Zukunftskommission Landwirtschaft

„Hier steht etwas auf dem Spiel“

Elisabeth Fresen führt einen Biohof bei Verden. Sie fragt sich, wie lange noch. Doch Fresen will das Höfesterben nicht hinnehmen. Als Teil der Zukunftskommission Landwirtschaft kämpft sie für eine Agrarwende.
18.09.2020, 19:30
Lesedauer: 4 Min
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„Hier steht etwas auf dem Spiel“
Von Nico Schnurr
„Hier steht etwas auf dem Spiel“

„Natürlich mache ich mir Sorgen um meine Zukunft“: Elisabeth Fresen, 29 Jahre alt, führt einen Biohof bei Verden. In Berlin will sie für eine Agrarwende kämpfen.

Björn Hake
Frau Fresen, während in den vergangenen Jahren Tausende Landwirte ihre Betriebe aufgegeben haben, haben Sie einen Hof übernommen. Wer ist verrückt: die anderen oder Sie?

Elisabeth Fresen: Niemand. Den Hof zu schließen, ist leider alles außer verrückt, sondern für viele eine traurige Notwendigkeit, weil es sich unter den aktuellen Bedingungen für viele Betriebe nicht mehr rechnet.

Und dann übernehmen Sie den Biohof Ihres Vaters?

Ich sehe darin eine große Chance, meine eigenen Ideale umsetzen.

Sie sehen keine Probleme?

Natürlich mache ich mir Sorgen um meine Zukunft, vor allem wegen des Klimawandels und der niedrigen Marktpreise.

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Aber Sie machen ja weiter.

Ich bin Bäuerin geworden, weil ich mit meiner Arbeit einen konkreten Beitrag für Klimaschutz, artgerechte Tierhaltung und die Artenvielfalt leisten will. Damit ich Bäuerin bleiben kann, muss sich das aber auch irgendwie rechnen.

Das tut es nicht?

Bislang nicht. Aber wir leben ja in einer Demokratie, man kann sich einmischen und versuchen, politische Rahmenbedingungen zu ändern.

Gerade erst haben Sie den Hof übernommen und nun sitzen Sie schon unter anderem mit der Kanzlerin in der Zukunftskommission Landwirtschaft.

Schon bevor ich den Hof übernommen habe, bin ich in der Agrarpolitik aktiv gewesen. Ich finde das nicht so bemerkenswert. Das Problem ist doch eher, dass es so außergewöhnlich ist, dass ich als junge Frau an der Spitze einer bäuerlichen Organisation stehe. In manchen landwirtschaftlichen Verbänden hätte ich keine Chance gehabt, da gibt es keine durchlässigen Strukturen. Ich finde es aber wichtig, dass auch junge Menschen über die Zukunft der Landwirtschaft verhandeln.

Sie haben sich lange für die Zukunftskommission stark gemacht. Warum eigentlich?

Es geht so einfach nicht weiter. Wir brauchen eine Agrarwende hin zu einer vielfältigeren Landwirtschaft. Wenn wir nichts tun, werden immer mehr Betriebe verschwinden, in immer kürzeren Abständen werden Höfe sterben. An ihrer Stelle würden einige wenige hoch spezialisierte Großbetriebe treten.

Warum wollen Sie das verhindern?

Die Corona-Krise hat doch gezeigt, wie anfällig eine Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie ist, deren Betriebe so groß und hoch spezialisiert sind. Zum Beispiel war die Spargelernte in diesem Jahr allein deshalb in Gefahr, weil kaum Arbeitskräfte aus dem Ausland herkommen konnten. Sobald ein Faktor nicht stimmt, bedeutet das für spezialisierte Betriebe sofort Existenznot. Sie können Ausfälle nicht anderweitig ausgleichen. Schuld daran sind vor allem eine deutsche und europäische Agrarpolitik, die uns Bäuerinnen und Bauern in die Spezialisierung treibt, große Betriebe bevorteilt und Subventionen unabhängig von der Bewirtschaftungsweise vergibt.

Was spricht denn überhaupt für die aktuelle Agrarpolitik?

