Umgang mit Lebensmitteln Damit Essen nicht zu Müll wird

Die Initiative „Zu gut für die Tonne!“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft wirbt für einen verantwortungsvollen Umgang mit Lebensmitteln. Das ist längst geübte Praxis in der Region.
29.09.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Ina Friebel

Die Deutschen werfen jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll. Die Initiative „Zu gut für die Tonne!“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft wirbt für einen verantwortungsvollen Umgang mit Lebensmitteln. 2016 wird erstmals ein Preis verliehen, der die beste Idee zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen auszeichnet.

Abittin Tuncel ist Betreiber des Schulkiosks und des Bistros im Achimer Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasium und setzt auf gute Kalkulation. Das Mittagessen für die Schüler wird von einem Caterer geliefert. „Wenn doch einmal etwas übrig bleibt, ermutigen wir die Schüler, sich Nachschlag zu holen“, sagt Tuncel. „Bei uns wird sehr wenig weggeworfen.“ Abends, wenn das Bistro auch für die Öffentlichkeit zugänglich ist, steht Tuncel selbst am Herd. Auch in seiner Küche bleibe kaum etwas übrig, schildert der Gastronom. Damit immer alles frisch ist, geht er zwei bis drei Mal in der Woche einkaufen. „Vieles davon verwende ich auch für den Schulkiosk“, erzählt er. „So kann ich gewährleisten, dass immer alles frisch ist und fast nichts übrig bleibt.“

Reste-Büfett

Edward van Hoorn ist Koch an der Wümmeschule. Auch er muss fast nichts von seinem Essen wegwerfen. „Wir bieten jeden Mittag zwei verschiedene Gerichte an“, sagt er. „Die Reste vom Vortag werden an einem Büfett angeboten. Das funktioniert sehr gut.“ Zusätzlich kalkuliere er so, dass das Angebot auch von den Mengen her passe. Das sei allerdings schwierig, da er nie wisse, wie viele Schüler zum Essen kämen. Trotzdem – dank des Buffets – werde kaum etwas weggeworfen. Und: „Aus den trockenen Brotresten fertigen wir Paniermehl.“

Ralf Semken, stellvertretender Marktleiter bei Rewe in Langwedel, und sein Team legen ebenfalls Wert darauf, möglichst nach Bedarf zu kalkulieren. „Wir versuchen so zu bestellen, dass wir möglichst wenig wegwerfen müssen“, sagt er. Wenn doch etwas übrig bleibt, das kurz vor dem Verfallsdatum steht, spendet der Supermarkt die Ware an die Kirche. „Dort wird dann für Bedürftige gekocht oder es wird verteilt“, sagt Semken. Trotzdem bleibt es nicht aus, dass etwas weggeworfen werden muss. Viel sei das nicht, betont der stellvertretende Marktleiter. „Am ehesten verderben Frischwaren wie Obst und Gemüse oder Joghurt. Obwohl man den auch lange nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums noch essen könnte“, weiß Semken. Trotzdem werde die Ware weggeworfen. „Wir müssen auf Nummer sicher gehen. Wir spenden die Lebensmittel nur, wenn sie noch haltbar sind.“

Geschickte Planung

Auch Jan Lampe, Inhaber des Bootshauses in Achim-Uesen, geht stets auf Nummer sicher. „Reste von fertigen Gerichten dürfen nicht gespendet, sondern müssen aus hygienischen Gründen weggeworfen werden“, sagt er. „Natürlich kann das Personal übrig Gebliebenes essen oder mit nach Hause nehmen.“ Auch die Gäste können sich die Reste ihrer Mahlzeit einpacken lassen. Der Hotelinhaber und sein Team versuchen mit geschickter Planung zu vermeiden, dass allzu viel weggeworfen wird. Aber: „Gerade bei großen Veranstaltungen bleibt meist viel übrig“, berichtet Lampe. „Schließlich wollen wir den Gast zufriedenstellen. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn unsere Gäste nicht satt werden.“

Der Großteil der weggeworfenen Ware ist zubereitetes Essen. „Dass Lebensmittel verderben, passiert uns nicht. Wir verbrauchen alles“, sagt Lampe. „Wir kaufen vorausschauend ein. Das hat aber vor allem wirtschaftliche Gründe.“

Erfahrungswerte

Auch die Gastronomiebetriebe und der Lebensmittelhandel bei Dodenhof versuchen, Lebensmittelabfälle möglichst gering zu halten. „Wir arbeiten mit Re-Food und den Tafeln der Landkreise Verden und Rotenburg zusammen“, erläutert Pressesprecherin Michaela Strube. Die Speisereste aus der Gastronomie holt die Firma Re-Food ab, die sie zu erneuerbarer Energie weiterverarbeitet. „Gleichzeitig versuchen wir den Bedarf so zu ermitteln, dass nichts weggeworfen werden muss“, erklärt Strube. „Dabei spielen Erfahrungswerte eine große Rolle.“ Die Lebensmittel, die im Supermarkt des Einkaufszentrums kurz vor dem Verfallsdatum stehen, werden an die Tafeln abgegeben.

Fast 1000 dieser Einrichtungen gibt es in Deutschland. Eine davon ist auch in Achim zu finden. An sie geht die Ware, die im Einzelhandel nicht mehr verkauft werden kann. Das sind zumeist Lebensmittel, die ein bis zwei Tage vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum stehen. „Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist lediglich eine Vorgabe der Industrie“, sagt Rainer Kunze, Vorsitzender der Achimer Tafel. „Die Ware kann auch danach noch ohne Bedenken verzehrt werden. Sie büßt unter Umständen lediglich etwas an Qualität ein.“ Obst und Gemüse haben hingegen kein Mindesthaltbarkeitsdatum. „Der Marktleiter entscheidet nach optischen Aspekten, ob er die Ware noch verkauft oder nicht“, erläutert Kunze. Das Obst und Gemüse wird von den Mitarbeitern der Tafel, bevor es an die Kunden weitergeben wird, noch einmal kontrolliert. „Meist hat die Ware nur kleine Mängel, wie etwa ein braunes Salatblatt, das man entfernen kann, oder aber eine einzige schlechte Orange ein einem Ein-Kilo-Netz“, erzählt Kunze.

Der Vorsitzende der Achimer Tafel hält für Verbraucher einige Tipps bereit, wie sie Lebensmittelabfälle vermeiden können: „Die Leute sollten sich nicht von Aktionspackungen verführen lassen. Gerade, wenn es sich um einen Ein- bis Zwei-Personen-Haushalt handelt.“ Die großen Mengen an Lebensmitteln seien meist nicht zu schaffen. Zudem sollte der Verbraucher auch auf Waren der Handelsklasse B oder C zurückgreifen, die meist qualitativ hochwertig sind, aber optisch nicht ganz einwandfrei daher kommen.

„Allein die Tafel in Achim verbraucht 500 Tonnen Lebensmittel im Jahr“, sagt Kunze. Zehn Prozent davon müssen die ehrenamtlichen Mitarbeiter entsorgen oder an Tierhalter verschenken, weil es nicht mehr verwertbar ist. „Die größte Lebensmittelverschwendung findet im Kühlschrank statt“, gibt Kunze zu bedenken.

Weitere Informationen zur Initiative „Zu gut für die Tonne!“ sind im Internet unter www.zugutfuerdietonne.de zu finden.

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