Interview mit Stephan-Uwe Lagies von der RWE Dea zu Sanierungsfortschritten in Völkersen „Benzolwerte gehen nun deutlich zurück“

Die erste Aufregung um die Benzolfunde im Erdgasfeld Völkersen hat sich gelegt, die Sanierung ist angelaufen. Anke Landwehr führte mit Stephan-Uwe Lagies, dem Leiter Unternehmenskommunikation der RWE Dea, per E-Mail ein Interview über den Stand der Dinge.
04.08.2012, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Die erste Aufregung um die Benzolfunde im Erdgasfeld Völkersen hat sich gelegt, die Sanierung ist angelaufen. Anke Landwehr führte mit Stephan-Uwe Lagies, dem Leiter Unternehmenskommunikation der RWE Dea, per E-Mail ein Interview über den Stand der Dinge.

Nach den Benzolfunden im oberflächennahen Grundwasser hat die RWE Dea Ende Mai mit der Sanierung begonnen. Wie weit und mit welchen Ergebnissen ist sie damit bisher gekommen?

Im ersten Sanierungsfeld haben wir bisher gute Ergebnisse erzielt. Das heißt, dass nach einer Anregungsphase die Benzolwerte nun deutlich zurückgehen. Das gewählte Air-Sparging-Verfahren ist zielführend, kann weiter optimiert und für weitere Sanierungsabschnitte vorbereitet werden. Entsprechende Betriebsplananträge sind in Arbeit. Mittlerweile hat RWE Dea nach Genehmigung der Behörden ein weiteres, biologisches Sanierungsfeld eingerichtet (im Bereich der Lagerstättenwasserleitung 951). Bei diesem Verfahren wird der biologische Abbau des Benzols durch den Einsatz von Nährstoffen beschleunigt. Nullmessungen wurden gerade durchgeführt, mit ersten Ergebnissen ist in einigen Wochen zu rechnen. Auch sie werden auf unserer Website www.bürgerinfo-voelkersen.de veröffentlicht.

Der zuletzt gemessene Höchstwert beträgt?

Die Anwendung des Air-Spargings hat zu einer signifikanten Anreicherung des Grundwassers mit Sauerstoff geführt, die den biologischen Abbau des Benzols angeregt. Vor Sanierungsbeginn wurden umfangreiche Einzelmessungen entlang des Leitungsnetzes durchgeführt, die für die Sanierung eingerichteten Messpegel zeigten bereits beim Start teils sinkende, wenn auch schwankende Werte. Durch das auf dem Sanierungsfeld installierte Messpegelnetz wurden im Juni Werte von höchstens 5000 Mikrogramm/Liter gemessen. Im Durchschnitt liegt der Wert bei etwa 1100 Mikrogramm. Neue Ergebnisse werden wir in Kürze veröffentlichen – die bisherigen Auswertungen ergaben erfreulicherweise weiter deutlich fallende Werte in der Tendenz. Die Sanierung geht dann sukzessive nach den jeweiligen Genehmigungen mit dem Einrichten neuer Felder weiter, bis der seitens der Behörden vorgegebene Sanierungszielwert unterschritten ist (10 Mikrogramm/Liter, die Redaktion).

Die Bürgerinitiative "No Fracking" beklagt, dass beim angekündigten Rückbau der Lagerstättenwasserleitungen – durch die das Benzol diffundiert ist – kein Fortschritt erkennbar sei. Wann startet die RWE Dea damit und wie lange wird es dauern, bis das komplette Netz von 22 Kilometer Länge entfernt ist?

22 Kilometer Leitungen "reißt" man nicht einfach heraus, das gebietet die Sorgfaltspflicht. Der Rückbau muss sorgfältig geplant, über Sonderbetriebspläne beantragt und genehmigt werden. Mit dem Rückbau der Leitung im Wasserschutzgebiet Panzenberg soll noch – wie angekündigt – im Sommer begonnen werden. Der entsprechende Antrag befindet sich im Genehmigungsprozess, was beispielsweise eine Beteiligung des Landkreises mit der Unteren Wasserbehörde beinhaltet. Die anderen Leitungsabschnitte werden in Schritten entfernt, beispielsweise vor dem Start von weiteren Sanierungsfeldern entlang der Leitung 954 direkt vor dem Start der Grundwassersanierung. Auch hier soll es in diesem Jahr noch vorangehen.

Ihr Unternehmen hat angekündigt, bei der Entsorgung des Lagerstättenwassers über neue Wege nachzudenken. Wie weit sind die Überlegungen inzwischen gediehen?

