Ausweichquartier in Corona-Zeiten

Verdener Stadthalle verwandelt sich in Gerichtssaal

Die Verdener Justiz darf das Holz am Holzmarkt bis Ende Oktober oder bei Bedarf auch länger nutzen. Das Hallenmanagement wünscht sich derweil mehr Planungssicherheit.
10.05.2020, 22:40
Lesedauer: 3 Min
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Von Angelika Siepmann
Verdener Stadthalle verwandelt sich in Gerichtssaal

Dreimal pro Woche darf das Gericht in der Verdener Stadthalle tagen.

FOCKE STRANGMANN

Bei der Premiere hatten mutmaßliche „Planenschlitzer“ ihren Auftritt – in Fußfesseln und flankiert von Justizwachtmeistern. Doch weder diese Mitwirkenden noch alle weiteren Mitglieder des Ensembles waren in der Verdener Stadthalle auf der Bühne zu sehen. Diese war völlig zugehängt und bildete bloß den grauen Hintergrund für die erste Veranstaltung der neuen Art, die nun in der multifunktionalen Halle am Holzmarkt ablaufen: Das Landgericht (LG) hat hier ein geräumiges Ausweichquartier gefunden, das die Einhaltung der Corona-Schutzmaßnahmen gewährleistet.

Schon vor Wochen, als sich immer deutlicher abzeichnete, dass selbst der große Schwurgerichtssaal unter den aktuellen Bedingungen nicht bei allen anstehenden Prozessen ausreichen könnte, hatten LG-Präsident Gerhard Otto, sein Vize Stefan Koch und Kollegen nach einer geeigneten Alternative Ausschau gehalten. Vor allem die nur wenige hundert Meter vom Justizzentrum entfernte Stadthalle mit ihrer variablen Bestuhlung schien die Anforderungen zu erfüllen: Auch Verhandlungen mit vielen Verfahrensbeteiligten sind bei Wahrung der Abstandsrichtlinien problemlos abzuwickeln. So wurden denn, in Abstimmung mit dem Ministerium in Hannover und dem Oberlandesgericht Celle, auch bald Nägel mit Köpfen gemacht.

Verhandlungen dreimal pro Woche

Nach Mitteilung des stellvertretenden Pressesprechers Nikolai Sauer hat das Landgericht mit der Stadthallen GmbH einen Mietvertrag abgeschlossen, der die Nutzung der Räumlichkeiten zeitlich – vorerst - in zwei Punkten fixiert: Das Gericht kann dort bis Ende Oktober dreimal pro Woche Verhandlungen abhalten. Eine Fortsetzung und bei Bedarf Erweiterung seien nicht ausgeschlossen, sagte Sauer. Dies bestätigte auch Hallen-Leiterin Silvia Voige. Wenn ab September unter Umständen wieder einige „normale“ Events möglich seien, werde es entsprechende Absprachen und Terminkoordinierungen geben.

Ehe das Gericht Anfang vergangener Woche seine Filiale in Betrieb genommen hat, herrschte in der Halle ungewöhnlicher Leerlauf – wie gegenüber im Deutschen Pferdemuseum und in der Stadtbibliothek (aber ganz anders als im Einkaufsmarkt an der Stirnseite des ausladenden Gebäudekomplexes). Ab Mitte März musste das vielgestaltige Veranstaltungsprogramm notgedrungen auf Null heruntergefahren werden. Dass nun auf andere Weise im wochenlang verwaisten Haus wenigstens wieder etwas los ist, kann Managerin Silvia Voige nur begrüßen. „Wir freuen uns, dass wir dem Gericht helfen und die Möglichkeit bieten können, Verhandlungen ordnungsgemäß stattfinden zu lassen“.

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So erlebte die stets präsente Hallenchefin denn auch schon Szenen eines für den Kulturort ungewöhnlichen „Schauspiels“. Vor der Eröffnung des Prozesses um schweren Bandendiebstahl wurden die vier Angeklagten über die Gänge zu ihren vorgesehenen Plätzen am Schauplatz des Gerichtsgeschehens geführt: Untersuchungshäftlinge „in Ketten“ und schwer bewacht. Als es noch gänzlich unbewacht war, soll das Quartett aus Belarus und einige unbekannte Komplizen ihr kriminelles Unwesen bevorzugt auf Rastanlagen und Parkplätzen entlang der Autobahn A7 getrieben haben: Laut Staatsanwaltschaft schlitzte es die Planen von Lastwagen auf oder knackte die Plomben von Ladetüren, um an die lukrative Fracht zu gelangen, zum Beispiel knapp 200 Fernsehgeräte und 200 Akkustaubsauger.

TV-Team beim ersten Strafprozess

Apropos Fernsehen: Ein TV-Team war auch zur Stelle, als in der Stadthalle die letzten Vorbereitungen zum Start des ersten Strafprozesses liefen. Während die „Erstaufführung“ schnell vorüber war, weil im Wesentlichen nur das Verlesen der Anklageschrift anstand, zog sich die zweite Hauptverhandlung am Mittwoch deutlich länger hin. Drei Männer aus Osterholz-Scharmbeck müssen sich erneut wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Deren insgesamt sieben Verteidiger hatten im April, wie berichtet, heftige Kritik an den Voraussetzungen im inzwischen an zahlreichen Stellen „verglasten“ Landgerichtssaal geübt und mit Nachdruck einen anderen, größeren Verhandlungsort gefordert.

Der jetzt gebotene schien den Rechtsanwälten recht zu sein, zumindest in räumlicher Hinsicht. Unterm Strich sei die Stadthalle „gut angenommen“ worden, sagte Nikolai Sauer bei einer kleinen Bilanz der Auftaktwoche in der Dependance. „Kinderkrankheiten“ seien schnell erkannt worden und würden umgehend behoben. Dies bezieht sich besonders auf die zum Teil noch mangelnde Akustik. Das Gericht hat die Halle weitgehend „ohne Technik“ gemietet. Mit zusätzlichen Mikrofonen wird dafür gesorgt, dass im gesamten Raum alle Anwesenden alles hören können – auch oben im Zuschauerbereich. Zu justizspezifischen Sicherheitsvorkehrungen im Gebäude wollte sich Sauer nicht äußern.

Silvia Voige hofft derweil auf möglichst schnelle Angaben, „klare Vorgaben“ der zuständigen Behörden, wie es mit dem eigentlichen Programm in der Stadthalle weitergehen könnte und dürfte. „Wir wie auch andere Veranstalter wünschen uns mehr Planungssicherheit“. Etliche fürs Frühjahr gebuchte Veranstaltungen sind zunächst in den Herbst verlegt worden. Wie es weitergeht, steht zurzeit noch nicht fest. Jedenfalls steht das Verdener Stadthallen-Team in den Startlöchern.

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