Aus Sicht der Bäuerinnen und Bauern eigentlich nicht viel. Dennoch reagiert ein Großteil der Betriebe auf den Anreiz aus der Agrarpolitik, um jeden Preis zu wachsen, und verstrickt sich in große Abhängigkeiten.

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Und wer hat dann etwas davon?

Die Lebensmittelindustrie ist zum Beispiel an billigen Rohstoffen interessiert, die wollen keine gesunden, regionalen Lebensmittel. Für sie zählt nur die Masse, also ist es für sie nicht schlecht, wenn es nur noch Riesenhöfe gibt, die möglichst Einheitsbrei erzeugen, den sie zu Einheitspreisen verscherbeln können.

Wie kann eine Abkehr von diesem Modell gelingen?

Zuerst braucht es einen Gesellschaftsvertrag für die Landwirtschaft. Wir sollten die Zukunftskommission nutzen, um uns auf so etwas zu verständigen.

Was stellen Sie sich darunter vor?

Wir müssen uns darauf einigen, wohin es mit der Landwirtschaft gehen soll. Als Gesellschaft brauchen wir ein klares Bild davon, wie die Ställe der Zukunft, wie die Landbewirtschaftung und Kulturlandschaft aussehen sollen.

Stellen sich die Bauern, die auf ihren Traktoren in den Städten protestieren, unter diesem Idealbild das gleiche vor wie Sie?

Wir sollten uns nicht aufspalten lassen. Der Protest von „Land schafft Verbindung“ war anfangs stark von der Wut über die Düngeverordnung geprägt. Inzwischen hat sich die Bewegung breiter aufgestellt, sie ist auch Teil der Zukunftskommission. Die Bauernschaft ist natürlich nicht immer einer Meinung, aber wir sind nicht so zerstritten, wie es manchmal scheint. Wir können uns zusammenraufen. Hier steht etwas auf dem Spiel, das uns alle angeht: die Zukunft unserer Höfe und der Zustand der Umwelt.

Sie meinen den Klimawandel?

Ich denke, alle Landwirte wollen das Klima und die Artenvielfalt schützen. Aber das muss auch finanziell machbar sein. Die derzeitige Landwirtschaft trägt einen Teil zum Klimawandel beim, zum Beispiel indem sie Soja-Futtermittel aus Brasilien importiert, für die der Regenwald gerodet wird. Den einzelnen Bäuerinnen und Bauern kann man nur bedingt einen Vorwurf machen, der Preisdruck zwingt sie dazu. Aber so muss es ja nicht bleiben.

Wie sieht die Alternative aus?

Die Landwirtschaft kann auch einen Beitrag leisten, um den Klimawandel einzudämmen. Durch Humusaufbau und Weidehaltung kann zum Beispiel Kohlenstoffdioxid im Boden gebunden werden. Bäuerinnen und Bauern können die Krise befeuern oder sie abbremsen. Klar ist: Die Landwirtschaft spürt die Folgen des Klimawandels als erstes. Das haben spätestens die vergangenen Dürresommer gezeigt. Es werden wohl nicht die letzten bleiben. Deswegen wartet viel Arbeit auf uns in der Zukunftskommission.

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Die Kommission hat im September die Arbeit aufgenommen. Wie geht es jetzt weiter?

Der Abschlussbericht soll nächstes Jahr im Juni vorgestellt werden.

Was erhoffen Sie sich konkret davon?

Ich hoffe, dass wir die nationale Ausgestaltung der EU-Förderrichtlinien, die bald reformiert werden, beeinflussen können. Und ich hoffe, dass es die Themen der Zukunftskommission in die Koalitionsverhandlungen nach der nächsten Bundestagswahl schaffen.

Klingt ambitioniert.

Ich mache das nicht als Beschäftigungstherapie, sondern weil ich überzeugt bin, dass wir mit der Zukunftskommission etwas bewegen können.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Elisabeth Fresen (29) leitet einen Grünlandbetrieb mit Mutterkuhhaltung bei Verden. Die Biobäuerin ist Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft. Seit September nimmt sie in Berlin an der Zukunftskommission Landwirtschaft der Bundesregierung teil.

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