Serie "Blick zurück" Ein Uphuser Wahrzeichen

150 Jahre ist die Uphuser Windmühle alt, die vor etwa 60 Jahren zu einer Wohnung umgebaut wurde. Von dem Müllermeistern Johann Viebrock und Friedrich Fröhlke wurde die Mühle einst bewirtschaftet.
09.11.2021, 14:08
Lesedauer: 4 Min
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Von Rainer Pöttker

Nach 150 Jahren hat das alte Windmühlengebäude auf dem Uphuser Wind-Mühlenberg ausgedient. Die ausgefallene „Wohnung mit Weitblick“ und traumhafter Sicht aus dem Mühlenkopf über die Marsch bis auf die andere Weserseite nach „Güntssiet“ wurde samt Grundstück verkauft und soll einem modernen Wohngebäude weichen. Etwas versteckt hinter einem hohen Silo, auf der einzigen noch vorhandenen Kuppe der ehemaligen Roggenberge, findet man die Uphuser Windmühle.

Schon lange stehen dort die Räder still und seit gut 90 Jahren wird sie „zweckentfremdet" genutzt. Viel ist schon über ihre Entstehungsgeschichte gemunkelt worden, Genaueres kaum bekannt. Jeder Müller war auf einen gewissen Einzugsbereich angewiesen, den er mit mehr oder weniger stichhaltigen Argumenten zu halten versuchte. Aber eigentliche "Zwangsmahlgäste" gab es  nicht. Man suchte sich die Mühle aus, die am nächsten lag oder wo man am besten bedient wurde.

So konnte es dann aber auch dazu kommen, dass die Mühlenbesitzer sich gegenseitig denunzierten, des eigenen Vorteils halber. Dieses änderte sich erst 1869 durch die Einführung der Gewerbefreiheit im Staate Preußen, dem das ehemalige Königreich Hannover 1866 nach dem verlorenen Waffengang bei Bad Langensalza als preußische Provinz einverleibt wurde. Die Holländerwindmühlen schossen daraufhin wie Pilze aus dem Boden, sodass man schon von einer Überbesetzung des Müllerhandwerks sprechen konnte.

Es begann im Oktober 1871 mit dem Bauantrag von Johann Viebrock aus Morsum an das „Königliche Amt Achim“ zwecks Errichtung einer Windmühle im Dorfe Uphusen. Sie sollte auf einer Anhöhe von 40 Fuß, dem sogenannten Windmühlenberg, in einer Entfernung von 20 Ruthen von der Chaussee zu stehen  kommen. Etwas problematisch war der Abstand zur Heerstraße schon, denn wegen der südlichen Lage des Bauplatzes und der Höhe des Berges warfen die rotierenden Flügel des Mühlenbauwerks den größten Teil des Tages einen Schatten auf die Heerstraße und konnten damit die Pferdefuhrwerke erschrecken, sodass die Gefahr des Durchgehens des Gespanns bestand.

Ausnahmsweise genehmigt

Dieses war von „Amtswegen“ nicht erwünscht, wurde aber ausnahmsweise  genehmigt – trotz der damals schon üblichen Windrose bekam die Uphuser Mühle ebenfalls noch eine „Steertsteuerung“ – vermutlich aus Kostengründen. Und wegen der vorteilhaften Lage zum Wind auf der höchsten Kuppe der Roggenberge errichtete man das Mühlengebäude als sogenannten Erdholländer, das heißt ohne umlaufende Galerie auf dem „ersten Boden“ oder Stockwerk.

Schon 1894 verließ sich der Müllermeister Viebrock nicht mehr allein auf die Windkraft, sondern errichtete unten an der Heerstraße eine Dampfmühle. Somit ging die Uphuser Mühle schon in recht jungen Jahren den Weg aller Windmühlen – sie verlor zunehmend an Bedeutung und rückte ins zweite Glied. Auch Meister Viebrock verkaufte bald darauf, im Jahre 1902, seinen Mühlenbetrieb mit sämtlichen Gebäuden an den Müllermeister Friedrich Fröhlke.

Etwa 1925 zog dieser die Bremse an der Windmühle ein letztes Mal an und nutzte sie die nächsten zwölf Jahre ausschließlich als Abstellraum und Lager. 1934 kam wieder Leben ins Gebäude, Kommandos schallten übers Gelände und die Stiefel der Hitlerjugend stapften im Gleichschritt über den ausgetretenen Mühlenboden – die Ortsgruppe Uphusen-Mahndorf belegte nach einem im Stil der Zeit aufgezogenen Übergabeappell die Mühle.

