Fridays for Future in Achim: Das Interview

„Das Organisieren haben wir drauf“

Anstatt Videospiele oder Fußball zu spielen, gehen diese beiden Jungs demonstrieren. Finn und Merlin haben den Protest von Fridays for Future nach Achim gebracht.
27.11.2019, 14:32
Lesedauer: 4 Min
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„Das Organisieren haben wir drauf“
Von Björn Struß
„Das Organisieren haben wir drauf“

Finn Steffens (links) und Merlin Hankel von Fridays for Future Achim.

Michael Galian

Merlin und Finn, ihr seid elf und 14 Jahre alt. Eure Klassenkameraden beschäftigen sich in der Freizeit wahrscheinlich mit Videospielen oder Fußball, ihr engagiert euch bei Fridays for Future für mehr Klimaschutz. Warum macht ihr das?

Merlin Hankel : Wenn wir jetzt nichts unternehmen, wird es uns Menschen zum Ende des Jahrhunderts nicht mehr geben. Schon unsere Generation wird die Folgen des Klimawandels spüren, unsere Kinder auch. Deshalb engagieren wir uns seit etwa einem halben Jahr und organisieren Proteste.

Finn Steffens: Ich will nicht, dass wir Menschen irgendwann auf einem anderen Planeten leben müssen. Deshalb muss jetzt etwas passieren.

Neben der Schule bleibt nicht viel Freizeit. Warum steckt ihr so viele Stunden in diese Sache?

Finn: Mir macht es einfach Spaß, andere Leute kennenzulernen, die sich auch engagieren. Inzwischen haben wir in ganz Niedersachsen Kontakte. Dazu gehören auch Organisationen wie der Nabu, BUND oder Greenpeace. Ja, das alles raubt Freizeit. Aber ich finde, es ist sinnvoll eingesetzte Zeit.

Merlin: Es ist auch toll, die Demonstrationen zu planen. Zu Anfang haben wir uns noch jeden Dienstag getroffen. Inzwischen reicht es, wenn wir uns alle zwei Wochen zusammensetzen. Das Organisieren haben wir inzwischen drauf.

Greta Thunberg hat im September beim UN-Klimagipfel in New York eine emotionale Rede gehalten. Sie sagte „Wie konntet ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen mit euren leeren Worten?“ Sie richtete sich an die Politik, man kann die Worte aber auch als Anklage der älteren Generationen verstehen. Macht ihr euren Eltern und Großeltern Vorwürfe, zu wenig getan zu haben?

Merlin: Meine Mutter fährt jeden Morgen mit dem Fahrrad zur Arbeit. Da gibt es nicht viel mehr, was sie noch für das Klima tun könnte.

Finn: Ich werfe meinen Eltern gar nichts vor. Im Gegenteil: Sie unterstützen mich. Schon seit ich denken kann nutzen wir keine Plastiktüten mehr.

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Es ist schon seit Jahrzehnten bekannt, dass es den Klimawandel gibt. Trotzdem ist es nicht genug passiert, um ihn zu stoppen.

Finn: Vielleicht hat man es den Menschen einfach nicht deutlich genug gesagt.

Was sagen denn eure Eltern dazu, wenn ihr mit Protestplakaten durch die Straßen zieht?

Merlin: Meine Mutter findet den Protest grundsätzlich gut, sagt aber auch, dass ich auf mich aufpassen soll. Aber das sagen wohl alle Eltern.

Finn: Mein Vater möchte immer, dass ich ihn von der Demo anrufe. Meine Mutter hat uns schon viel geholfen, zum Beispiel bei den Plakaten oder der Website.

Gab es für euch ein Erlebnis oder ein politisches Ereignis, nachdem ihr gesagt habt: „Jetzt will ich demonstrieren!“?

Merlin: Ich war beeindruckt, als zum ersten Mal über Greta berichtet wurde. Endlich macht jemand mal etwas. Ich kann mich noch gut an meine erste Demo erinnern. Das war am 15. März, als Greta in Hamburg war. Ich habe mich in die erste Reihe gedrängelt, weil ich sie unbedingt sehen wollte. Sie war dann aber sehr schnell wieder weg. So etwas Besonderes war es doch nicht. Aber die vielen Menschen waren sehr beeindruckend.

Finn: Im Internet bin ich durch Zufall auf einen sehr langen Bericht zum Klimawandel gestoßen. Danach habe ich mich mit Vielen darüber unterhalten und fand das Thema sehr wichtig. Eine Woche später kam dann die erste Nachricht über Greta.

Warum ist es für euch wichtig, dass Fridays for Future nicht nur in Großstädten wie Bremen protestiert, sondern auch hier in der Stadt Achim?

Merlin: Hier soll das Gewerbegebiet Achim-West entstehen. Wir als Ortsgruppe wollen, dass da auch an den Naturschutz gedacht werden soll: Baumschutz vor Baurecht. Der Bürgermeister meint aber, dass Achim Schulden hat und die Steuergelder für den Kitabau benötigt werden. Gemeinsam mit den Grünen wollen wir unsere Vorschläge in den Stadtrat bringen.

Finn: Es sollte in jeder Stadt auf den Klimawandel aufmerksam gemacht werden. Die Politiker reagieren erst, wenn du mit einem Plakat vor ihren Büros stehst und ihnen klar und deutlich deine Meinung sagst. Deshalb habe ich mit Merlin die Ortsgruppe Achim gegründet.

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Was unternehmt ihr abseits der Proteste, um den Klimawandel zu stoppen?

Merlin: An meiner Schule, der IGS Oyten, will ich gemeinsam mit zwei Lehrerinnen einen Schulwald pflanzen. Das ist für das Ende des kommenden Jahres geplant. Wir möchten auch eine Schülerzeitung gründen, in der es viel um Nachhaltigkeit gehen soll.

Finn: Ich esse nur einmal pro Woche Fleisch, ansonsten ernähre ich mich vegetarisch. Ich versuche auch, so viel wie möglich Bus und Bahn zu nutzen. Aber dafür müssen auch die Verbindungen gut sein. Um meinen Zahnarzt zu erreichen, müsste ich zum Beispiel eine Stunde auf einen Bus warten und dann drei Mal umsteigen. Das geht oft zeitlich gar nicht.

Am 20. September ist es euch gelungen, zum „Globalen Klimastreik“ in Achim über 200 Menschen auf die Straße zu bringen. Wie habt ihr diesen Tag erlebt?

Merlin: Es war überwältigend. Beim Anmelden der Demo hatten wir vielleicht mit 20 Menschen gerechnet.

Finn: Unser Lautsprecher war viel zu klein. Aber dann hat uns ein Pastor geholfen und riesige Boxen geholt.

Das Interview führte Björn Struß.

Info

Zur Person

Finn Steffens (11) ist Sechstklässler des Achimer Marktgymnasiums. Merlin Hankel (14) besucht die neunte Klasse der IGS Oyten. Gemeinsam haben sie die Achimer Ortsgruppe der Umweltbewegung Fridays for Future gegründet. Für Freitag, 29. November, rufen sie dazu auf, sich ab 13 Uhr an einer Mahnwache vor dem Achimer Rathaus zu beteiligen. Geplant ist auch eine Menschenkette quer durch die Fußgängerzone.

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