Geschäftsbericht: Bambus-Firma aus Achim

Auf neuen Wegen mit altem Werkstoff

Plastikgabeln und Strohhalme hat die EU bereits verboten, daher wittert das Achimer Unternehmen Lotze & Partner die Chance, mit Besteck und Geschirr aus unbedenklich verarbeitetem Bambus Erfolg haben zu können.
03.06.2019, 15:53
Lesedauer: 3 Min
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Auf neuen Wegen mit altem Werkstoff
Von Kai Purschke

Gerade erst hat die Verbraucherzentrale wieder gewarnt: Mehrwegbecher aus Bambus können gesundheitsschädlich sein, denn das Geschirr bestehe, anders als oft behauptet werde, nicht vollständig aus Bambus. Meist werde nämlich der Kunststoff Melaminharz als Bindemittel zugefügt, erklärte etwa die Verbraucherzentrale Mecklenburg-Vorpommern. Werden dann heiße Getränke in den Becher gefüllt, könnten sich seine Bestandteile Melamin und Formaldehyd lösen und auf die Flüssigkeit übergehen. Nötig sind dafür Temperaturen von mehr als 70 Grad. "Und die erreicht auch ein Geschirrspüler nach dem Trockenvorgang durch den Hitzestau, wie man am Dampf merkt", sagt Heinz Sonneborn. Der Produktentwickler der Lotze & Partner GmbH in Achim möchte daher eine gesunde Variante vertreiben: Bambusgeschirr, das ohne Melaminharz auskommt und daher unbedenklich sei.

„Das ist spülmaschinenfest, besteht die sogenannte Speichelprobe und wird aus nur einem Bambusrohr geschnitten“, sagt Sonneborn und zeigt den Prototyp eines Bambus-Kaffeebechers. Derlei Becher, Messer, Gabeln, Löffel und Strohhalme, aber auch Teller möchte der Geschäftsmann unter dem Markennamen KUL Bamboo in sein Sortiment aufnehmen. Im Showroom neben dem Firmenbüro auf dem Desma-Gelände dominiert Bambus, denn das ist der natürliche Rohstoff, dem sich Sonneborn verschrieben hat. „Schon vor Jahren haben ich gesagt, dass erst 40 Prozent der Möglichkeiten, die dieser Werkstoff bietet, bekannt sind. Das würde ich heute noch genau so formulieren, so vielseitig ist Bambus“, schwärmt der 62-Jährige.

Die Geschäftsführerinnen der Firma sind Gabriele Lotze und Regina Midderhoff, der Handwerker im Team ist Heinz Sonneborn. Mit Fenstern aus Bambus hat das Unternehmen vor einigen Jahren den Preis im Wettbewerb „Deutschland – Land der Ideen“ gewonnen und Fenster gehören neben Parkett und Terrassendielen weiterhin zu den Produkten aus Bambus, die die Firma am meisten verkauft. Sie arbeitet unter anderem mit der Technischen Universität Dresden zusammen, die sich auch mit dem Geschirr aus Bambus beschäftigt.

Sonneborn und das Geschäftsführerinnen-Duo glauben nämlich, die Zeit für schadstofffreie Bambusprodukte besser gar nicht sein könne, jetzt da die EU Plastikgeschirr zunehmend verbietet.„ Da dürfte eine Welle sehr zweifelhafter Produkte als Ersatz auf den Markt kommen“, vermutet er und spricht vom mit Melaminharz verklebten Bambus, der „höchst bedenklich“ sei. Daher glaubt er an sehr gute Chancen für seine Produkte: „Mit der hygienischen Beschichtung der Bambus-Strohhalme haben wir ein einzigartiges Alleinstellungsmerkmal.“ Denn wenn diese nicht beschichtet seien, würden sie die Farbe des Getränkes annehmen, in dem sie sich befinden. Tests etwa mit Cola hätten dies gezeigt. Für die KUL-Bamboo-Produkte liefen nun die letzten Tests, um auch all die Qualitätszeichen zu bekommen, die dem Kunden die Unbedenklichkeit der Produkte bescheinigen.

Schon jetzt seien die Rückmeldungen von Eingeweihten sehr positiv, erklärte Sonneborn. Das habe sogar schon dazu geführt, dass der erste Investor Interesse gezeigt hatte. „Leider passte da die Chemie nicht“, erzählt Sonneborn, der so hohe Erwartungen an seinen Plastikersatz aus Bambus hat, dass er eine separate Vertriebsfirma gründen wolle – mit Sitz in Achim.

Bislang aber ist die neue Produktgruppe noch nicht offiziell Bestandteil des Sortiments, das auch Bambuszäune und -fassaden umfasst. Die Produkte würden aus chinesischem Höhenlagen-Bambus gefertigt und an Großabnehmer wie Baumärkte aber auch an den Endkunden vertrieben. Hölzer benötigen laut Sonneborn je nach Sorte zwischen zehn und 80 Jahren, bis sie erntereif sind. Bambus könne in der gleichen Zeit die mindestens 20-fache Menge an Material hervorbringen wie Holz. Oder anders ausgedrückt: Eine Buche brauche 25 Jahre, bis sie erntereif sei, Bambus schaffe dies je nach Sorte schon nach fünf Jahren.

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