RWE Dea hat die Verpressung von Lagerstättenwasser in die Bohrung Völkersen H1 (Scharnhorst) trotz technischer Unbedenklichkeit vorläufig eingestellt. Möglich wurde diese Maßnahme durch die Aufnahme alternativer Entsorgungswege, beispielweise über externe Entsorger. Um das Lagerstättenwasser-Management langfristig zu organisieren, untersuchen wir in Abstimmung mit den Behörden verschiedene Lösungskonzepte auf ihre Realisierung, auch unter Beibehaltung der jetzigen alternativen Entsorgungswege.Bis zur dauerhaften Einsatzfähigkeit und Genehmigung der Alternativen müssen wir uns aber vorbehalten – entsprechend der uneingeschränkt geltenden behördlichen Betriebserlaubnis – , die H1 wieder in Betrieb zu nehmen, falls dies betriebliche Belange für die Erfüllung bestehender Lieferverpflichtungen der Gasversorgung erfordern.Aufgrund der Lage der H1 im Wasserschutzgebiet ist uns aber die besondere Sensibilität und die Sorge der Bevölkerung um das Trinkwasser bewusst. Wir möchten nochmals betonen, dass die Qualität des Trinkwassers vom Panzenberg nach Aussage des Trinkwasserverbands unverändert und hoch ist. Dennoch arbeiten wir intensiv an alternativen Lösungen und sind hier mit verschiedenen Gruppen weiterhin im Dialog, da uns größtmögliche Transparenz und Akzeptanz im Umgang mit diesen Themen wichtig sind.

Die Bürgerinitiative fordert eine dezentrale Reinigung an jedem Bohrloch. Was spricht aus Ihrer Sicht dagegen?

Wie gesagt, untersuchen wir derzeit verschiedene Lösungen für das Lagerstättenwasser. Im Grundsatz unterscheiden wir zwischen Formen der Aufbereitung und der Verpressung im Untergrund. Wenn z.B. Lagerstättenwasser wieder in ehemalige Lagerstätten zurückgeführt wird, kommt es exakt dahin, wo es herkommt und bereits Millionen von Jahren sicher eingeschlossen war. Neben der Sicherheit und Zuverlässigkeit sind auch Ökobilanzen, Wirtschaftlichkeit und die Machbarkeit wichtig für zukünftige Lösungen. Die Vorüberlegungen zeigen, dass dezentrale Aufbereitung gegenüber zentralen Varianten einige erhebliche Nachteile aufweisen wie zum Beispiel beim Energieaufwand oder beim Transport. Aufgrund des hohen Salzgehaltes des anfallenden Wassers ist beispielsweise bei einer dezentralen Aufbereitung an jeder Förderstelle eine große Zahl an LKW-Fahrten nötig, um Salz, Schlämme und andere abgetrennte Stoffe und Betriebsmittel zu transportieren. Wir befürworten deshalb zentrale Lösungen oder die Verpressung in ehemaligen Lagerstätten, die über einen Probebetrieb zu testen wäre. Aber wie schon erwähnt: Noch sind wir in der Konzeptphase für langfristige Lösungen.

Die Forderung nach einem Verzicht auf die Fördermethode Fracking ist wegen der Benzolverseuchung zwar etwas in den Hintergrund getreten, liegt aber weiterhin auf dem Tisch. Plant die RWE Dea gegenwärtig weitere Fracs in Völkersen und anderswo?

Dass gerade ein wenig Ruhe in die Debatte eingekehrt ist, begrüßen wir, schließlich handelt es sich bei Fracking und bei der Benzolverunreinigung an unserem Lagerstättenwasserleitungsnetz um zwei verschiedene Themen. Hier wird in der öffentlichen Debatte vieles vermischt, z. B. Fracking in konventionellen und in unkonventionellen Lagerstätten ("shale gas"). Wir möchten nochmals betonen, dass die RWE Dea ausschließlich Erdgas aus konventionellen Lagerstätten fördert, auch mittels Hydraulic Fracturing. Dies ist bei deutschen Gasbohrungen übrigens erst in Tiefen ab 4500 Metern der Fall. RWE Dea verwendet dazu nicht giftige und nicht umweltgefährdende Produkte. Wir führen das Verfahren seit mehr als 30 Jahren störungsfrei durch und planen, dies auch weiterhin zu tun, um das Förderverhalten von Erdgasbohrungen zu verbessern und somit zur heimischen Energieversorgung beizutragen.Wir haben zur Zeit allerdings keinen Frac beantragt bzw. unsere Anträge vorerst zurückgestellt. RWE Dea wird die ausstehende Rundverfügung des LBEG abwarten, von der wir erwarten, dass auch eine Beteiligung im Landkreis verstärkt werden wird. Aufgrund dieser Basis entscheiden wir dann über Einreichen von Anträgen. Auch bei diesem Thema werden wir weiterhin mit der Bürgerinitiative und anderen öffentlichen Gruppen in Dialog stehen.

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