststellen, dass Zug und Bus nicht verlässlich genug sind. Für die Attraktivitätssteigerung des ÖPNV ist es sicherlich kontraproduktiv.

Einen ähnlichen Einfluss haben vermutlich auch ständig steigende Ticketpreise.

Ostermann: Fahrpreise sind für uns immer ein Thema. Wir sind der Meinung, dass man bei den Erhöhungen mal eine Pause einlegen muss. Preis und Leistung passen nicht zusammen, je weiter man von den Städten wegkommt. Um das Busfahren attraktiver zu machen, muss man aber auch an den Taktungen arbeiten. Auf den Hauptachsen sollte mindestens jede Stunde, besser noch jede halbe Stunde ein Bus fahren. Und auch an den Wochenenden und in den Abendstunden müssen auf dem Land Fahrten angeboten werden.

Das Gespräch führte Elina Hoepken.

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