Heim der Hitlerjugend

Etwa sechs Jahre lang konnte die Mühle als Heim der Hitlerjugend (HJ) genutzt werden, dann holte auch der Krieg in der Heimat die Mühle ein, der ganze Mühlenberg mit der Mühle selbst kam unter militärischen Befehl und wurde zu einem Luftbeobachtungs- und Gefechtsstand ausgebaut. Die schöne, strohgedeckte Haube wurde abgerissen und durch Glasscheiben ersetzt. Diese waren zwar durchsichtig, spiegelten sich aber in der Sonne und verrieten den anfliegenden feindlichen englischen und amerikanischen Flugzeugen bald, was in der Uphuser Mühle los war.

Bald darauf ersetzte sie das zuständige Luftabwehrkommando mit nicht reflektierenden Wellblechplatten. Den Krieg überstand die Mühle unbeschadet, bot aber zusehends einen trostloseren Anblick und nachdem man ihr 1949 die Flügel amputierte, schien es um dieses Uphuser Wahrzeichen geschehen zu sein. 1950 kaufte ein Herr Samland die Ruine und machte aus der damaligen Wohnungsnot eine Tugend, er baute sich eine exklusive Wohnung in den achteckigen Grundriss – mit traumhafter Aussicht über die Wesermarsch. Das Strohdach wurde erneuert und die alten Wunden wurden geschlossen.

Anfang der 1960er-Jahre ging das Mühlengebäude in andere Hände über. Wer in dem mit  Reet gedeckten Mühlenkopf sitzt, die Gedanken und den Blick schweifen lässt, meint, unten im Mühleninnern immer noch den Betrieb zu hören: das Schnurren der beiden Futterschrotgänge und das etwas feinere Singen des Mahlganges für Backschrot.

Neben seiner guten Nase fürs Geschäftliche war Müllermeister Fröhlke auch als hervorragender Erzähler in Uphusen und umzu bekannt, denn ein richtiger Müller musste seinen Beruf erarbeiten und erwandern. Bei den älteren Uphusern ist der alte Friedrich Fröhlke unvergessen, mit seinem Mühlenbetrieb hatte er sich in der Umgebung großes Ansehen verschafft, besaß aber immer ein offenes Ohr für die Nöte kleiner Leute, besonders in den Hungerjahren nach dem Ersten Weltkrieg: Die zugeteilten Roggenmehlmarken zum Brotbacken reichten oft hinten und vorn nicht, um die hungrigen Mäuler zu Hause ausreichend zu stopfen, dabei konnte es passieren, dass er die im Mahlraum abgetrennten Marken offensichtlich einzusammeln "vergaß" und sie blieben dort achtlos liegen, um nebenan im Kontor das Geld zu wechseln.

Gewollte Gleichgültigkeit

Diese gewollte Gleichgültigkeit hatte sicher zur Folge, dass manch kleiner Kunde die Marke wieder an sich nahm. Der Müller hat sich sicher in irgend einer anderen Form schadlos gehalten. 75 Jahre Radiogeschichte endete nach zwölfjähriger Sammelleidenschaft 2010 in und um das Uphuser Windmühlengebäude und der Besitzer machte aus Altersgründen sein privat aufgebautes Mende-Museum zu. Obwohl das Museum nur an zwölf Tagen im Jahr geöffnet hatte, kamen insgesamt mehr als 1200 Besucher während der ausgesprochen kurzen Besuchszeiten in den Mühlenanbau und bestaunten die gesammelten Schätze und Raritäten aus der langen Geschichte der ehemaligen Nordmende-Werke an der „Funkschneise“ in Bremen-Hemelingen.

Die Mühle war jahrzehntelang der höchste Punkt in Uphusen, nun überragen Silos und Antennen die Landmarke und neuerdings dominieren die schlanken Masten der in der Nähe aufgestellten Windräder. Abschließend ist noch anzumerken, dass der letzte Eigentümer seine Mühle „mit ins Grab“ genommen hat, denn auf der Platte ist die Mühle in Stein gemeißelt als Umriss verewigt.

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