Am 28. April 1945 endete der Zweite Weltkrieg in dem Wümme-Ort mit dem Einmarsch der britischen Verbände

Als die Panzer durch Ottersberg rollten

Ottersberg. Der 28. April 1945 ist für die Gemeinde Ottersberg ein historischer Tag.
17.04.2015, 00:00
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Als die Panzer durch Ottersberg rollten
Von Lars Köppler
Als die Panzer durch Ottersberg rollten

Waren es Besatzer oder Befreier? Vier Mitglieder der belgischen Militärpolizei ließen sich im April 1945 in lässiger Pose in der Bahnhofstraße in Ottersberg ablichten.

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Der 28. April 1945 ist für die Gemeinde Ottersberg ein historischer Tag. Es war jener Tag vor 70 Jahren, als britische Panzer aus Sottrum kommend über die damalige Adolf-Hitler-Straße mitten durch Ottersberg rollten und die Menschen vom Nationalsozialismus befreiten. Die älteren Einheimischen verknüpfen mit dieser Straße, die mittlerweile Große Straße heißt und heute die Hauptverkehrsader in dem Wümme-Ort ist, immer noch viele Erinnerungen. Friedrich Bartels und seine Historiker-Kollegen aus dem Ottersberger Kulturverein im Rektorhaus haben sich auf Spurensuche begeben.

„Das Kriegsende, der Einmarsch der alliierten Truppen, war für uns Deutsche eine Befreiung. Mit Fug und Recht kann man das auch über den 28. April 1945 in Ottersberg sagen“, stellt Bartels fest. Doch die Befreier kamen in vielen Fällen zu spät. Zahlreiche Ottersberger Gebäude waren unter dem Dauerbeschuss zerstört worden, eine Spur der Verwüstung zog sich durch den Ort. Tagelang waren die Ottersberger schutzlos der schweren Artillerie der alliierten Streitkräfte ausgesetzt gewesen.

Zerstörte Gebäude, zwölf Tote

Mit Entsetzen, so belegen es die Annalen der Geschichtsbücher, habe Sattlermeister Heinrich von Bargen erkannt, dass er die Sprengung der Brücke vor seinem Haus – dem heutigen Wohn- und Pflegezentrum ProSenium – durch die Wehrmachtspioniere nicht verhindern konnte. Doch weitaus schwerer als die Zerstörung der Gebäude wog der Verlust von Mitbürgern, die in diesen Kriegstagen ihr Leben ließen.

„Die Ottersberger mussten zwölf Tote aus der Zivilbevölkerung beerdigen“, erzählt Friedrich Bartels, der anmerkt: „In den vergangenen 70 Jahren sind diese Tage in Zeitungen und anderen Publikation mehrfach geschildert und von den Zeitzeugen oft beklagt worden. Dabei dürfen wir nie vergessen, dass Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg begonnen und ihn teilweise in bestialischer Weise geführt hat.“ In Ottersberg habe sich derweil schon früh Resignation breit gemacht. Den Menschen sei schon Anfang April klar gewesen, dass der Krieg verloren sei, so Friedrich Bartels.

Überlieferungen aus der Schulchronik besagen, dass Hauptlehrer Gustav Wrede einst den Unterricht beendete, um die Kinder mit der angespannten Atmosphäre nicht weiter zu belasten und die Schulräume für geschundene Wehrmachtssoldaten frei zu halten. Und doch habe es Ottersberger gegeben, die noch immer an den „Endsieg“ glaubten. So legt es jedenfalls eine Begebenheit aus den letzten Kriegstagen nahe.

Der letzte Ortskommandant hatte in der Adolf-Hitler-Straße zwei Panzersperren errichten lassen, obwohl klar war, dass die Briten sich den Weg mit ihren Panzerkanonen frei schießen würden, sollten sie auf irgendwelche Hindernisse treffen.

„Zwei Hauseigentümer in unmittelbarer Nähe des Hindernisses fürchteten um ihre Gebäude und begannen, die Panzersperre wieder abzubauen“, erzählt Friedrich Bartels. Ein Fanatiker habe derweil versucht, die Männer bei dieser Arbeit zu behindern und sich an die örtliche Polizei-Dienststelle gewandt. „Die Beamten haben dann die Festnahme der Hausbesitzer veranlasst.“ Das Duo, so heißt es in den historischen Schriften, sei in einen Hauskeller im Alten Weg eingesperrt worden.

Der Sohn eines der Inhaftierten erfuhr schließlich bei den letzten verbliebenen Wehrmachtsoffizieren im Ortsteil Campe, dass sein Vater und der Mitgefangene vor ein Kriegsgericht gestellt werden sollten. „Ihnen drohte die Todesstrafe“, weiß Friedrich Bartels zu berichten.

Eine ernst zu nehmende Drohung, waren doch am Tag zuvor zwei Jugendliche wegen Fahnenflucht von einem Schnellgericht verurteilt, in Eckstever erschossen und deren Leichen auf einer Wiese verscharrt worden.

Selbiges Schicksal blieb den Kellergefangenen jedoch erspart. Am frühen Morgen des 28. April rückten die ersten britischen Verbände von Stuckenborstel aus in Ottersberg ein und verhinderten die Exekution der sogenannten „Wehrkraftzersetzer“. In dem Wümme-Ort war der Krieg somit bereits zehn Tage vor der eigentlichen Kapitulation der deutschen Wehrmacht vorbei. „Was blieb, waren Gefallene, zivile Opfer und Soldaten, die in den nächsten Jahren an den Folgen ihrer schweren Verletzungen verstarben sowie mehrere getötete Zwangsarbeiter“, berichtet Friedrich Bartels.

200 Menschen seien es insgesamt gewesen, die im Flecken Ottersberg während des Zweiten Weltkriegs ihr Leben ließen.

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