Eltern von Sternenkindern tun sich in Gruppe zusammen / Trauer um einen geliebten Menschen Auch ein kurzes Leben ist ein Leben

Achim. Sie wiegen meist nur wenige Hundert Gramm – die Kinder, die man Sternenkinder nennt. Sie sind nur auf kurzem Besuch in der Welt, denn sie sterben vor, während oder ganz kurz nach der Geburt.
12.11.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Tina Hayessen

Sie wiegen meist nur wenige Hundert Gramm – die Kinder, die man Sternenkinder nennt. Sie sind nur auf kurzem Besuch in der Welt, denn sie sterben vor, während oder ganz kurz nach der Geburt. Wie viele Eltern in Achim und Umgebung mit dem unfassbar frühen Tod ihrer Kinder leben müssen, wissen Kerstin Flato und Stefanie Gebers nicht. Doch es sind offenbar deutlich mehr, als die beiden Frauen erwartet hätten. Kerstin Flato und Stefanie Gebers haben selbst Sternenkinder zu betrauern. Vor einem Jahr riefen sie in Achim andere Mütter und Väter auf, eine Gruppe zu bilden. „Unser Telefon stand nicht still“, hält Stefanie Gebers fest. Auch auf der Straße seien sie angesprochen worden. Mal meldeten sich Betroffene, mal Eltern, Geschwister, Freunde von ihnen, die einfach nur sagen wollen: Gut, dass da mal jemand drüber spricht.

Denn auch wenn sich in den vergangenen Jahren viel getan habe: Enttabuisiert sei das Thema Sternenkind noch längst nicht, versichern die beiden Frauen. Erst seit wenigen Jahren ist es erlaubt, auch Kinder, die unter der so entscheidenden 500-Gramm-Grenze liegen, zu begraben – und damit einzuräumen, dass das ein Mensch war, der da sein Leben verloren hat. Wer seine Trauer nicht zeigen, nicht leben darf, hat damit womöglich jahrzehntelang zu kämpfen. Das zeigt auch das Beispiel einer Frau, die vor 45 Jahren ihr Kind verlor – und nun in der Gruppe von Gebers und Flato über ihre Probleme spricht. „Sie sagte, sie konnte mit niemandem darüber reden. Man hat ihr das Kind einfach abgenommen, sie hat es nicht einmal gesehen, sie weiß nicht, wo es begraben liegt. Man hat einfach getan als ob nichts gewesen wäre“, zeichnet Flato ein Bild von der grausam-emotionslosen Praxis in den frühen 70er Jahren.

Davon ist man weg. Und doch: Neben der Trauer bleiben den Sterneneltern weitere, zum Teil gut gemeinte, Schikanen nicht erspart. Die Reaktionen von Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen könnten unterschiedlicher kaum sein, sind sich auch Frauke und Alexander Stoll einig. Das Paar verlor sein Kind nur kurz nach der Hochzeit. Natürlich wussten alle, die den Babybauch bei der Trauung gesehen haben, dass ein Kind unterwegs war. Mehr als einmal habe sie, erzählt Frauke Stoll, gehört: „Ihr seid ja noch jung“ – den zweiten Teil des Satzes sprechen die anderen Eltern im Chor mit „ihr könnt ja noch Kinder kriegen“. Ja, diese Reaktion kennt man hier. Und sie ist, so nett die Absicht zu trösten sein mag, nicht erwünscht. „Ich sage doch auch nicht, wenn jemand seine Oma verloren hat, ,du hast ja noch eine zweite’“, veranschaulicht Stefanie Gebers das Problem. Niemand der hier Anwesenden möchte sein verstorbenes Kind missen. Die Eltern machen unmissverständlich klar: Sie wollen trauern, nicht vergessen.

Die Tränen der Rührung treibt es Frauke Stoll in die Augen als sie davon erzählt, wie einige Menschen in ihrer Umgebung genau die Reaktion gezeigt haben, die sie gebraucht hat. Die Nachbarn hatten zur Beerdigung ihres Babys Geld gesammelt, um ihre Trauer mit einem Herz aus Blumen zu zeigen. „Sie haben gesagt, wenn wir zusammen feiern können, können wir auch zusammen trauern.“ So kann es auch gehen.

Zusammen sein, nicht alleine mit einer derart einschneidenden Erfahrung zu bleiben, das sollen die Eltern in ihrer Gruppe können – ganz unverbindlich, ohne feste Zu- und Absagen. Wobei es eben nicht darum gehe, Träne auf Träne folgen zu lassen und im Leid zu zergehen, versichert Alexander Stoll. „Ich hab’ ganz am Anfang schon gesagt: Sobald ich das Gefühl habe, hier geht es nur um die Trauer, man zieht sich gegenseitig runter, bin ich weg.“ Doch das sei in der Gruppe junger Eltern – viele der Sternenkinder haben Geschwister – ganz und gar nicht so. Man unterhält sich über die Kinder, über Fußball, Politik, kleine und große Probleme, skizzieren die Eltern ihre Treffen. Und zwischendurch fallen eben auch Tränen, wenn es um die harten Realitäten einer trauernden Familie geht. „Man braucht so einen Ort, um damit klarzukommen, ich sage extra nicht, darüber hinwegkommen. Denn darüber hinwegkommen wird man nie“, hält Alexander Stoll fest. Man backt, wie Kerstin Flato, weiterhin zum Geburtstag der toten Tochter einen Kuchen, den die Familie isst und der kleinen Matilda gedenkt. Man bekommt, wie Stefanie Gebers, von der aufmerksamen Freundin einen Baum geschenkt, der Schmetterlinge anzieht – denn Sternenkinder werden auch Schmetterlingskinder genannt.

Ihre Erfahrungen wollen die Eltern weiterhin mit allen teilen, die wie sie trauern. „Wir haben auch Freunde von Betroffenen hier, sogar einen Großvater“, macht Kerstin Flato deutlich, dass jeder ehrlich Interessierte willkommen ist. Bewusst habe man mit dem Bürgerzentrum Achim (Magdeburger Straße 11) einen Treffpunkt gewählt, der nicht konfessionell geprägt ist. Religiöse sind ebenso wie nicht religiöse Menschen eingeladen. Treffen sind immer am ersten Montag in geraden Monaten um 19.30 Uhr. Der nächste Termin ist der 7. Dezember.

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